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Interview

«Irgendwo muss man die Grenze ziehen»: Impfchef Berger verteidigt die Booster-Wartefrist

Im Ausland wird schon fünf Monate nach der zweiten Dosis geboostert. Christoph Berger, der Präsident der Impfkommission Ekif, erklärt die Kinderimpfstrategie und die Booster-Wartefrist.
14.12.2021, 11:25
Bruno Knellwolf / ch media

Die höchsten Inzidenzen haben wir momentan bei den Kindern und Jugendlichen. Die Empfehlung der Impfkommission Ekif zielt aber nur darauf ab, Kinder in besonderen Situationen zu impfen. Müsste nicht die Impfung für alle Kinder empfohlen werden?
Christoph Berger:
Zum einen ist die Krankheitslast bei Kindern nicht gross. Von denen, die positiv getestet werden, landen nur ganz wenige im Spital. Zum anderen haben wir jetzt eine Impfung, deren Dosierung wir kennen, die exakt untersucht ist, die eine Zulassung von Swissmedic hat und die in den USA an Millionen von Kindern verimpft worden ist. Wir haben also sowohl eine niedrige Krankheitslast wie auch ein sehr niedriges Impfrisiko. Somit spricht nichts dagegen, alle Kinder zu impfen. Aber für die Bewältigung der Pandemie ist es nun wichtiger, die ungeimpften Erwachsenen zu impfen. Wir können, müssen aber nicht Kinder impfen, weil Erwachsene das nicht wollen. Deshalb empfehlen wir die Impfung dringend nur jenen Kindern, die im Haushalt mit immungeschwächten Menschen wohnen oder selbst ein erhöhtes Risiko haben. Gleichzeitig empfehlen wir die Impfung aller Kinder, deren Eltern ihre Kinder impfen lassen möchten.

Christoph Berger ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen.
Christoph Berger ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen.Bild: keystone

In den Schulen läuft ja jetzt schon eine Art Durchseuchung. Kommt die Kinderimpfung nicht schon zu spät?
Nein. Wir wissen nicht genau, wie viele Kinder in der Schweiz infiziert waren. Das werden weitere Coronastudien zeigen. Wir schätzen, dass ein Viertel bis ein Drittel infiziert war. Es gibt somit immer noch eine deutliche Mehrheit, die keinen Kontakt zum Virus hatte und bei der deshalb die Impfung sinnvoll ist.

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Sollen sich einst infizierte Kinder impfen lassen?
Bei vielen Kindern wissen wir nicht, ob sie infiziert waren. Auf jeden Fall muss man das nicht extra abklären lassen. Kinder, die noch keinen positiven Test hatten, können geimpft werden. Wenn man einen bestätigten positiven Test eines Kindes hat, muss man es nicht mehr impfen.

Die Zulassungsstudie ist mit 2268 Kindern relativ klein. Reicht das?
Swissmedic hat Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit geprüft und entschieden, dass die gemachte Zulassungsstudie von Biontech/Pfizer reicht. Zudem gibt es nun Daten von Millionen von Kinderimpfungen in den USA, die auch Auskunft geben und ganz wenig Nebenwirkungen zeigen. Wäre Dramatisches vorgefallen, wüsste man das und hätte das berücksichtigt beim Zulassungsverfahren.

Die einen Eltern warten ungeduldig auf die Kinderimpfung, andere lehnen sie ab. Was empfehlen Sie?
Wir haben immer gesagt, dass man sich Zeit für die Entwicklung einer Kinderimpfung lassen soll. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Diese Zeit hat man sich genommen, jetzt ist eine wirksame Impfung da. Nun können die Eltern entscheiden. Eltern, die sich selbst nicht impfen liessen, werden wohl auch ihre Kinder nicht impfen. Die Kinderimpfung wird das Pandemiegeschehen nicht auf den Kopf stellen, aber das Ende kommt eher, desto mehr sich impfen.

Zum Boostern: Die Impfdurchbrüche werden häufiger, alle hören von solchen im privaten Umfeld. Omikron nimmt zu. Wäre es nicht Zeit, nicht erst nach sechs Monaten zu impfen, sondern schon nach fünf Monaten wie in mehreren deutschen Bundesländern?
Primäres Ziel ist es, mit der Impfung schwere Erkrankungen zu verhindern. Das funktioniert auch noch nach sechs Monaten bei unter 65-Jährigen. Da die Wirkung sechs Monate nach der Impfung bei den älteren Menschen nachlässt, werden diese nun geboostert. Impfdurchbrüche gibt es zwar auch bei Jüngeren, diese verlaufen in der Mehrheit aber mild. Damit, dass wir nun auch unter 65-Jährige impfen, können wir aber die Infektionen reduzieren und damit zur Bremsung der aktuellen Welle beitragen. Natürlich besteht acht Monate nach der Impfung ein grösseres Risiko als nach sechs oder vier Monaten. Aber zuerst müssen alle eine Auffrischimpfung erhalten, die ein grösseres Risiko haben. Wenn alle durch sind, kann man über eine Senkung auf fünf oder vier Monate diskutieren. Aber das Intervall zwischen der 2. und der 3. Impfung darf auch nicht zu kurz sein, sonst verringert sich der Schutz einer Dosis. Unter vier Monate geht nicht. Im Moment lautet die Swissmedic-Zulassung auf sechs Monate, alles andere ist off-label. Das gilt im Moment.

Einige Kantone unterschreiten die sechs Monate auch. Ein Problem?
Da muss man nicht päpstlicher als der Papst tun. Ob eine Impfung nun noch zwei Wochen früher stattfindet, macht keinen grossen Unterschied. Aber irgendwo muss man eine Grenze ziehen. Sagen wir fünfeinhalb Monate, kommt der nächste und will fünf Monate. Swissmedic lässt sechs Monate zu.

«Jeder kann über die Festtage mit einer Anpassung seines Verhaltens sein Risiko selber beeinflussen.»

Bei vielen Menschen in der Schweiz sind die sechs Monate ungefähr Anfang Januar vorbei. Würde es Sinn machen, dass sich die noch vor Weihnachten impfen lassen?
Der Grenzwert von Swissmedic gilt für alle. Jeder kann über die Festtage mit einer Anpassung seines Verhaltens sein Risiko selber beeinflussen.

Wer ist am Schluss eigentlich für die Booster-Empfehlung verantwortlich? Ekif oder BAG?
Die Zulassung macht die Swissmedic. Die Impfkommission Ekif macht darauf eine Impfempfehlung zuhanden des BAG. Dieses kommuniziert dann den im Konsens zwischen Ekif und BAG gefällten Entscheid und hat somit das Schlusswort.

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