Sie sind nun seit vier Monaten SVP-Präsident. Noch 2020 wollten Sie das nicht. Stimmt der Entscheid heute für Sie?
Marcel Dettling: Ja – denn meine Frau und meine Kinder sind noch immer bei mir. Vor vier Jahren wären sie wohl ausgezogen.
Tatsächlich?
Es wäre nicht gut gekommen, hätte ich vor vier Jahren das Präsidium übernommen. Meine Ehe wäre wohl in Brüche gegangen. Wenn ich die Frage nur kurz antönte – «wär's öppis?» –, spürte ich sofort: Das hat keinen Sinn.
Nahmen die Kinder das damals wahr?
Nein. Sie lasen zwar Zeitung und sahen, dass das Präsidium ein Thema ist, konnten es aber nicht einordnen. Das ist heute ganz anders.
Inwiefern?
Heute haben wir fast Streit darum, wer die Zeitung lesen darf. Die kleine Tochter ist zehn Jahre alt, liest aber die Zeitung am genausten. Wenn sie von der Schule nach Hause kommt, nimmt sie die Zeitung zur Hand. Und letzten Donnerstag fragte sie als Erstes: «Wo ist die Weltwoche? Die kommt doch heute.»
Wie erklären Sie sich das?
Die Coronazeit hat sie politisiert. Damals entschied jemand anderes – Alain Berset – über sie und die Schule. Als ich in der «Arena» mit Berset harte Auseinandersetzungen hatte, sagte sie:
Ihre Kinder haben nichts dagegen, dass Sie SVP-Präsident sind?
Überhaupt nicht. Sie haben sogar Freude daran. Zwei meiner drei Kinder gingen – von sich aus – sogar schon ins Kinderparlament in Schwyz.
Der Präsidentenjob ist sehr belastend. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich arbeite gerne. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich unseren Bauernbetrieb schon mit 22 Jahren übernahm. Ich hatte immer Verantwortung. Natürlich ist die Belastung hoch mit dem neuen Amt. Von Ende Juni bis Anfang August kann ich mich aber voll dem Landwirtschaftsbetrieb widmen. Bundesbern ist dann verwaist.
Zu Beginn Ihrer Amtszeit gab es Diskussionen um Rechtsextremismus in der Jungen SVP. Da waren auch Sie stark gefordert.
Ich hatte viele Medienanfragen dazu. Wenn es um Rechtsextremismus geht, stürzen sich die Medien wie Hyänen darauf.
Es ging darum, dass JSVP-Strategiechefin Sarah Regez an einem Auftritt des rechtsextremen österreichischen «Remigrations»-Planers Martin Sellner teilgenommen hatte.
Das war Rechtsextremismus-Theater. Es gab keine strafbare Handlung. Die Telefondrähte liefen aber tatsächlich heiss. Päng! Es ging sofort los für mich.
Niels Fiechter, Präsident der Jungen SVP, kritisiert die Medien: Sie wollten SVP und Junge SVP in eine «undemokratische und rechtsextremistische Ecke» drängen. Sehen Sie das auch so?
Das versuchen die Medien bei der SVP seit Jahren. In letzter Zeit hat es ein wenig nachgelassen. Manchmal staune ich aber noch immer: So wird bei SRF oft nicht wirklich unterschieden zwischen rechtsbürgerlich und rechtsextrem. Es ist aber ein No-Go, eine demokratische, freiheitliche und bürgerliche Partei wie die SVP in die rechtsextreme Ecke zu stellen.
Auch Sie selbst würden verunglimpft, schrieb Fiechter. Weil die NZZ urteilte, Sie würden die SVP «radikaler» machen. Haben Sie das vor?
Ich bin nicht der Meinung, dass ich die Partei radikaler mache. Ich möchte der SVP aber weiterhin ein klares, erkennbares Profil geben.
Im Links-rechts-Rating von Politgeograf Michael Hermann stehen Sie eindeutig rechts, auch wenn es rechts von Ihnen noch elf SVP-Nationalräte gibt.
Ja, das streite ich nicht ab.
Wollen Sie sich einmitten, wie das Gerhard Pfister als Mitte-Präsident tut? Er war früher der rechteste CVP-Politiker.
Ich denke nicht, dass wir stärker Richtung Mitte marschieren müssen. Pfister hat die Mitte insgesamt nach links gerückt. Das wollen wir sicher nicht.
Sie möchten die SVP also stärker rechtsbürgerlich verorten?
