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Pride Schweiz: Diesem schwulen Paar droht in Russland Knast oder Krieg

Ilia und Dima aus Russland haben in der Schweiz Asyl beantragt weil sie aufgrund ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland Repressionen befürchten.
Hoffen auf eine Zukunft in der Schweiz: das russische Paar Dima und Ilia in ihrer Zürcher Wohnung. Bild: watson

Knast oder Krieg in Russland: Schwules Paar wartet seit drei Jahren auf Asylentscheid

Ilia A. ist ein russischer LGBTQIA+-Aktivist, der wegen Morddrohungen mit seinem Ehemann in die Schweiz flüchtete. Nun droht ihnen ein Landesverweis – und in Russland Knast oder Krieg.
15.06.2024, 09:58
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Ilia und Dima leben dort, wo der Tod zu Hause ist: neben einem Friedhof in Zürich. Wenn sie am Morgen aufstehen, können sie von ihrem Schlafzimmerfenster aus die Grabsteine sehen. Der tägliche Weg zur Bushaltestelle führt sie durch den Friedhof. Es fällt vermutlich schwer, bei diesem Gang nicht an den Tod zu denken.

Ilia und Dima aus Russland haben in der Schweiz Asyl beantragt weil sie aufgrund ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland Repressionen befürchten.
Dima und Ilia auf dem Weg in ihre Wohnung in Zürich. Bild: watson

Auch in ihrem früheren Leben in Russland war der Tod Teil ihres Alltags. Genauer die Todesangst. Weil es in Russland so viel Hass wegen ein bisschen Liebe gibt. Ilia und Dima sind ein stolzes schwules Paar. Eigentlich waren sie sich Homophobie, Hassnachrichten und Drohungen schon gewohnt, bis es eskalierte. Im April 2021 kam es zur brutalen Attacke, die alles änderte.

Damals ist das passiert, wovor sie sich immer gefürchtet hatten: dass sie die nächsten Opfer einer homophoben Gewalttat werden, bei der die Polizei, die Politik, die Mehrheit des ganzen Landes einfach wegschaut. Und wenn man sich wehrt, man zur Zielscheibe des Machtapparats wird. Stand Juni 2024 bedeutet das für Ilia A.: Ein Schritt in die Heimat und Mütterchen Russland schickt ihn entweder in den Knast oder in den Krieg.

Deshalb wollen Ilia und Dima in der Schweiz bleiben, doch ihr Asylgesuch wurde bereits einmal abgelehnt. Seit ihrem Rekurs sind mittlerweile drei Jahre des Wartens in Angst und Unsicherheit vergangen – und es tut sich nichts.

Unerwünscht in Russland

Lange lebten sie im selben Land, aber doch in unterschiedlichen Welten. Ilia (32) ist in St. Petersburg geboren und aufgewachsen, seine Familie lebt bereits seit Generationen in der Millionenmetropole. Dima (28) kommt aus einer Kleinstadt mit 14’000 Einwohnern in Sibirien. Ohne Internetempfang, nur mit Staatsfernsehen. Propaganda in Dauerschleife.

Ilia wuchs bei seiner Mutter auf, vor der er sich schon im jungen Alter von 15 Jahren outete. Sie gab ihm das Selbstbewusstsein mit, stolz zu sein, wie er ist. Sich zu verstecken, kam für ihn nie infrage. Dima – in Sibirien – wuchs in einem konservativen Elternhaus auf. Er getraute sich lange nicht, mit jemandem über seine Sexualität zu sprechen. Noch heute wechsle seine Mutter das Thema, wenn er etwas von seinem Ehemann erzählen möchte. Sie tut ihn als WG-Kollege ab. Es ist verständlich, dass Dima immer davon träumte, die sibirische Einöde zu verlassen, um in der Grossstadt zu studieren und mit mehr Freiheiten leben zu können.

