«Mussten 1200 Buchungen stornieren»: Bürgenstock-Chef über strengste Woche seines Lebens
Chris Franzen kommt mit verschmitztem Lächeln in den kleinen Konferenzraum, in dem am Sonntag noch die pakistanische Delegation bis spät in die Nacht verhandelt hatte. Er bittet, das Gespräch stehend zu führen, sitzend schlafe er mit Sicherheit ein. Die Müdigkeit sieht man dem gut gelaunten Zermatter nicht an – obwohl er die strengste Woche seines Lebens hinter sich hat.
Wie viel haben Sie die letzten Nächte geschlafen?
Chris Franzen: Seit einer Woche nicht mehr als zwei bis drei Stunden pro Nacht. Ich glaube, nach dem Gespräch lege ich mich hin.
Wann erfuhren Sie, dass der Bürgenstock erneut Schauplatz eines Friedensgipfels wird?
Das war am Sonntag vor einer Woche. Lustigerweise war es nicht der Bund, der mich zuerst informierte, sondern ein Mitarbeiter. Der rief mich an und sagte, dass der US-amerikanische Secret Service gerade in der Lobby stehe und das Hotel inspizieren wolle.
Was haben Sie dem Mitarbeiter gesagt?
Prüf zuerst mal deren Personalien. Schliesslich kann nicht jeder Beliebige durch das Hotel laufen und die Zimmer durchforsten.
Wann kam die Bestätigung, dass der Gipfel tatsächlich auf dem Bürgenstock stattfindet?
Die kam am Dienstagabend, 16. Juni, per Mail. Ab dann war klar: Wir haben weniger als 48 Stunden, dann muss alles bereit sein. Sicherheitsdispositiv, Verhandlungszimmer, Presseraum, alle Hotelzimmer, die Verpflegung. Da gibt es tausend Details, an die man denken muss, bis hin zu den «Fähnli» am Verhandlungstisch. Beim Ukraine-Gipfel vor zwei Jahren hatten wir dafür vier Monate Zeit.
Zudem mussten Sie damals keine Gäste vor die Tür stellen.
Das tat mir als Gastgeber natürlich besonders weh. Aber die allermeisten zeigten grosses Verständnis für die Situation, schliesslich ging es um eine Friedenskonferenz.
Das ist schwer zu glauben.
Klar, waren bei manchen auch Emotionen im Spiel, aber wirklich beschwert haben sich bei mir nur ganz wenige.
Wie viele mussten insgesamt umplatziert oder umgebucht werden?
Wir mussten total 1200 Buchungen stornieren, das sind über 2000 Personen. Das Schwierigste war, jene zu erreichen, die bereits auf dem Weg hierher waren, etwa aus Übersee.
Wie haben Sie das gelöst?
Wir haben ein Spezialteam von etwa 20 Personen abbeordert, das drei Tage lang rund um die Uhr telefoniert hat, um die Umbuchungen vorzunehmen.
Haben Sie ebenfalls zum Hörer gegriffen?
Dafür war schlicht keine Zeit. Aber ich habe die Anwohner persönlich informiert. Zu ihnen habe ich inzwischen einen guten Draht, zumal sie Übung haben seit dem Ukraine-Gipfel.
Gibt es Entschädigungszahlungen?
Jene Gäste, die wir umquartieren oder umbuchen mussten, durften ihr Wunschhotel angeben. Die Destinationen reichten von Luzern über Andermatt bis nach Crans-Montana oder Sankt Moritz. Wir haben also schweizweit diversen 5-Sterne-Hotels Zusatzgäste beschert. (lacht) Die Kosten dafür übernehmen wir vollends.
Ein ganz schöner Abschreiber.
Wir verstehen das als Marketing. Und hoffen, dass die Gäste wiederkommen. Entsprechende Angebote haben wir bereits gemacht.
Gemäss unseren Informationen gab es auch ein Brautpaar, das just an diesem Wochenende heiraten wollte, mit Gästen aus aller Welt. Wie hat das Paar reagiert?
Wir können dazu aktuell leider nichts sagen. Wir sind aber dabei, eine Lösung zu finden.
Wer kommt eigentlich für die Kosten der Konferenz auf? Und für entgangene Einnahmen des Hotels?
Was die Kosten für das Sicherheitsdispositiv und die ganze Organisation angeht, da sind wir nicht involviert. Dem Hotel hingegen sind keine Einnahmen entgangen. Die rund 380 Zimmer wurden gleichmässig unter den vier Delegationen USA, Iran, Katar und Pakistan aufgeteilt. Wir waren also quasi ausgebucht. Und am Ende hat jede der Delegationen ihre Rechnung ganz normal an der Rezeption beglichen.
Die Delegationen kamen diesmal aus beiden Welten: dem Osten und dem Westen. Was serviert man da zum Znacht?
Es wurde à la carte gegessen. Hier haben wir das Glück, ein persisches und ein asiatisches Restaurant im Haus zu haben. Am besten liefen aber bei allen die Hotelklassiker: Club-Sandwiches und Burger. Pro Tag wurden rund 2600 Mahlzeiten serviert, wenn man alle Gäste, Mitarbeiter, Polizistinnen und Journalisten einrechnet.
Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel: Es sieht danach aus, als könnte sich die Feuerwehrübung auf dem Bürgenstock bald wiederholen. Freuen Sie sich schon auf die schlaflosen Nächte?
Dass so eine Friedenskonferenz bei uns durchgeführt wird, ist für die Region und die ganze Schweiz eine gute Nachricht. Da leisten wir gerne unseren bescheidenen Beitrag. (schweizheute.ch)

