Sie nennen ihn «il presidente»: Boss einer neuen Supermafia sitzt in der Schweiz
«Papa liebt dich.» Diese Botschaft liess der inhaftierte Camorra-Boss Michele Senese aus dem Gefängnis an einen Genfer Treuhänder ausrichten, um ihn bei Laune zu halten. Überbringer war sein Sohn Vincenzo. Die Ermittler hörten mit. In anderen Gesprächen, die vor fünf Jahren an einem Prozess in Rom Thema waren, nannten führende Figuren des Senese-Clans den Genfer «il presidente». Einer erklärte dessen Rolle so: «Er ist der Präsident einer unserer Firmen in der Schweiz.»
Der Treuhänder, gebürtiger Italiener und seit einigen Jahren Schweizer Bürger, soll für die Mafia eine Schlüsselrolle gespielt haben: bei Geldwäsche, Finanzierungen und der Rückführung von Geldern nach Italien. Kronzeugen schilderten seinen Aufstieg: Zunächst habe er nur als Treuhänder für den Clan gearbeitet. Später sei er Partner und Financier geworden. Er sei für die Bosse unentbehrlich geworden. «Er war die Gans, die goldene Eier legt», sagte ein Kronzeuge.
Ende der 1990er-Jahre hatte der Italiener in Genf seine erste Firma gegründet. Zweck: Forderungseinzug, Inkasso, Treuhand, Wirtschaftsauskünfte, Firmenanalysen. Jahre später tauchte er in Dutzenden Firmen auf. Mindestens zwei von ihnen sollen als «Waschmaschinen» gedient haben: schmutziges Geld in die Schweiz, gewaschenes Geld zurück nach Italien. Ermittler und Kronzeugen sprechen von Transaktionen teils in Millionenhöhe.
In Italien setzte der berüchtigte Senese-Clan die Gelder unter anderem als Wucherkredite ein. Ein Unternehmer sagte 2021 in Rom aus, er habe zehn Prozent Zins zahlen müssen – pro Monat. Bei der «Kreditvergabe» habe der Boss mit einer eindeutigen Geste signalisiert: «Wenn du nicht zahlst, leg ich dich um.»
Geldwäsche über eigenes Modelabel
Als Tarnung und Fassade für Geldflüsse in die Schweiz und zurück dienten laut den Ermittlungen unter anderem Geschäfte im Bekleidungs- und Modesektor. Ein eigenes Label wurde aufgebaut, der Treuhänder trat selbst als Inhaber einer Modefirma auf. Fiktiv wurden Firmenkredite hin- und hergeschoben, um die Zahlungen zu plausibilisieren. Doch die italienischen Banken schauten wegen verschärfter Vorschriften gegen Geldwäsche genauer hin. Viele Verdachtsmeldungen um den Genfer Treuhänder waren die Folge, sagte ein Ermittler 2020 in Rom in einem Prozess gegen den Senese-Clan. Angeklagt war da erstmals auch der Treuhänder: 2021 wurde er in Abwesenheit erstinstanzlich zu sieben Jahren Haft verurteilt.
In der Schweiz blieb der Mann zunächst auf freiem Fuss und scheinbar unbehelligt.
Aber dann kamen die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwaltschaft. In der Operation Hydra, benannt nach der vielköpfigen Schlange der griechischen Mythologie, deckten die Ermittler eine Supermafia auf: eine kriminelle Föderation aus ’Ndrangheta, Camorra und Cosa Nostra mit Zentrum Lombardei. Der Senese-Clan gilt als wichtiger Camorra-Kopf dieser Hydra.
Und Anfang Jahr packte im Hydra-Prozess ein neuer Kronzeuge aus: ein Insider des Mazzei-Clans aus Sizilien. Er ist rechtskräftig verurteilt als «wirtschaftliche rechte Hand» des Mazzei-Bosses. «Ich weiss praktisch alles», sagte er kürzlich vor Gericht. Er hatte unter anderem betrügerische Konkurse durchgeführt und Tarnstrukturen betrieben, auch in der Lombardei. Jetzt sagte er detailliert zu Struktur und Personal der Supermafia aus.
Delegierte der Clans treffen sich regelmässig
Diese sei eine «tavola di mafia», ein runder Tisch der drei grossen Mafia-Gruppen, so der Zeuge laut italienischen Medien. Jede Familie stellte Garanten oder Delegierte, die sich regelmässig zu Gipfeln trafen. Ziel war, Kriege zu verhindern, Streitigkeiten beizulegen, Garantien abzugeben und den kriminellen Erfolg zu maximieren. Und dies bis weit in die Schweiz hinein, insbesondere ins nahe Tessin.
Die Geschäfte decken das mafiöse Spektrum ab: Drogen, Wucher, Steuerbetrug, Bau, Logistik, Gesundheitswesen, Dienstleistungen, Importe und fiktive Rechnungen. Dazu kamen Einschüchterungen, Erpressung, Geldwäsche und Mord. So wurde ein hohes Mitglied der Föderation Opfer einer «lupara bianca», eines Mordes ohne Leiche: Er verschwand spurlos.
Wie ein Wirtschaftsverband führte die Föderation eine gemeinsame Kasse, die «bacinella». Mitglieder zahlten Beiträge, wenn sie Geschäfte zugeteilt erhielten oder davon profitierten. Die Gelder werden unter anderem für die Familien von Häftlingen verwendet.
Bedeutsam ist: Einer der beiden Mailänder Verbindungsmänner des Genfer Treuhänders zum Senese-Clan ist gemäss dem Kronzeugen zentrale Figur der Supermafia. Als Camorra-Garant nimmt er an den Gipfeltreffen teil. Der Kronzeuge nannte auch Namen und Rollen der anderen Delegierten in dieser Verbrecher-Föderation. Eingebunden war etwa auch die «Familie» des 2023 verstorbenen sizilianischen Superbosses Matteo Messina Denaro.
Der Kronzeuge sagte auch, wie die Supermafia vor Jahren entstanden sei. Der Mailänder Kontakt des Genfer Treuhänders und die Sizilianer des Mazzei-Clan hätten bei einer Schuldeintreibung zusammengespannt. Also just in jenem Geschäft, mit dem der Genfer Treuhänder einst begonnen hatte.
Derzeit läuft in Mailand der Hydra-Prozess gegen 45 Personen. Anfang Jahr wurden im abgekürzten Verfahren bereits 62 Leute verurteilt. Der Treuhänder erscheint nicht auf der Liste der Beschuldigten.
Doch Anfang 2026 wurde er in der Schweiz verhaftet. Laut der Römer Zeitung «La Repubblica» halten ihn die Schweizer Ermittler für das «Hirn» der Finanzarchitektur des Senese-Clans. Fortsetzung folgt.
Es gilt die Unschuldsvermutung. (schweizheute.ch)

