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Keuchhusten: Das kannst du dagegen tun

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Jetzt schon doppelt so viele Keuchhusten-Fälle wie 2023 – das kannst du dagegen tun

Für Säuglinge ist Keuchhusten lebensgefährlich. In diesem Jahr ist die Zahl der Fälle deutlich angestiegen. Die Infektiologin Anita Niederer-Loher erklärt, was man gegen Keuchhusten tun kann.
27.05.2024, 23:1928.05.2024, 02:36
Bruno Knellwolf / ch media
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Husten Mädchen
Keuchhusten kann über Wochen und Monate andauern.Bild: Shutterstock

Keuchhusten ist eine sehr ansteckende Infektionskrankheit der Atemwege, die durch die Bakterien Bordetella pertussis und seltener Bordetella parapertussis ausgelöst wird. In den letzten zwanzig Jahren vor der Pandemie bewegte sich die jährliche Inzidenz zwischen 40 und 164 Fällen pro 100'000 Einwohner und Einwohnerinnen.

«Während der ersten drei Pandemiejahre sank die Inzidenz aufgrund der Kontaktbeschränkungen auf unter 20 pro 100'000 Einwohner», sagt Simon Ming vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Seit 2024 beobachten wir jedoch wieder einen Anstieg der Fälle. Seit Anfang dieses Jahres wurden bereits fast doppelt so viele Fälle wie im ganzen Jahr 2023 gemeldet.»

Durch das Wegfallen der Covid-19-Massnahmen und die vermehrten Kontakte zirkulierten verschiedene Erreger, darunter auch Pertussis, seit einiger Zeit wieder vermehrt, sagt Ming. Die Infektiologin Anita Niederer vom Ostschweizer Kinderspital erklärt das Wichtigste zum Keuchhusten.

Anita NIederer-Lohrer
Anita Niederer-Loher: Oberärztin Infektiologie am Kinderspital St.Gallen.Bild: kssg

Doppelt so viele Keuchhusten-Fälle wie im ganzen Jahr 2023. Was ist der Grund?

Anita Niederer-Loher: Im Kinderspital und in den Praxen sieht man im Moment viele Fälle von Keuchhusten. Weil es keine Meldepflicht für Keuchhusten gibt, ist es nicht ganz einfach, aus den Sentinella-Zahlen des BAG irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Wenn vermehrt Fälle auftauchen, ist die Ärzteschaft sensibilisiert und macht mehr Diagnostik, was auch zu einem Anstieg der Zahlen beiträgt. Wir können ein bisschen damit rechnen, dass die Zahlen über die Sommermonate wieder zurückgehen. Aber man muss schon sagen, dass es aktuell mehr Fälle gibt als auch schon. Wie bei anderen Atemwegsinfektionen gibt es auch immer wieder kleinere Wellen von Keuchhusten. Ausbrüche gibt es, weil die Menschen nicht mehr so gut geschützt sind, weil zum Beispiel die letzte Impfung zu lange her ist.

Ist denn jetzt Keuchhustensaison?

Da es sich um eine Atemwegsinfektion handelt, ist die Gefahr der Ansteckung im Winter und Frühling höher, wenn die Leute drinnen nahe zusammen sind.

Wie unterscheidet sich ein Keuchhusten von einem herkömmlichen Husten?

Man kann einen Erkältungshusten nicht wirklich von einem Keuchhusten unterscheiden. Einen kleinen Unterschied gibt es: Keuchhustenpatienten haben in der Regel kein Fieber und nur zu Beginn der Infektion wenig zusätzliche Erkältungssymptome. Typisch für den Keuchhusten ist, dass der Husten sehr lange andauert: Wochen bis Monate. Und das kann sehr unangenehm sein, weil es oft nachts zu Hustenattacken kommt, die den Schlaf stören.

Wie gefährlich ist der Keuchhusten?