A view of Kazansky, left, and St. Isaac's Cathedrals at sunset in central St. Petersburg, Russia, Saturday, Oct. 21, 2023. (AP Photo/Dmitri Lovetsky)
Leben in der Grossstadt: Dima wollte immer nach St. Petersburg. Bild: keystone

Dass diese Freiheiten in St. Petersburg aber noch massiv ausbaufähig sind, bemerkte Ilia, der dort aufgewachsen ist, schon früh. Und er wollte etwas in seiner Heimat verändern. Er nahm an Kundgebungen und Demonstrationen gegen Putins Politik teil, prangerte die LGBTQIA+-Feindlichkeit in Russland an und zeigte sich dabei in den sozialen Medien. Noch intensiver wurde sein Queer-Aktivismus 2019, als er nach einem Zahnarztbesuch HIV-positiv getestet wurde. Die Klinik, die ein paar Monate später geschlossen wurde, hatte dieselben Betäubungsspritzen ohne Reinigung bei mehreren Patienten verwendet. Mehr als 20 Menschen wurden so infiziert.

Für Ilia hatte das Virus aber auch gesellschaftliche Folgen: Er war plötzlich nicht nur schwul, sondern auch HIV-positiv – beides eher unerwünscht in Russland. Obwohl HIV behandelbar ist und die Viruslast unter die Nachweisgrenze fallen kann, sodass man gar nicht mehr ansteckend ist, wird die Krankheit in seiner Heimat noch oft als «Schwulen-Seuche» abgetan. Dabei hat Russland mit Abstand die höchste HIV-Rate in ganz Europa. Laut Studien sei dies hauptsächlich auf «Drogenkonsum und ungeschützten heterosexuellen Sex» zurückzuführen. Doch das Stigma bleibt. Ilia begann deshalb, Menschen in den sozialen Medien über das Thema aufzuklären. Ein User, der Ilias Erfahrungen auf X schon länger mitverfolgte, war Dima. So kreuzten sich ihre Welten.

Attackiert und im Stich gelassen

Mit Dima an seiner Seite fühlt sich Ilia noch mehr ermutigt, für die Rechte von LGBTQIA+-Personen zu kämpfen. Und sein Aktivismus kommt an: Auf Instagram erreichte er über 70’000 Follower, auch auf X ein paar Tausend. Schliesslich greift eine lokale Newsplattform im März 2021 seine Geschichte auf. Kurz nach der Veröffentlichung des Beitrags wird Ilia von einer Welle des Hasses überrollt, wie er sie bisher noch nicht kannte.

Ilia und Dima aus Russland haben in der Schweiz Asyl beantragt weil sie aufgrund ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland Repressionen befürchten.
In Russland: Ilia und Dima lernten sich in St. Petersburg kennen. Bild: zvg

«Die Menschen begannen, mir den Tod zu wünschen und mich auf offener Strasse zu beleidigen», sagt Ilia. Jemand drohte sogar, zu ihm nach Hause zu kommen und veröffentlichte seine Adresse im Internet. Wenige Tage später wird Ilia mitten im Stadtzentrum von St. Petersburg brutal zusammengeschlagen, nachdem ihn eine unbekannte Person zuerst als «AIDS-verbreitender Päderast» beschimpft hatte. Er hat Glück im Unglück: Nur seine Nase wurde bei der Attacke gebrochen. Doch der Angriff hat mentale Spuren hinterlassen, denn die Drohungen hörten auch Tage nach dem Vorfall nicht auf. Ilia und sein Freund entscheiden sich, die nächsten Nächte bei einem Freund zu verbringen, weil sie Angst hatten, in ihre Wohnung zu gehen.

«Jede LGBTQIA+-Person aus Russland würde das anders beurteilen.»
Ilia zum SEM-Entscheid