Rechtsbürgerlich ist der richtige Begriff. Man darf zwar nicht vergessen, dass die SVP eine Volkspartei ist. Das Spektrum ist breit, es hat Platz für den Bauern, den Unternehmer und den Lehrer. In den Hauptthemen soll die Partei aber einen klar rechtsbürgerlichen Kurs fahren.
Die SVP scheint um den Kurs zu ringen. Gerade bei sozialen Themen. Das zeigte sich bei der 13. AHV-Rente. Die Partei war klar dagegen, die Basis dafür.
Die Basis war, wenn auch ganz knapp, im Nein.
Auch das Stromgesetz war in der Partei sehr umstritten.
Das ist kein neues Phänomen. Solche Auseinandersetzungen gab es schon in der Hochblüte von Christoph Blocher.
Wollen Sie die SVP wieder oppositioneller ausrichten – trotz zweier Bundesräte?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Das ist unser politisches System. Hätten wir vier von sieben Bundesräten, müssten wir schweigen. Mit zwei Bundesräten können wir den SVP-Kurs nicht durchboxen. Sonst wäre die Asylmisere längst erledigt. Gerade in Asylfragen dürfen wir nicht ruhig bleiben, nur weil wir zwei Bundesräte haben.
Wie viel Opposition braucht es im Moment?
Wenn ich sehe, dass Justizminister Beat Jans seine Arbeit im Asylbereich nicht erledigt, dann braucht es hier sehr viel Opposition.
Opposition macht die SVP im Asylbereich und bei der Zuwanderung?
Und im Verhältnis der Schweiz mit der EU. Die Frage von Unabhängigkeit und Freiheit liegt in der DNA der SVP.
Am stärksten scheint der Schuh die SVP-Basis bei Asylfragen zu drücken.
Dort gibt es die grössten Auswüchse. Die Kriminalstatistik 2023 zeigte, dass es in der Schweiz 522'558 Straftaten gab. Die Zahl war noch nie so hoch. 56 Prozent der Taten wurden von Nicht-Schweizern begangen. Davon ging ein überdurchschnittlich grosser Teil auf das Konto von Asylbewerbern. Die Leute verstehen es nicht, dass Menschen, die angeblich Schutz suchen, kriminell werden und Frauen vergewaltigen. Ich denke auch an den 16-jährigen Afghanen, der vor einer Woche in Kohlbrunn ZH die Migros-Filiale überfiel. Unbegleitete minderjährige Asylsuchende betrügen oft beim Alter. Trotzdem kann man sie nicht abschieben. Deshalb haben wir die Grenzschutzinitiative lanciert.
Sie will die Grenzkontrollen verschärfen.
Genau. Bundesrat Jans ist noch immer mit rosaroter Brille unterwegs. Dabei haben die Grenzkontrollen Deutschlands gezeigt, dass sie abschrecken.
Sind Grenzschutzinitiative und Nachhaltigkeitsinitiative, welche die Zuwanderung begrenzen will, Ihre zentralen Vehikel für die Wahlen 2027?
Diese beiden Themen beschäftigen die Leute am meisten. Sie haben sehr grossen Einfluss auf das tägliche Leben, auf Schule, Wohnungsmarkt, Verkehr und Infrastruktur. Die Schweiz ist ein kleines Land. Für mich ist es zu klein, um von einer 16-Millionen-Schweiz zu reden, wie das eine abgehobene ETH-Professorin tut.
Ihr Parteikollege Benjamin Giezendanner findet, die SVP müsse ihr Themenspektrum ausweiten – etwa auf Krippenplätze und Elektroautos.
Wenn er das Glück in diesen Themen findet, soll er sie auch beackern. Als Partei muss man sich zwar auf die Hauptthemen konzentrieren. Wir brauchen aber auch klare Antworten bei Nebenthemen.
Weil FDP-Präsident Thierry Burkart die Abschaffung der integrativen Schule forderte?
Das war lächerlich. Wir waren immer gegen das integrative Modell. Wer war flammend dafür? Die FDP. Im Schulthema hatten wir bisher null Unterstützung von ihr. Deshalb freut es mich, dass sie endlich auf den SVP-Wagen aufspringt. Wir müssen inzwischen derart viele Kinder und Jugendliche integrieren, dass das nicht mehr funktioniert.
Sind auch Atomkraftwerke ein zentrales Thema für die SVP?
