Herr Bruggmann, Sie sind Chefarzt beim Arud Zentrum für Suchtmedizin. Seit einigen Monaten berichten Medien darüber, dass immer mehr Schweizerinnen und Schweizer Kokain konsumieren. Wie gefährlich ist das?
Philip Bruggmann: Es gibt verschiedene Aspekte. Der Kokainkonsum ist einerseits körperlich schädlich und andererseits besteht das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Der körperliche Schaden ist dann besonders gross, wenn man Vorschädigungen hat, wie etwa vom Rauchen, oder wenn man älter ist. Auch die Menge spielt eine Rolle – je mehr Kokain man aufs Mal zu sich nimmt, desto grösser ist das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt.
In den Medien ist von einer Normalisierung des Kokainkonsums die Rede. Stimmt das wirklich?
Ja, Kokain wurde in den vergangenen Jahren zu einer weitverbreiteten Substanz. Diese wird vermehrt im Party-Setting konsumiert. Auch zusammen mit Alkohol. Denn: Kokain hebt die betäubende Wirkung des Alkohols auf und sorgt dafür, dass man weiter festen kann. Was ich ebenfalls beobachte: Es wird auch vermehrt Crack konsumiert. Allerdings von einer anderen Gesellschaftsschicht.
Das BAG hat schon zwei Runde Tische zu der aktuellen Crack-Situation in der Schweiz einberufen. Wie unterscheidet sich Crack von Kokain?
Crack ist eine Mischform aus Kokainsalz und Natron. Es wirkt viel schneller, aber auch viel kürzer. Das führt dazu, dass man immer wieder Nachschub benötigt und die Dosierung zunimmt. Die Folgen davon sind massive Abstürze. Die negativen Konsequenzen sind vielschichtig: körperlich, psychisch und auch sozial. Deshalb fallen die Leute, die von Crack abhängig werden, auch viel schneller auf als Kokainsüchtige. Denn sie landen schnell auf der Strasse, wo sie weiter konsumieren. Jene, die Kokain konsumieren, tun dies im privaten Rahmen: bei Partys, zu Hause oder auf der Arbeit.
Welche Auswirkungen hat Crack auf das Leben der Konsumenten?
Da die Crackwirkung nach kurzer Zeit sehr rasch wieder aufhört, muss wieder und wieder konsumiert werden, um nicht in ein Loch zu fallen. Zudem braucht es für die gewünschte Wirkung immer grössere Mengen. Die Konsumierenden können aggressiv und unruhig werden, was zu belastenden Situationen im öffentlichen Raum führen kann.
Was halten Sie von einer regulierten Kokainabgabe?
Das ist eine Massnahme, die man prüfen muss. Beim Kokain gibt es kein vergleichbares Medikament wie Methadon bei der Heroinkrise der 80er- und 90er-Jahre, das zuverlässig und sicher vor körperlichen und sozialen Schäden schützt. Damals verschrieb man den Betroffenen Methadon oder medizinisches Heroin. So konnte man diese Krise in den Griff bekommen. So etwas benötigen wir jetzt auch. Es ist schade, dass es immer eine Krise braucht, bis man Lösungen findet. Suchtmediziner verlangen schon lange Studien mit Kokainverschreibung – aber erst jetzt, wenn das Problem in der breiten Öffentlichkeit auffällt, kommt Bewegung in die Sache.
Sie ziehen Parallelen zu der grössten Drogenkrise, die dieses Land je durchstehen musste. Menschen aus meiner Generation haben das nicht erlebt. Die aktuelle Situation ist aber nicht so prekär, oder?
Nein, sie ist nicht vergleichbar mit den Platzspitz-Zeiten. Das waren viel grössere Dimensionen – man hatte den intravenösen Konsum und eine damit einhergehende HIV-Krise. Sehr viele Konsumierende sind damals gestorben. Auch die Menge, die damals im öffentlichen Raum konsumiert wurde, war massiv. Heute sind wir weit davon entfernt. Trotzdem: Es war jahrelang sehr still im Bereich Suchtpolitik und jetzt ist diese Problematik wieder aktuell, deshalb muss man nun Anpassungen treffen und Schadensminderung betreiben.
Sie sagen es selbst: Die Drogenpolitik in der Schweiz hat sich seit langem kaum verändert. Weshalb kam es denn nun zu einer Zunahme des Konsums?
In den vergangenen 15 Jahren wurde Kokain zu einer beliebten Substanz. Dies, weil immer mehr Kokain importiert wird, das billig ist und somit für die breite Masse zugänglicher. Zudem wird die Substanz als illegal deklariert und man überlässt die Regulierungen dem illegalen Markt – so hat man wenig Einfluss darauf. Es muss aber auch betont werden: Lange nicht jeder Mensch, der Kokain konsumiert, wird unbedingt abhängig.
Zum Schluss ein Blick ins Ausland. Noch nie starben in den USA so viele Menschen an Drogen wie heute. Dort sind Opioide wie Fentanyl das Hauptproblem. Weshalb ist diese Droge noch nicht auf den Schweizer Markt übergeschwappt?
Konsumtrends aus den USA sehen wir meist mit circa zehn Jahren Verspätung. Wir hatten lange kein Crack-Problem in der Schweiz. Die USA kämpfen schon lange damit, bereits vor der Opioiden-Krise. Ob synthetische Opioide wie Fentanyl bei uns auch auf den Markt kommen werden, wissen wir nicht. Klar ist aber, dass diese Substanzen sehr stark sind und eine lebensbedrohliche Wirkung haben: für Menschen, die noch nie zuvor konsumiert haben, aber auch für jene, die schon in einer Opioid-Behandlung sind. Deshalb bereiten wir uns darauf vor, dass eine Welle mit synthetischen Opioiden auf die Schweiz zukommen könnte – wir wollen mit allen Mittel verhindern, dass die Leute auch hierzulande an den Folgen sterben. Sicher ist, dass dank der guten Versorgungssituation im Suchtbereich in der Schweiz die Auswirkungen einer allfälligen Welle niemals das Ausmass von Nordamerika erreichen würden.
Heroin lässt sich leicht substituieren , wie eben mit Methadon oder Morphium Präparaten usw. Kokain ebenso Alkohol lässt sich bis jetzt nicht substituieren. Es gibt kein alternativ Medikamentation welche die Sucht Symptomatik abdecken.
Eine regulierte Kokain Abgabe deckt nur den Beschaffungs Druck sowie die soziale Isolation ab. Auch der Körperliche Zerfall lässt sich etwas auffangen.
Dann ist da noch die politische Frage des Zieles, ... Abstinenz oder reine Stabilisierung?
Selber habe ich nie konsumiert, nicht einmal ausprobiert.
Alle Drogen gehören legalisiert. Nur so kann den Dealern der Wind aus den Segeln genommen werden und die Konsumenten müssten sich für die Besorgung nicht mehr strafbar machen.
Ich habe selber erlebt, wie Frauen auf den Strich gingen, Männer mit HIV angesteckt haben, Läden überfallen wurden, schmutzige Spritzen benutzt wurden usw....