In dieser Überforderung sucht Ilia die mediale Öffentlichkeit, um zu zeigen, was einem in Russland passieren kann, wenn man offen ober seine Homosexualität spricht. Die Story, dass ein bekannter schwuler Blogger aus St. Petersburg zusammengeschlagen wurde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer, erinnert sich Ilia. Er riskierte es, noch mehr Hass zu erhalten, weil er etwas verändern wollte. Und er hoffte auf die Hilfe der Polizei: Denn kurz nach der Attacke reichte er Anzeige gegen unbekannt ein, obwohl ihm ein befreundeter Anwalt davon abriet. Wie sich herausstellen sollte, nicht ohne Grund: Die Polizei ermittelte nämlich nicht, mit der Begründung, es gäbe keine Videoaufnahmen. «Dabei hat es in diesem Teil der Stadt unzählige Videokameras, sogar bei den U-Bahn-Eingängen», sagt Ilia. Doch es kommt noch schlimmer: Für die Polizei gelten Ilias Blogeinträge und Social-Media-Posts als Verstoss gegen das LGBT-Antipropagandagesetz. Ihm drohen strafrechtliche Konsequenzen.

Weil auch der Online-Terror nicht abnimmt, und Ilia und sein Freund polizeiliche Repression befürchten, entscheiden sie sich, aus Russland zu fliehen. Wegen der Coronapandemie gab es jedoch praktisch keine Flugzeuge. Das erste, für das sie ein Ticket fanden, brachte sie in die Schweiz.

Asyl in der Schweiz

In der Schweiz angekommen, stellen sie ein Asylgesuch und werden dem Bundesasylzentrum Zürich zugewiesen. Mithilfe einer Anwältin führen sie bereits einen Monat nach ihrer Ankunft Gespräche mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM). Nur zwei Monate nach der Ankunft, am 1. Juli 2021, kommt bereits der Asylentscheid: Negativ. «Sie können nicht als Flüchtling anerkannt werden. Sie sind verpflichtet, die Schweiz zu verlassen», schreibt das SEM. watson liegt das Dokument vor.

Einmaliger Gebrauch: Auszug aus dem Asylentscheid.
«Keine systematische Verfolgung von Homosexuellen»: Auszug aus dem negativen Asylentscheid für Ilia. Bild: zvg

Begründet wird der Entscheid damit, dass Russland bereits über eine «funktionierende Schutzinfrastruktur mit öffentlichen Organen» verfüge. Zudem geht das SEM nicht von einer systematischen Benachteiligung von queeren Personen aus. «Jede LGBTQIA+-Person aus Russland würde das anders beurteilen», sagt Ilia. Er und sein Freund rekurrierten deshalb gegen den Negativentscheid.

Denn eine Rückkehr nach Russland hätte für sie ernste Konsequenzen.

Knast, Krieg und Hoffnung

In den letzten knapp drei Jahren seit dem Negativentscheid hat sich die Situation für das schwule Paar stark verändert. Zum einen mit dem Ukraine-Krieg: Ilia hat ein Aufgebot erhalten. Würde er nach Russland zurückkehren, müsste er in den Krieg. «Ich wäre sofort Kanonenfutter», sagt er dazu.

Ilias Aufgebot in den Krieg zu ziehen.
Aufgebot für den Krieg: Ilia müsste bei einer Rückkehr nach Russland in den Ukraine-Krieg. Bild: zvg
«Hier haben wir keine Todesangst mehr.»
Ilia über sein Leben in der Schweiz

Auch das zweite Szenario, das ihm blüht, ist nicht viel besser: «Wenn ich nicht in den Krieg muss, dann ins Gefängnis.» Der Grund: Für Russland sind Schwule mittlerweile Extremisten. Vergangenen November hat das oberste Gericht des Landes die LGBTQIA+-Bewegung als «extremistisch» eingestuft.

Noch sind die Folgen davon unklar, doch man geht davon aus, dass Menschen, die ihr Queersein öffentlich ausleben, strafrechtlich verfolgt werden können und mit bis zu 12 Jahren Gefängnis rechnen müssen. Da Ilia und Dima, die in der Zwischenzeit in der Schweiz geheiratet haben, sich in den sozialen Medien aktivistisch zu LGBTQIA+-Themen äussern und auch in russischen Medien Interviews gaben, ist ihr Risiko besonders hoch, auf dem Radar der russischen Behörden zu erscheinen.

