Die Migros geht in die Preisoffensive und hat laut verkündet, dass es keinen Grund mehr gebe, zum Discounter zu gehen. Macht Sie das nervös?
Nicholas Pennanen: Überhaupt nicht. Preissenkungen sind für uns normal. Wir haben dieses Jahr schon bei über 1000 Lebensmitteln die Preise gesenkt, im Non-Food-Bereich sogar bei über 1500. Wir haben das nicht so gross kommuniziert, bei uns sieht man das direkt im Regal. Aber der Preis ist nicht das einzige Kriterium.
Wie bitte? Lidl ist ein Discounter, und bei Discountern dreht sich alles um den Preis.
Unser Warenkorb ist tatsächlich der günstigste, das ist unser Kundenversprechen und das zeigen auch die unabhängigen Preisvergleiche, bei denen wir regelmässig zu den Testsiegern gehören. Aber im Zentrum steht bei uns immer die Preisleistung und die Qualität der Produkte, die immer einbezogen wird.
Dennoch: Wie reagieren Sie auf die Migros-Preisoffensive?
Preise zu senken, ist unser Kerngeschäft. Wir wollen Preisführer bleiben.
Sie erwähnen nur die Preissenkungen. Aber auch Lidl hatte zuvor die Preise erhöht.
Dies war im letzten Jahr aufgrund der steigenden Rohstoffpreise und der Inflation so. Aktuell sinken die Preise wieder, was unsere vielen Preissenkungen dieses Jahr auch zeigen.
Beim Fleisch gewähren Sie wie auch Ihre Konkurrenten neu Abschläge im zweistelligen Prozentbereich. Das heisst: Zuvor waren die Fleischpreise deutlich zu hoch.
Nein. Wir reagieren darauf, was auf dem Markt passiert. Und da sind nun mal die Preise gesunken. Wir sind mitgegangen.
Sprich: Sie haben auf die Ankündigung von Aldi, die Preise beim Fleisch bis zu 36 Prozent zu senken, reagiert. Das ist schon viel.
Wir haben uns sehr über diesen Schritt gewundert. Aber wir haben keine andere Wahl, als mitzuziehen. Schliesslich wollen wir die günstigsten bleiben.
Gleichzeitig versprechen Sie, dass die Fleischproduzenten, also die Bauern, nicht weniger Geld erhalten werden.
Die Fleischpreise gehen hier tendenziell sogar hoch. Das heisst: Unsere Margen sinken. Wir finanzieren das über das Gesamtsortiment.
Das heisst, das Fleisch wird quersubventioniert?
Bei bestimmten Fleischprodukten verdienen wir tatsächlich nichts mehr. Aber wir wachsen über alle Produkte hinweg gesehen sehr stark, was wiederum zu Effizienzen führt. So gesehen können wir auch punktuell auf Margen verzichten.
Die Preissenkung beim Fleisch bringt Kritik in Bezug auf die Nachhaltigkeit mit sich. Der Verkauf von Billigfleisch ist nicht ökologisch.
Ich verstehe die Bedenken vieler Organisationen. Tierhaltungsstandards sind meiner Meinung nach sehr wichtig, weshalb wir bei Lidl als erster Detailhändler der Schweiz das Tierwohl-Rating eingeführt haben. Aber ja, die Preise geraten durch solche Aktionen langfristig unter Druck.
Sie finden also die Preissenkungen nicht gut, aber Sie machen sie trotzdem, da Sie Angst haben, Kunden zu verlieren.
Es ist nun Mal unsere DNA, dass wir stets den günstigen Warenkorb anbieten wollen.
Ebenfalls nicht nachhaltig sind die offenen Kühlregale, die in Ihren Filialen stehen.
Unsere Kühlregale sind Teil der Filialkühlung und funktionieren sehr effizient. Dann müssen wir im Sommer nicht extra kühlen.
Und im Winter müssen Sie dafür doppelt heizen.
