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«Wir stehen mit Omikron an einem anderen Punkt, der einen Paradigmenwechsel nötig macht», sagt Infektiologe Jan Fehr im Interview.
«Wir stehen mit Omikron an einem anderen Punkt, der einen Paradigmenwechsel nötig macht», sagt Infektiologe Jan Fehr im Interview.Bild: shutterstock
Interview

Jan Fehr zu Corona-Massnahmen: «Wir müssen ‹the bigger picture› sehen»

Omikron ist überall, die Taskforce warnt vor einer Super-Infektionswelle, doch der Bundesrat scheint auf eine Durchseuchung zu setzen. Der Infektiologe Jan Fehr ordnet ein.
14.01.2022, 19:4715.01.2022, 11:40

Der Bundesrat sieht keinen Handlungsbedarf und spricht von einem baldigen Ende der Pandemie. Wie sehen Sie das? Sind wir jetzt im «Endgame»?
Jan Fehr: Ob wir im Endgame sind oder nicht, weiss ich nicht. Wir sind aber gewiss in einer neuen Situation und nächsten Phase.

«Ganz können die Ansteckungen nicht verhindert werden, selbst mit einem Lockdown nicht. Das Problem würde nur vertagt.»

Ist das «Laufenlassen» von Omikron wirklich eine gute Strategie?
Hier muss ich widersprechen. Wir sind nicht im «Laufenlassen-Modus». Wir stehen mit Omikron an einem anderen Punkt, welcher auch einen Paradigmenwechsel nötig macht und befinden uns auf einem Mittelweg zwischen extremen Kontaktbeschränkungen und weitgehender Öffnung. Ein grosser Teil der Bevölkerung wird mit Omikron in Kontakt kommen, denn Omikron ist ansteckender als frühere Varianten. Die gute Nachricht ist jedoch, dass ein beträchtlicher Teil einen gewissen Immunschutz hat, sei es durch Genesung oder Impfung. Zudem häufen sich Indizien, dass es mit Omikron weniger schwere Verläufe gibt. Die neue Strategie trägt dem Rechnung. Mit einer Anzahl Massnahmen stehen wir auf der Bremse, mit dem Ziel, dass nicht zu viele Erkrankungen gleichzeitig stattfinden, was sowohl das Gesundheitssystem als auch das öffentliche Leben mit vielen Arbeitsausfällen an den Rand bringen kann. Ganz können die Ansteckungen aber nicht verhindert werden, wohl selbst nicht mit einem Lockdown und zudem würde das Problem dann nur vertagt.

Die Auslastung der Intensivstationen sinkt momentan. Die Taskforce warnt jedoch vor einer Super-Infektionswelle noch im Januar. Wie viele Omikron-Infizierungen können wir zulassen?
Die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) angesetzten Richtwerte sind diesbezüglich noch gültig. Es wird nochmals streng werden, aber jede und jeder kann hier helfen Gegensteuer zu geben. Die Impfung insbesondere der Booster ist sehr effektiv schwere Krankheitsverläufe zu verhindern.

Jan Fehr ist Infektiologe. Er leitet des Departement Public & Global Health an der Universität Zürich sowie das Referenz-Impfzentrum des Kantons Zürich..
Jan Fehr ist Infektiologe. Er leitet des Departement Public & Global Health an der Universität Zürich sowie das Referenz-Impfzentrum des Kantons Zürich..Bild: keystone

Wie sehen Sie die Reduzierung der Quarantäne von 10 auf 5 Tage? Es gibt eine Studie, die besagt, dass Omikron-Infizierte zwischen Tag 3 und 6 am ansteckendsten sind.
In Nicht-Pandemiezeiten würde ich einer solchen Verkürzung erst zustimmen, wenn noch mehr Daten vorliegen, welche einer Verkürzung Boden geben. Aber besondere Zeiten bedürfen besondere Massnahmen, auch wenn damit ein Restrisiko verbleibt. Die Aufrechterhaltung von 10 Tagen ist schwer vertretbar, wenn durch Ausfallwellen das System inklusive das Gesundheitssystem quasi lahmgelegt wird. Es gilt «the bigger picture» nicht aus den Augen zu verlieren.

Sollten wir überhaupt noch auf die Fallzahlen schauen? Oder die Hospitalisierungszahlen, wenn positive Menschen mit Beinbruch auch als Coronapatient erfasst werden?
Mittlerweile ist die Situation komplex. Analog eines Flugzeug-Cockpits mit vielen Messinstrumenten müssen wir verschiedene Indikatoren beachten, um gut durchzukommen, also Fallzahlen, Hospitalisation, IPS-Belegung, R-Wert, Positivitätsrate. Es geht vielmehr um ein Gesamtbild als auch schon.

Einige Experten warnen, dass mit dem überwältigendem Infektionsgeschehen momentan auch der Nährboden für neue Varianten wieder viel grösser sei. Was meinen Sie dazu?
Es ist richtig, dass darin ein gewisses Risiko liegt. Dies ist mit ein Grund, weshalb wir beispielsweise die Fallzahlen immer noch beachten sollten. Allerdings ist es nicht einfach so, dass diese die gleiche Gefahr darstellen: Erstens beobachtet man bei Infektionskrankheiten im Verlauf der Zeit oft schwächere Varianten und zudem haben immer mehr Leute einen Immunschutz oder zumindest Teilschutz aufgebaut.

«Die Hoffnung besteht, dass aufgrund weniger schweren Verläufen auch weniger Long Covid auftritt.»

Thema Long Covid: Wird die Gefahr von Long Covid mit der Durchseuchungsstrategie unterschätzt?
Wie gesagt, ist die momentane Strategie keine Durchseuchungsstrategie. Wie es sich bei Omikron mit Long Covid verhält, wissen wir noch nicht. Die Hoffnung besteht, dass aufgrund weniger schweren Verläufen auch weniger Long Covid auftritt.

Wieso ist es bis heute nicht möglich, Long-Covid-Fälle zu erfassen, irgendwo zu melden?
Diese Frage geht ans BAG. Immerhin gibt es das Altea-Netzwerk, welches eine gute Plattform für Betroffene und Fachleute darstellt.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO hat in einem noch nicht veröffentlichten Papier festgelegt, dass am Arbeitsplatz FFP2-Masken getragen werden müssen, wenn der Abstand nicht gewahrt werden kann. Das BAG hingegen spielte die Notwendigkeit dieser Masken stets herunter. Was raten Sie: Sollen wir alle FFP2-Masken anziehen?
Für besonders gefährdete und exponierte Personen hat die FFP2-Maske eine wichtige Bedeutung. Für andere Personen ist sie weniger relevant, kann aber zusätzlichen Schutz bieten, zum Beispiel in einer Menschenansammlung.

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