Neonazi-Szene in der Schweiz: Kriminologe äussert sich zum Fall Tuggen
Vor einer Woche endete ein Konzertabend in Tuggen SZ tödlich. Bei einem Konzert im Lokal Bandits wurde ein 27-Jähriger von einem Faustschlag getroffen. Die Rega brachte ihn ins Spital, wo er kurz darauf starb.
Laut mehrerer Quellen des SonntagsBlicks sollen Neonazis die Auseinandersetzung in der Nacht auf Sonntag provoziert haben: Sie hätten den Hitlergruss gezeigt, Gäste angerempelt und beim DJ erfolgreich einen Song der rechtsextremen Band Landser gewünscht. Als sich andere Besucher wehrten, kam es zum Streit.
Gemäss den Quellen ist der mutmassliche Täter (42) ein langjähriges Mitglied der rechtsextremen Gruppierung Blood and Honour.
«Eher 40 als 20»
Das Netzwerk wurde 1987 in Grossbritannien gegründet und hat laut des Professors für Kriminologie der Universität Zürich Dirk Baier seit den 1990er-Jahren auch seine Ableger in der Schweiz. «Die Mitglieder sind also eher in den 40ern als in den 20ern, wie das bei der Jungen Tat der Fall ist», erklärt er auf Anfrage von watson. Beim Festgenommenen handelt es sich um einen 42-Jährigen. Hierzulande sei die Gruppe in der Vergangenheit vor allem mit der Organisation von Musikkonzerten in Erscheinung getreten, so Baier.
Der Schweizer Ableger der Organisation machte zuletzt im April auf sich aufmerksam, als sich in Thusis GR rund 150 Rechtsextreme zu Hitlers Geburtstag trafen. In Deutschland ist das international aktive Neonazi-Netzwerk seit 2000 verboten.
Historisch bedingt gebe es in unserem Nachbarland verschiedene Instrumente, um Rechtsextremismus vorzubeugen, erklärt Baier und ordnet weiter ein: «In der Schweiz existiert eine andere Kultur des Umgangs mit solchen Akteuren; Verbote passen nicht zu dieser Kultur und es wird ausgesprochen selten davon Gebrauch gemacht.»
Rechtsextreme Gewalt in der Schweiz
Es handelt sich mutmasslich um den ersten Todesfall durch rechtsextreme Gewalt in der Schweiz seit Jahrzehnten. «Meines Wissens hat eines der letzten Tötungsdelikte mit rechtsextremem Hintergrund 2001 in Unterseen BE stattgefunden», so der Kriminologe. Ein junger Mann habe damals seinen rechtsextremen Kameraden umgebracht, weil dieser drohte, über die Machenschaften des Ordens der arischen Ritter zu sprechen. «In den 1990er-Jahren gab es ebenfalls Tötungsdelikte, etwa durch Brandanschläge auf Wohnungen ausländischer Personen.»
Die Kantonspolizei Schwyz nahm den Verdächtigen weniger als einen Tag nach der Tat fest. Er bleibt mindestens drei Monate in Untersuchungshaft, die Ermittlungen laufen wegen vorsätzlicher Tötung.
Hat ein mutmasslich rechtsextremer Hintergrund in diesem Fall Einfluss auf das Gerichtsurteil?
«Wir haben in der Schweiz keine Hate-Crime-Gesetzgebung, nach der Hassverbrechen schärfer bestraft werden als andere Verbrechen», so Baier. Der rechtsextreme Hintergrund spiele bei einer Verurteilung keine herausgehobene Rolle. «Der Hintergrund kann allerdings im Sinne niedriger Beweggründe als Mordmerkmal berücksichtigt werden. Mord würde dann härter bestraft werden können als die vorsätzliche Tötung.»
Die Staatsanwaltschaft äusserte sich bisher nicht zu einer Verbindung mit Blood and Honour. Sie hält aber fest, dass die Hitlergrüsse vermutlich der Auslöser der Auseinandersetzung waren. Für den Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
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