Keuchhusten ist für alle lästig, aber für Säuglinge sehr gefährlich. Einer von Hundert Säuglingen stirbt bei einer Keuchhusten-Ansteckung. Auch mit allen Möglichkeiten der modernen Medizin rennt man in solchen Fällen hinterher. Aus diesem Grund wird allen werdenden Müttern empfohlen, sich während der Schwangerschaft zu impfen. Damit haben die Neugeborenen einen Schutz für die ersten Lebensmonate, wenn das Risiko am höchsten ist und der Schutz durch die Impfung des Säuglings selbst noch nicht aufgebaut ist. Ansteckend ist man die ersten drei Wochen nach Symptombeginn, nachher trotz Husten nicht mehr. Die Ansteckungsdauer kann man verkürzen, wenn man früh eine Diagnose hat und Antibiotika verabreicht. Nach der Antibiotikatherapie von fünf bis sieben Tagen besteht kein Ansteckungsrisiko mehr.

Ist Keuchhusten leicht übertragbar?

Das Verhindern von Keuchhusten ist extrem schwierig, weil die Krankheit sehr ansteckend ist. Weil oft nicht erkannt wird, dass es sich um einen Keuchhusten handelt, wird der Erreger nach der Infektion leicht verteilt. Zwar sind Geimpfte gegen die hoch infektiösen Keuchhustenbakterien gut geschützt, aber nicht zu 100 Prozent.

Welche möglichen Prophylaxen gibt es?

Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, um vorzubeugen. Für Säuglinge und Kleinkinder ist der Keuchhusten in der empfohlenen sechsfach Kombi-Impfung zusammen mit Starrkrampf, Diphterie, Kinderlähmung, Hämophilus Typ b und Hepatitis B enthalten. Eine Auffrischungsimpfung ist im Kindergartenalter sowie bei Jugendlichen und einmalig mit 25 Jahren empfohlen. Zusätzlich sollten alle Personen eine Impfung erhalten, die privat oder beruflich Kontakt zu Säuglingen haben und in den letzten zehn Jahren keine Impfung oder bestätigte Infektion hatten.

Wie gross ist der Impfschutz?

Die Impfung hat eine Wirksamkeit von 80 bis 90 Prozent. Exzellent ist die Wirksamkeit für Säuglinge nach Impfung der Mutter in der Schwangerschaft mit 95 Prozent. Das Bakterium selbst macht nicht krank, aber es bildet Giftstoffe, die zum Beispiel Flimmerhärchen in der Lunge lähmen. Das führt unter anderem zu starker Schleimproduktion und zu den Hustensymptomen. Die Toxine können aber auch das Gehirn angreifen und die Atemsteuerung, vor allem bei Säuglingen. Deshalb haben diese auch oft Atempausen. Die Impfung macht die Toxine unschädlich, gegen Bakterien selbst kann man bekanntlich nicht direkt impfen.

Welche Nebenwirkungen hat die Keuchhusten-Impfung?

Es kann in dieser Kombination mit der Starrkrampf-Impfung zu Schmerzen, Schwellung oder Rötung an der Impfstelle kommen. Der Keuchhusten-Impfstoff ist sehr gut verträglich, kann aber wie jede Impfung auch einmal zu Fieber führen. Die Impfung ist etabliert, sicher und wird schon seit Jahrzehnten verabreicht.

Trifft der Keuchhusten auch Erwachsene?

Für das Keuchhustenbakterium ist das Alter unwichtig. Bevor es eine Impfung gab, erkrankten hauptsächlich Kinder, weil diese das Bakterium rasch untereinander verteilten. Mit der Impfung sind diese nun gut geschützt, und die Anzahl der Fälle hat sich deutlich reduziert. Dafür stecken sich heute häufiger auch junge Erwachsene an.

Warum?

Die Impfung schützt für fünf bis zehn Jahre, die gleiche Schutzdauer besteht auch bei einer Infektion. Ohne Auffrischung ist das Risiko einer Ansteckung bei Kontakt mit einer infizierten Person sehr hoch. Dies betrifft oft junge Erwachsene. Deshalb wird empfohlen, zu impfen, wenn man sich im Umfeld von Säuglingen bewegt, und das in jedem Alter.

Da es sich um eine Atemwegsinfektion handelt, ist die Gefahr der Ansteckung im Winter und Frühling höher, wenn die Leute drinnen nahe zusammen sind. (aargauerzeitung.ch)

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