Hochzeit Ilia und Dima
Frisch verheiratet: Das Paar hat kürzlich in Zürich geheiratet. Bild: zvg

Dass Russland rigoros gegen schwule Influencer vorgeht, ist seit Längerem bekannt. Erst vergangenes Jahr wurde ein schwules Paar verhaftet, das auf YouTube Videos hochlud, in denen es um Küsse, Eifersucht und gemeinsame Einschlafroutinen geht. Die Polizei warf ihnen «Schwulen-Propaganda» vor. Es ist bei Weitem nicht der einzige bekannte Fall, bei dem in Russland jemand wegen «Schwulen-Propaganda» inhaftiert wurde.

Trotz all dieser Risiken ist es offen, ob Ilia und Dima in der Schweiz bleiben dürfen. Auf Anfrage von watson teilt das Staatssekretariat für Migration (SEM) mit, dass man sich nicht zu Einzelfällen äussert. Grundsätzlich sei es aber so, dass Personen, die aufgrund ihrer Sexualität «ernsthafte Nachteile» zu befürchten haben, als Flüchtlinge anerkannt werden.

Ernsthafte Nachteile sind etwa eine Gefängnisstrafe. Zur Situation in Russland für queere Menschen schreibt das SEM: «Die Auswirkungen des Gerichtsentscheids auf die LGBTQIA+-Gemeinschaft sind zurzeit unklar. Das SEM ist sich der schwierigen Situation von Mitgliedern der LGBTQIA+-Gemeinschaft in Russland bewusst. Es beobachtet die aktuellen Entwicklungen genau.»

Dima und Ilia sind auch nicht die einzigen russischen Staatsbürger, die auf einen Asylentscheid warten: Insgesamt sind 251 Verfahren in der Schweiz hängig. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges wurden 53 russischen Personen Asyl gewährt, 26 vorläufig aufgenommen und 359 abgelehnt. Wie viele davon aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Asyl beantragt haben, erfasst das SEM nicht.

Für Dima und Ilia geht es also ungewiss weiter. Sie können nichts anderes tun, als zu warten. Ein Job zu finden sei schwierig, wenn man jederzeit vom Land verwiesen werden könne. Doch sie geben die Hoffnung nicht auf und kämpfen weiter für die Rechte der LGBTQIA+-Community. Wie etwa an der diesjährigen Pride in Zürich, wo sie Teil der Kampagne sind. Sie sind trotz der schwierigen Situation dankbar, mindestens vorübergehend in der Schweiz zu sein: «Hier haben wir keine Todesangst mehr.»

Ilia und Dima aus Russland haben in der Schweiz Asyl beantragt weil sie aufgrund ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland Repressionen befürchten.
Warten seit drei Jahren auf einen Asylentscheid: Ilia und Dima auf dem Friedhof neben ihrem Zuhause in Zürich. Bild: watson
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quelle: ap / seth wenig
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94 Kommentare
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Biko
15.06.2024 10:29registriert Juli 2023
Wieso? Wieso haben gewisse (stark konservative) Leute ständig ein Problem, mit dem Glück von anderen Menschen? Offenbar fühlen sie sich dadurch bedroht, gerade und besonders in Russland. Zwei Männer wollen zusammen sein, dass wollen und tun unzählige andere Menschen genauso.
Wünsche ihnen jedenfalls das sie in der Schweiz bleiben können.
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ch.vogel
15.06.2024 10:42registriert Mai 2014
Verstehe das SEM hier überhaupt nicht. Zitiert im Urteil von 2021 frühere Urteile von 2018 und 2016 als Ausrede, dass die Situation in Russland ja nicht so schlimm sei. Gehts eigentlich noch?

Wieviele Jahre muss denn systematische Verfolgung stattfinden, bis das SEM diese auch als solche anerkannt?

Das wäre ja, wie wenn ukrainische Flüchtlinge abgewiesen würden mit Verweis auf Urteile von 2021 und dass Ukraine ein sicheres Land sei wo kein Krieg herrscht.
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frank frei
15.06.2024 10:37registriert September 2018
Es ist, wie es ist: Die besten Russen und Russinnen sind tot, im Gefängnis oder leben im Ausland.

Wünsche den beiden viel Erfolg mit ihrem Rekurs.
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