Für uns ist die Energiesicherheit zentral. Aktuell gibt es keine Alternative, die Strom an 365 Tagen rund um die Uhr mit derselben Verlässlichkeit produziert wie ein Atomkraftwerk. Im Winter haben wir aber ein grosses Stromproblem. Und ich sehe bei meiner Solaranlage, wie die Stromproduktion im Winter aussieht.
Sie haben eine Solaranlage?
(Lacht.) Sie haben wohl schlecht geschaut. Wir haben Solarpanels auf dem Dach und an der Fassade.
Sie sind also autark?
Bei weitem nicht. Obwohl das Haus gut gedämmt ist und die Fenster nach den neusten Vorschriften isoliert sind und ich eine Speicherbatterie habe. Das ist ein Witz. Zudem wird der Strom immer teurer. 2008 zahlte ich noch 12,5 Rappen pro Kilowattstunde, heute schon 34 Rappen.
Die Selects-Studie zu den Wahlen 2023 zeigt, dass die SVP Potenzial hat: 31 Prozent der Befragten sagen, die Wahrscheinlichkeit sei sehr hoch, dass sie SVP wählen, weitere 8 Prozent bezeichnen sie als hoch. Wollen Sie die 30-Prozent-Hürde knacken?
Das ist kein Ziel. Ich bin kein Verfechter von Prozent-Vorgaben. Das Problem liegt im Parlament. Heute gewinnen wir zwar Volksabstimmungen, das Parlament setzt sie aber nicht um. Deshalb braucht es andere Politiker in Bern.
Was ist Ihr Ziel?
Dass wir im National- und Ständerat zwei bis drei Sitze zulegen.
Wie wollen Sie mehr Sitze erreichen?
Wir können vor allem bei den Nichtwählern – das sind fast 50 Prozent – wachsen. Zudem haben wir 2023 in zwei, drei Kantonen Sitze nur ganz knapp verpasst.
In welchen Kantonen?
Im Kanton Luzern fehlten uns 300 Stimmen, im Kanton Zürich noch weniger. Und im Kanton Bern haben wir Potenzial für einen oder zwei zusätzliche Sitze. Weshalb soll nicht in anderen Teilen der Schweiz möglich sein, was uns in den Kantonen Schwyz, Aargau und Thurgau gelang? Dort hat die SVP überall mehr als 30 Prozent Wähleranteil.
Im Kanton Schwyz gar 35,86 Prozent bei den Nationalratswahlen 2023. Das möchten Sie auf die Schweiz übertragen?
Es wäre schön, wenn uns das gelänge. Im Kanton Schwyz starteten wir bei null. Anfang der 1990er-Jahre hatte die CVP über 50 der 100 Parlamentssitze und stellte vier der sieben Regierungsräte.
Sie denken an Mehrheiten?
Nein. Es wäre weder für uns gut noch für die Schweiz, wenn wir 101 Nationalräte und 24 Ständeräte hätten. Wir würden faul, träge und nicht mehr kritisch. Gut wäre es allerdings, wenn wir knapp an eine Mehrheit herankämen. Dann könnten wir viel erreichen, müssten uns aber trotzdem anstrengen und bei den Themen bleiben, welche die Menschen beschäftigen.
Wir stehen kurz vor dem 1. August. Wie stellen Sie sich die Schweiz 2050 vor?
Zentral ist, dass wir Freiheit und Unabhängigkeit behalten. Dafür kämpfen wir seit 700 Jahren. Wir haben uns auch nicht im Bürokraten-Moloch EU eingemittet. Es geht nicht darum, ob wir Europäer sind oder nicht. Wir liegen mitten in Europa und sind Ur-Europäer. In der EU hat das Volk allerdings nichts mehr zu sagen. Die EU-Staaten wählten vor kurzem ihre EU-Abgeordneten. Und obwohl es in vielen Staaten einen klaren Rechtsrutsch gab, bleibt der rechte Einfluss in der EU-Kommission gleich null. Macht die EU so undemokratisch weiter, zerbricht sie schneller, als ihr lieb ist. (aargauerzeitung.ch)
Rechts bürgerliche haben seit jeher die Mehrheit in der Politik…
Sie hätten es also in der Hand Probleme zu lösen…
Letztlich sind doch diejenigen die über Jahrzehnte die Mehrheit haben verantwortlich für die Probleme, die sich einfach nicht lösen…
Und bei seinen sechs Lobbymandaten hält er die Einnahmen unter Verschluss. Das ist seine rechtsbürgerliche Privatsache.
Was mich an der Abstraktionsfähigkeit, dem vernetzten und logischen Denken vieler Schweizer zweifeln lässt…