Es ist ein geschlossenes System, wir können dies nicht saisonal anpassen.
Hand aufs Herz: Es geht doch einfach darum, dass Türen beim Kühlregal den Greifreflex der Kunden dämpfen – und folglich den Umsatz schmälern.
Gemäss internationalen Studien ist das wahrscheinlich so, dass der Umsatz mit Türen sinkt.
Krankenkassenprämien und Mieten steigen, die Löhne können mit der Inflation nicht mithalten. Hat sich dadurch das Einkaufsverhalten verändert?
Fakt ist, dass wir sehr stark wachsen, stärker als alle unsere Mitbewerber. Wir zählen mehr Kunden, und diese geben auch mehr aus. Es gibt sicherlich die Tendenz, dass sich die Kunden für günstigere Alternativen statt für ein Premiumprodukt entscheiden.
Das heisst also: An Weihnachten gibt es eher Truten- statt Kalbfleisch?
Das werden wir sehen, aber vielleicht wollen sich die Menschen für das Weihnachtsfest auch mal etwas leisten, ohne immer so genau ins Portemonnaie zu schauen.
Sie haben Ihr Weihnachtsgeschenk schon erhalten. Der Bund senkt die Wertfreigrenze für den Einkauf im Ausland ab 2025 auf 150 Franken, um den Einkaufstourismus zu dämpfen.
Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Das führt in den Grenzregionen zu einem faireren Wettbewerb.
Sie haben zuvor gesagt, dass Lidl stärker als die Konkurrenz wächst ...
Das sagen die Daten des Marktforschungsunternehmens Nielsen. Wir wachsen im zweistelligen Prozentbereich – sowohl bei den Kunden als auch beim Umsatz.
Auch flächenbereinigt, also abzüglich der neuen Filialen?
Da gibt es keine Marktzahlen. Aber da sind wir auch sehr, sehr stark unterwegs. Wir gewinnen Marktanteile.
Schreiben Sie auch Gewinn?
Ja. Trotz Expansion und vielen weiteren Investitionen. Wir sind wirtschaftlich gut aufgestellt.
Aber beim Non-Food-Geschäft spüren Sie bestimmt die Billigkonkurrenz aus China wie Temu, Shein und Alibaba.
Momentan nicht. Jüngst hatten wir wieder ein Angebot an Heissluftfritteusen. Die wurden uns erneut komplett weggekauft – obwohl mittlerweile wohl jeder in der Schweiz eine Heissluftfritteuse haben sollte. Bettwäsche verkauft sich hierzulande übrigens überdurchschnittlich gut. Auch die Skikleidung läuft hervorragend. Aber wir sind in erster Linie Lebensmittelhändler, das ist unser Kerngeschäft.
In der Zwischenzeit haben auch der Billiganbieter Action sowie die deutsche Drogeriekette Rossmann angekündigt, in der Schweiz Fuss fassen zu wollen. Macht Ihnen das Sorgen?
Nein. Wettbewerb tut dem Schweizer Markt ganz gut. Das Land wird von den zwei Grossen, Migros und Coop, dominiert. Eine solche Situation mit einem solchen Duopol gibt es nur selten im europäischen Ausland. Zudem sind die Eintrittsbarrieren hoch, weil die Schweiz nicht in der EU ist, wegen der Dreisprachigkeit und weil die Standortfindung recht schwierig ist.
Sind Sie auch noch auf Standortsuche?
Ja. Wir sehen hier sehr, sehr viel Expansionspotenzial für uns. Wir haben soeben die 186. Filiale in Dübendorf eröffnet, noch Ende Januar eröffnen wir eine Filiale in Appenzell. Und auch im nächsten Geschäftsjahr kommt eine zweistellige Anzahl an Filialen dazu. Zehn, zwölf oder vielleicht auch mehr. Das hängt von Bewilligungen und Baufortschritten ab. So gehen wir auf die 200 Filialen zu.
