Ab diesem Monat übernimmt die obligatorische Krankenkasse die Kosten für die PrEP-Pille, eine HIV-Präventionsprophylaxe. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um einen fixen Entscheid des Bundesrats oder Parlaments, sondern nur um eine «vorübergehende» Kostenübernahme bis 2026. Der Bund will die Massnahme zuerst auf Nutzen und Wirtschaftlichkeit prüfen. Weshalb braucht es zuerst einen Beweis?
Benjamin Hampel: Dieser Vorgang an sich ist nichts Ungewöhnliches. Bei der PrEP kommt dazu, dass unsere Krankenkassen in der Regel die Kosten für die Behandlung von Krankheiten und nur selten für die Prävention übernehmen.
Wie funktioniert PrEP genau im Körper?
Es verhindert, dass sich das Virus im Körper vermehrt und dadurch letztendlich abstirbt. Um sich zu schützen, muss man PrEP darum korrekt einnehmen. Je nach Schema täglich oder bei Bedarf.
Wie viel kostet PrEP?
2016, als wir zum ersten Mal beobachtet haben, dass PrEP auch in der Schweiz prophylaktisch und nicht nur zur Therapie von HIV eingenommen wird, bezahlte man 900 Franken im Monat. Damals gab es noch keine Generika. Die Leute bestellten PrEP-Pillen übers Internet im Ausland. SwissPrEPared konnte das Medikament 2019 mit einem Vertrag mit der Herstellerfirma im Rahmen eines Programms schliesslich für 40 Franken abgeben. Inzwischen existieren preisgünstige Generika. Der Listenpreis für PrEP liegt beim günstigsten Produkt mittlerweile bei 72 Franken.
72 Franken im Monat, um nicht an HIV zu erkranken, scheint ein deutlich besserer Deal zu sein als noch 900 Franken. Warum braucht es diesen Schritt, dass die Krankenkassen PrEP-Kosten übernehmen?
Ja, das mag nicht viel erscheinen. Trotzdem sehen wir in unseren Daten, dass vor allem finanziell besser gestellte und gut ausgebildete Personen PrEP benutzen. Deshalb stellt sich die Frage, ob die Hürde dennoch zu hoch ist und ob sich mehr Menschen präventiv schützen würden, wenn die Krankenkasse diese Kosten übernimmt. Ob sich das mit dieser Massnahme ändern wird, ist nicht gesagt und muss die Studie zeigen. Gerade junge Menschen mit noch keinem so hohen Einkommen haben oft einen hohen Selbstbehalt bei der Krankenkasse. Es kann sein, dass sie deshalb die Kosten gleichwohl selbst übernehmen müssen.
Gibt es auch noch andere Hürden, die der Verbreitung von PrEP weiterhin im Weg stehen?
Es ist sicher ungünstig, dass mit der neuen Regelung das PrEP-Medikament bei der Krankenkassenabrechnung aufgelistet wird. Denn PrEP nutzen vor allem Männer, die mit Männern schlafen. Für eine Person, die noch bei den Eltern lebt und ihre Sexualität geheim halten möchte oder unter Umständen auch muss, ist das eine schwierige Ausgangslage. Zwar kann man von der Krankenkasse verlangen, dass sie die Briefe direkt an einen adressiert, aber das Problem bleibt je nachdem bestehen.
Sollten Kondome nicht reichen, um HIV-Ansteckungen zu verhindern?
Kondome sind äusserst wirkungsvoll und ihnen ist – neben der wirkungsvollen Behandlung von HIV – zu verdanken, dass die Zahl der HIV-Ansteckungen seit den 1980er-Jahren stark gesunken ist. Trotzdem sind wir jetzt an einem Punkt angelangt, an dem eine gewisse Anzahl an Ansteckungen jedes Jahr vorkommt. Neben Erektionsschwierigkeiten und anderen Problemen, die bei der Verwendung von Kondomen auftreten können, stecken sich auch nicht wenige Personen an, weil sie ihrem Gegenüber vertrauen, eine emotionale Bindung aufgebaut haben oder verliebt sind und deshalb auf das Kondom verzichten wollen. Was auch hinzukommt: Je nach Sexualpraktik kann man nicht immer voll kontrollieren, ob das Gegenüber das Kondom noch trägt.
Mit PrEP gewinnt man also auch an Autonomie.
Auf jeden Fall. Besonders männliche und transgender Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen können diese Autonomie und diesen Schutz besonders brauchen. Einerseits haben sie höchstes HIV-Risiko, andererseits ist es für sie eine ökonomische Frage, ob sie auf das Kondom bestehen. Wir wissen, dass Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen mehr verdienen, wenn sie auf das Kondom verzichten. Es macht einen Unterschied, ob ich nun einen oder zwei Kunden bedienen muss, um über die Runden zu kommen. All diese Beispiele zeigen uns: Das Kondom kommt an seine Grenzen. Wir brauchen verschiedene Ansätze, um das Ziel, zu dem sich die Schweiz vor der Weltgesundheitsbehörde (WHO) verpflichtet hat, zu erreichen: bis 2030 die HIV-Pandemie beendet zu haben.
