Schweiz
Tessin

Mafia-Verdächtiger wollte Bargeld und Luxusuhren siegeln lassen

Mafia-Verdächtiger wollte Bargeld und Luxusuhren siegeln lassen – und einen Gratis-Anwalt

Die Schweiz diente dem Netzwerk als sicherer Hafen – bis internationale Ermittler zuschlugen. Nun scheitern mutmassliche Mafiosi mit grenzwertigen Beschwerden in Bellinzona.
22.06.2026, 05:1922.06.2026, 05:19
Henry Habegger
Henry Habegger
Lieblingsdestination macher Mafiosi und ihrer Treuhänder: Blick auf Roveredo, aufgenommen am Freitag, 7. November 2025.
Lieblingsdestination macher Mafiosi und ihrer Treuhänder: Blick auf Roveredo, aufgenommen am Freitag, 7. November 2025.Bild: Keystone

Der Mann, mutmasslich Mitglied der neapolitanischen Camorra, stellte über seinen Anwalt ein eigenartiges Begehren beim Bundesstrafgericht in Bellinzona. Er verlangte die Siegelung von «Bargeld und Luxusuhren», die im Februar 2026 in seiner Wohnung im bündnerischen Roveredo von der Bundeskriminalpolizei beschlagnahmt worden waren. Die Bundesanwaltschaft verweigerte die Siegelung: zu Recht, wie das Bundesstrafgericht kürzlich in einem Beschwerdeentscheid festhielt.

Was wollte der Mafioso mit der Siegelung?

«Der Beschwerdeführer machte keinerlei Geheimnis geltend, das in Verbindung mit diesen Gegenständen zu schützen wäre», entschieden die Bundesstrafrichter. Ein Siegelungsbegehren für diese Art von Gegenständen sei «an der Grenze des Missbräuchlichen».

Was erhoffte sich der Mann, der auch noch Gratis-Rechtspflege verlangte, von der Siegelung? Ging es um Kokainrückstände, DNA, Seriennummern oder andere verräterische Spuren und Hinweise auf Uhren und Noten? Oder ging es darum, im Verfahren Zeit zu gewinnen und Unruhe zu stiften?

Statt Siegel und Gratis-Anwalt erhielt der Mann Gerichtskosten von 2000 Franken aufgebrummt. Das dürfte ihn kaum gross schmerzen: Er ist einer von sieben mutmasslichen Mafiosi, die im Februar 2026 bei einer internationalen Aktion in Frankreich und Italien verhaftet worden waren.

Das Netzwerk bestand aus einer Familie aus Montenegro, die ihren Hub in Cannes in Südfrankreich hatte, sowie aus Mitgliedern der Camorra aus Neapel und der ’Ndrangheta aus Kalabrien. Ein internationales Joint Venture der Mafia, verbunden durch Heirat: Der Boss eines Camorra-Clans ist mit der Tochter des Paten aus Montenegro verheiratet. Vier der sieben Verhafteten, unter ihnen das Pärchen, verfügten über Aufenthaltsbewilligungen im Kanton Graubünden und waren in Chur und Roveredo gemeldet. Auch im Tessin besassen Bandenmitglieder ein Unternehmen und Liegenschaften.

«Ausgeklügeltes Geldwäschereisystem»

Im Februar 2026, als die Bande ausgehoben wurde, sprach Europol von einem «internationalen kriminellen Netzwerk, das Kokaingewinne für die italienische organisierte Kriminalität wusch». Enttarnt worden sei ein «ausgeklügeltes Geldwäschereisystem, das Mitgliedern der Camorra und der ’Ndrangheta diente». Durch Briefkastenfirmen, gefälschte Rechnungen und Luxusinvestitionen seien Millionen von Euro gewaschen und in ganz Europa reinvestiert worden. Ermittler hätten «die Geldspur quer durch Europa verfolgt».

Auch in der Schweiz durchsuchten die Ermittler Liegenschaften und Unternehmen, die das Netzwerk hier besass. Darunter eine angebliche Beratungs- und Marketingfirma in Roveredo, die ebenfalls auf den Namen des Neapolitaners lief, der Bargeld und Luxusuhren versiegeln lassen wollte. Die Firma soll – das steht in einem anderen Beschwerdeentscheid des Bundesstrafgerichts – der Geldwäscherei gedient haben, vermutlich mithilfe falscher Rechnungen.

Der Neapolitaner wollte die Hausdurchsuchungen in seinen beiden Wohnungen und in der Firma in der Schweiz als unverhältnismässig und die sichergestellten Beweismittel als unverwertbar erklären lassen. Das Gericht lehnte ab.

Ein zweiter Italiener beklagte sich in einer Beschwerde über praktisch dasselbe: Die Razzia in seiner Wohnung im Bündnerischen, die laut Ermittlern «als Logistikbasis für den Drogenvertrieb diente», sei unverhältnismässig gewesen. Den Ermittlern sei der Zugriff auf die sichergestellten Gegenstände zu untersagen. Auch dieser Beschuldigte blitzte ab.

Auch noch Begehren nach Gratis-Anwalt

Die beiden Beschuldigten verlangten jeweils sogar unentgeltliche Rechtspflege: Die Schweiz sollte Gerichtskosten und Anwaltshonorare übernehmen. Belege für ihre angebliche Mittellosigkeit lieferte allerdings keiner ab; das entsprechende Formular unterschrieben sie nicht. Die Luganeser Anwälte der Beschuldigten argumentierten: Ihre Klienten sässen in Italien in Haft, daher sei es nicht möglich, die verlangten Informationen und Unterschriften einzuholen.

Auch damit blitzten die mutmasslichen Mafiosi ab. Formal deshalb, weil die drei Beschwerden laut Gericht von Anfang an aussichtslos waren. Die Bandenmitglieder warten derzeit in Italien und Frankreich auf ihre Prozesse.

Es gilt die Unschuldsvermutung. (schweizheute.ch)

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7 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Gina3
22.06.2026 06:26registriert September 2023
Diese Forderungen sind lediglich
die Bestätigung dafür, dass Mafiosi seit Jahrzehnten oder sogar seit Jahrhunderten ungestört tun können, was sie wollen -das einzige Problem sind die Kriege zwischen den Clans!
Sie fühlen sich tatsächlich über jedem Gesetz stehend.
Und die Schweiz? Sie dient oft und gerne als sicherer Hafen und erlässt Gesetze zugunsten der Mafia
(z. B. beim Kauf von Immobilien ohne Geldwäsche Kontrolle! Nicht wahr Liebe Parlamentarier?)
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Rumpelstilz aka Motzbrocken
22.06.2026 07:13registriert November 2023
Der Bundesrat hat beschlossen, den Liegenschaftenhandel bis 5 Mio vom Geldwäschergesetz auszuschliessen.


Das Bankgeheimnis schützt nur diese Clientel.

Geldwäsche ist der noch funktionierende Wirtschaftsteil der Schweiz.

Pauschale Besteuerung reicher Personen ist Verfassungswidrig, ansich Landesverrat.
Moretti aus Crans Montana lässt grüssen.

Zur Erinnerung: „alle sind vor dem Gesetz gleich“. Muahaha.

Der Bundesrat hilft aktiv dem organisierten Verbrechen. Die Finanzindustrie wird
auch die Parteikassen gut füllen.
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