Und was ist das Ziel in drei bis fünf Jahren?
Wir wollen in jedem Jahr eine zweistellige Anzahl an Filialen eröffnen. Das können mal zehn sein, in einem anderen Jahr fünfzehn. Mittelfristig ist ein Netz mit mindestens 250 Filialen realistisch. Unsere grösste Schwäche in der Schweiz ist aktuell, dass wir nicht so viele Filialen haben. Dennoch sind wir vom Umsatz her bereits der drittgrösste Detailhändler in der Schweiz.
Nach Migros inklusive Denner und Coop?
Genau, obwohl wir weniger Filialen haben als Aldi. Die Nähe zum Konsumenten ist hier sehr wichtig. Dieses Manko möchten wir ausmerzen. Da haben wir natürlich die Grossstädte im Visier, aber auch im ländlichen Raum haben wir noch weisse Flecken, und insbesondere in der Romandie.
Die Migros hat kürzlich 140 neue Filialen angekündigt. Das wird ein brutaler Kampf um die besten Standorte.
Ja, und das ist am Schluss gut für die Kunden, denn für sie nimmt das Angebot zu, sie können wählen.
Bis heute gibt es noch immer keinen Lidl in einem SBB-Bahnhof. Wird sich das ändern?
In Bern sind wir im Bahnhof, wenn auch nicht auf SBB-Boden. Wir führen immer wieder Gespräche mit den SBB, aber diese Lagen sind nun mal äusserst teuer. Zudem sind die Flächen oftmals zu klein für uns. Wir brauchen mindestens 800 Quadratmeter für eine Filiale, exklusive Lagerfläche und Nebenräume.
Wie wäre es denn mit einem Convenience-Shop à la Migrolino oder Coop Pronto, mit einem Mini-Lidl sozusagen?
Wir konzentrieren uns lieber auf unser erfolgreiches Konzept, mit dem wir noch grosses Potenzial sehen. Wenn wir damit am Ziel angelangt sind, können wir auch über andere Formate nachdenken.
Wenn Sie fünfzehn neue Filialen pro Jahr eröffnen, wie viele neue Stellen bringt das?
Das hängt von der Filialgrösse ab. Aber im Schnitt sind es 20 bis 25 neue Stellen pro Laden. Das heisst, dass wir sowohl dieses als auch nächstes Jahr allein in den Filialen rund 250 neue Stellen schaffen. Hinzu kommen die zusätzlichen Stellen in der Logistik, das macht dann rund 300 neue Stellen pro Jahr.
Gibt es eigentlich auch Hauseigentümer, die sagen: Nein, wir wollen keinen Lidl?
Also, zu mir hat das jetzt noch niemand gesagt. Schliesslich sind wir ein solventes Unternehmen. Als Vermieter kann man ruhig schlafen.
Nicole Loeb vom gleichnamigen Berner Warenhaus sagte, sie habe rund 200 erboste Kundinnen und Kunden telefonisch beschwichtigen müssen, weil sie Ihnen eine Fläche in ihrem Warenhaus abtrat.
Aber mit der Kundenfrequenz wird sie bestimmt zufrieden sein. (Lacht.) Aber klar, es mag nach wie vor Leute geben, die gewisse Vorurteile uns gegenüber haben, obwohl sie noch nie bei uns waren.
Diese Vorurteile gegenüber Lidl sind auch selbst verschuldet. Beim Start in der Schweiz vor fünfzehn Jahren gab es einiges an interner Kritik an der Firmenkultur.