Und glauben Sie, PrEP kann dieser neue Ansatz sein?
PrEP ist eine von vielen Massnahmen. Zudem muss die Schweiz auch besser im Diagnostizieren von HIV werden und Tests müssen einfacher zugänglich sein. Die begleitende Studie hat den Vorteil, dass wir genau hinsehen können, wie wir das Potenzial der PrEP in der Schweiz am besten ausschöpfen können. Was wir ebenfalls wissen: 2020, ein Jahr nachdem das SwissPrEPared-Programm gestartet ist, hatten wir den grössten Rückgang an HIV-Neudiagnosen in der Schweiz seit Jahren. Klar befand sich die Schweiz in jenem Jahr auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie und nahmen die Meldungen von Ansteckungen mit allen möglichen Infektionen dadurch stark ab. Dieses tiefe Niveau konnten wir seither aber halten. Zahlen aus dem Ausland geben Hoffnung, dass wir diesen Effekt mit diesem einfacheren Zugang verbessern können.
Ist die Schweiz überhaupt darauf vorbereitet, PrEP-Medikamente «gratis» zu vergeben? Stichwort Medikamentenengpass.
Die Firmen sind auf diese Änderung vorbereitet. Auch hier hat es sicherlich geholfen, dass wir die PrEP-Einnahme bereits seit fünf Jahren mit der SwissPrEPared-Studie beobachten. Ich glaube schon, dass es für einige einen Unterschied machen wird, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Einen regelrechten Run erwarte ich aber nicht. Darum halte ich einen PrEP-Engpass für unwahrscheinlich. Niemand nimmt freiwillig Medikamente, die er nicht wirklich braucht. Man muss schon ein essenzielles Risiko einer HIV-Ansteckung haben.
Wegen der Nebenwirkungen?
Natürlich gibt es kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Bei der PrEP sind diese aber relativ überschaubar. Am häufigsten kommt es in den ersten paar Wochen zu Magendarmbeschwerden, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. In den meisten Fällen verschwinden diese harmlosen Nebenwirkungen. Bei rund einem Prozent kann das Medikament Organschäden verursachen, ganz besonders Nierenschäden. Deshalb ist es wichtig, dass jene, die PrEP verschreiben, regelmässig Nierenkontrollen durchführen. Ganz besonders bei älteren Menschen, die anfälliger für Nierenprobleme sind. Die Regelung, die bis 2026 nun gilt, schafft auch hier Abhilfe. Bisher waren die Arztbesuche für diese Gesundheitschecks eine Grauzone. Es war nie ganz klar, ob die Krankenkasse die Kosten dafür, für Laborauswertungen und so weiter übernehmen muss oder nicht. Mit der jetzigen Lösung haben wir Klarheit. Auch das kann dazu führen, dass mehr Menschen sich dafür entscheiden, PrEP einzunehmen.
Kommt die Studie nicht zu einem schlechten Zeitpunkt? Die Schweiz diskutiert seit 2023 intensiv über die steigenden Gesundheitskosten. Und nun prüft der Bund, ob die Krankenkassen ein prophylaktisches Medikament bezahlen sollen.
Ja, das könnte in der Bevölkerung schon ein ungutes Gefühl auslösen. Aber es gibt gute Berechnungen, die zeigen, dass schon nach einer kurzen Zeit die PrEP kosteneffizient ist und für unser Gesundheitssystem sogar kostensparend sein kann. Denn eine HIV-Behandlung ist auch heute noch sehr teuer. Sie belastet die Prämienzahlenden deutlich mehr. Darum kann man ganz nüchtern sagen: Im Endeffekt profitiert die ganze Schweiz davon, wenn die HIV-Pandemie beendet wird. PrEP macht nicht nur Sinn, damit weniger Menschen an HIV erkranken – es spart auch Geld.
Oder wenn ihr schon Geld für Prävention ausgeben wollt:
- Vorsorgeuntersuchungen für Krebs (gratis)
- mehr sinnvolle Kampagnen für gesunde Ernährung; am besten gratis Znüni von Kindergarten bis Sek 2
- Anpassung vom Lehrplan 21; mehr kochen statt/nebst Wirtschaftstheorie
- Globuli und Co. von der Liste, dafür gratis Pflanzen-/Gartenkurse, altes Wissen über Heilpflanzen bewahren
- mehr Geld für die Bildung!
Und genau hier krankt das System, die KK haben gar kein langfristiges Interesse an Prävention. Was wir Gesundheitskosten nennen ist für sie schlicht der Branchenumsatz und der muss gemäss den heiligen Gesetzen der Marktwirtschaft stetig steigen.