«Strafverfahren gegen mehrere Personen»: Bundesanwaltschaft ermittelt gegen die Supermafia
Der Genfer Treuhänder und mutmassliche Mafia-Helfer ist kein Einzelfall. Im Umfeld von Hydra taucht auch eine «Beratungsfirma im Finanzbereich» in Paradiso bei Lugano auf. Verwaltet wurde sie von einem Paar, das Stand Oktober 2025 im Tessin in Haft sass. Die Firma machte 2024 Schlagzeilen, weil sie für 2.7 Millionen Franken von einer Ministerin der Meloni-Regierung eine PR-Mehrheitsbeteiligung kaufen wollte. Ein Minderheitsaktionär zeigte den Vorgang an: Es sei unklar, woher die Millionen kämen. Die Finma setzte einen Untersuchungsbeauftragten ein und übernahm die Kontrolle über die Firma. Der Deal kam nicht zustande, die Firma ging pleite.
Gemeint war ein Genfer Treuhänder, der der Mafia jahrelang treu und gegen gutes Entgelt gedient haben soll: schmutziges Geld in die Schweiz, gewaschenes Geld zurück nach Italien, Transaktionen teils in Millionenhöhe.
Der Mann soll zum Financier einer Supermafia geworden sein: Clans der Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra schlossen sich zu einer kriminellen Föderation zusammen. Ermittler sprechen von einer Hydra, analog zur vielköpfigen Schlange der griechischen Mythologie. Der Senese-Clan, für den der Genfer Treuhänder mutmasslich aktiv war, gilt als Camorra-Kopf und Mitgründer dieses Verbunds.
Verfahren gegen mehrere Beschuldigte
Den Kampf gegen diese Hydra hat auch die Bundesanwaltschaft aufgenommen. Ein Sprecher antwortet auf die Frage, ob im Senese-Zusammenhang Verfahren laufen: Die Bundesanwaltschaft führe diesbezüglich «Strafverfahren gegen mehrere Personen sowie gegen Unbekannte wegen des Verdachts auf schwere Geldwäscherei, Bildung einer kriminellen Organisation und Urkundenfälschung».
Derzeit könnten, weil die Verfahren immer noch liefen, keine weiteren Informationen gegeben werden. Auch zu «Identitäten von allenfalls in Strafverfahren involvierten Personen» äussere sich die Bundesanwaltschaft nicht.
Vom Treuhänder zum Finanz-Hirn des Clans?
Die Zeitung «La Repubblica» berichtete kürzlich, der Treuhänder sei Anfang Jahr in der Schweiz vorübergehend verhaftet worden. Die Schweizer Ermittler hielten ihn für das «Hirn» der Finanzarchitektur des Senese-Clans. Laut Kronzeugen wurde er über die Jahre vom Treuhänder zum Partner und Financier der Mafia.
2021 war er in Rom in Abwesenheit bereits zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Der gebürtige Süditaliener, 64, ist seit einigen Jahren Schweizer Staatsbürger; das ersparte ihm damals wohl die Auslieferung an Italien. Zwei Anwälte beteuerten seine Unschuld – erfolglos.
Ins Visier der römischen Ermittler gerieten damals vor allem seine Treuhandgesellschaft sowie eine Aktiengesellschaft, die er 2012 im Genfer Handelsregister eintragen liess, mit dem Zweck, Beteiligungen an Firmen zu halten. Der Genfer sitzt bis heute als einziger Verwaltungsrat in der Firma. Aus diesen Firmen flossen Gelder über Konten bei CS und UBS zurück ins Mafia-Umfeld, wie «La Repubblica» berichtete.
In einem Bunker in Mailand läuft derzeit der Prozess gegen Akteure der Hydra. Brisant sind die Aussagen des neuen Super-Kronzeugen mit dem Spitznamen Scarface, der seit letztem Herbst auspackt. Der Sizilianer ist Hydra-Insider. Er war in Catania, Rom und Mailand aktiv und kennt besonders die beiden Mailänder Camorra-Leute, die mit dem Genfer Treuhänder zusammenarbeiteten. Scarface dürfte auch den Schweizer Ermittlern neue Erkenntnisse liefern.
Viele Spuren der Hydra in der Schweiz
Der Genfer Treuhänder und mutmassliche Mafia-Helfer ist kein Einzelfall. Im Umfeld von Hydra taucht auch eine «Beratungsfirma im Finanzbereich» in Paradiso bei Lugano auf. Verwaltet wurde sie von einem Paar, das Stand Oktober 2025 im Tessin in Haft sass. Die Firma machte 2024 Schlagzeilen, weil sie für 2.7 Millionen Franken von einer Ministerin der Meloni-Regierung eine PR-Mehrheitsbeteiligung kaufen wollte. Ein Minderheitsaktionär zeigte den Vorgang an: Es sei unklar, woher die Millionen kämen. Die Finma setzte einen Untersuchungsbeauftragten ein und übernahm die Kontrolle über die Firma. Der Deal kam nicht zustande, die Firma ging pleite.
Laut italienischen Medien taucht das Verwalterpaar auch in fünf Schweizer Firmenvehikeln der Operation «Moby Dick» auf. Dabei geht es um internationalen Mehrwertsteuerbetrug mit Laptops, AirPods und weiteren Geräten. Clans der Cosa Nostra und Camorra sollen von 2020 bis 2023 verschiedene Fiskusse um über 500 Millionen Euro erleichtert haben. Hier gibt es unter anderem auch Spuren zu Firmen in Zug.
Im Februar 2026 ergingen erste Schuldsprüche im Zusammenhang mit «Moby Dick». In Mailand wurden 20 Personen zu insgesamt über 70 Jahren Haft verurteilt. Unter ihnen war der mutmassliche Drahtzieher Antonio L., der fünf Jahre erhielt. Der Mann besass laut Recherchen bis vor einigen Jahren eine Aufenthaltsbewilligung im Kanton Wallis. Er trat dort im gleichen betrügerischen Firmenkonstrukt auf wie Giuseppe Calvaruso, ein Boss der Cosa Nostra aus Palermo, der sechsstellige Geldsummen über Schweizer Banken verschoben haben soll. Es gilt die Unschuldsvermutung.