Das war vor meiner Zeit, aber davon habe ich natürlich gehört. Ich bin sicher, dass wir heute in der Schweizer Gesellschaft angekommen sind. Auch unsere Filialen haben wir angepasst. Sie sind sehr hell, mit vielen Holzelementen. Zwei Drittel unserer Frischprodukte kommen aus der Schweiz. Und wir haben die Einpackzonen nach der Kasse vergrössert, weil das der Schweizer Kundschaft wichtig ist. Mit unserer Lidl-Plus-App kann man nun auch Punkte sammeln. Das gibt es sonst nirgendwo bei Lidl. Aber die Schweizer sammeln nun mal gerne Punkte. Und ich kann exklusiv bekanntgeben: Wir sind offizieller Partner der Fussball-EM der Frauen in der Schweiz.
Und was haben Sie bei Lidl eigentlich konkret von Coop und Migros gelernt?
Das sind beide etablierte, grosse Unternehmen, denen ich mit grossem Respekt begegne. Von ihnen kann man natürlich immer etwas lernen.
Oder kopieren, so wie Sie das beim Migros-Ice-Tea und -Glace getan haben.
Kopieren würde ich das nicht nennen.
Zu Beginn war Lidl sogar für gewisse Lieferanten ein rotes Tuch. Gibt es heute noch immer Marken, die Sie umgehen, möglicherweise auch aufgrund des Duopol-Drucks?
Wir haben sehr viele Schweizer Marken bereits im Sortiment. Es stimmt aber, dass wir mit dem einen oder anderen noch in Gesprächen stehen. Aber eigentlich ist das kein Problem. Man darf nicht vergessen, dass es oft nicht nur um das Schweizer Geschäft geht. Über unser internationales Netzwerk öffnen wir auch neue Absatzkanäle für Schweizer Lieferanten, indem wir deren Produkte exportieren. Wir von Lidl Schweiz sind beispielsweise für 5 Prozent des Schweizer Käse-Exports zuständig.
Viele Detailhändler experimentieren mit Selbstbedienungsfilialen ohne Personal. Was halten Sie davon?
Wir setzen weiterhin aufs Personal, auch weil wir eine sehr hohe Kundenfrequenz in den Geschäften haben. Selbst Amazon in den USA hat inzwischen erkannt, dass die Technik für solche Läden sehr teuer ist. Als Experiment finde ich es durchaus spannend, aber wir warten diesbezüglich ab.
Wie sieht denn die Lidl-Filiale der Zukunft aus?
Das entscheidet der Kunde. Ich gehe davon aus, dass bei uns die Swissness noch stärker sichtbar sein wird. Und es wird wohl noch mehr pflanzliche statt tierische Proteine im Regal geben, was wir im Sinne der Nachhaltigkeit unterstützen.
Wie oft kommt eigentlich Dieter Schwarz, der milliardenschwere Besitzer von Lidl, an den hiesigen Hauptsitz, um nach dem Rechten zu sehen? Früher hiess es, er käme jeweils mit dem Helikopter angeflogen.
Nie, wir entscheiden hier alleine über die Schweizer Strategie.
Wie oft sprechen Sie mit ihm?
Also da gibt es noch einige andere Leute in der Hierarchie zwischen uns beiden, ich bin definitiv nicht im täglichen Austausch mit ihm.
Gibt es eigentlich einen Weihnachtsbonus für die Angestellten?
Alle unsere Mitarbeitende erhalten den ganzen Dezember täglich 5 Prozent auf ihren Einkauf geschenkt. Zusätzlich haben alle einen Gutschein im Wert von 150 Franken erhalten.
Und wie steht es um die Lohnrunde 2025?
Wir befinden uns noch in den Gesprächen mit den Sozialpartnern. Aber wir haben schon heute die höchsten, von einem GAV abgesicherten Löhne in unserer Branche, und wir möchten, dass das so bleibt. Und wir wollen noch mehr Lernende ausbilden. Zudem haben wir kürzlich die Löhne für die Lernenden erhöht.
Lidl ist so etwas wie der Tesla der Lebensmittelbranche… ;-)
Ich bin ganz klar ein Lidl Kind.
Vor allem weil die Früchte und Gemüse da günstiger und von besserer Qualität sind.