Winterreserven schon verbraucht – ab heute schmelzen die Schweizer Gletscher
Seit Jahren verlieren die Schweizer Gletscher an Volumen. In den letzten Jahren waren die Verluste besonders stark.
Auch in diesem Sommer starteten die Gletscher schlecht. So dünn war die Schneeschicht, welche im Winter 2025/26 auf einigen Gletschern lag, noch nie. Landesweit lag Anfang Mai ein Viertel weniger Schnee auf den Gletschern als üblicherweise Ende des Winters.
Durch die Hitzewelle der letzten Tage (und auch zuvor zu wenig Niederschlag und höhere Temperaturen als sonst) haben die Schweizer Gletscher jetzt schon am 29. Juni alle «Winterreserven» verbraucht.
Dieser Tag wird als Gletscherschwundtag bezeichnet. Ab heute schmilzt also das alte Eis und die Gletscher verlieren an Volumen. Früher im Jahr war der Schweizer Gletscherschwundtag einzig 2022. Das Gletscherjahr dauert bis am 1. Oktober. Wenn bis dahin der Gletscherschwundtag nicht erreicht wird, wird das Datum theoretisch auf den 1. Oktober gesetzt. Letztmals gab es in der Schweiz also 2001 keine Gletscherschmelze.
Wie Gletscherforscher Matthias Huss, der mit seinem Team den Gletscherschwundtag berechnet, auf Anfrage schreibt, ist die Bestimmung des Tages nicht ganz einfach. Jetzt im Sommer hat er auch noch eine gewisse Unschärfe: «Der finale Wert wird immer erst nach Abschluss der Messungen im September definitiv. Letztes Jahr zum Beispiel kam es da noch zu einer Verschiebung um drei Tage, relativ zu unserer Schätzung vom Sommer.» Theoretisch könnte 2026 also noch der früheste Gletscherschwundtag seit Beginn der Aufzeichnungen werden.
Wobei zu erwähnen ist, dass man den Wert nicht direkt auf dem Gletscher messen kann, da er sich auf die zeitliche Entwicklung der ganzen Gletschermasse der Schweiz im Verlauf des Jahres bezieht. Huss: «Wir verwenden hier ein Rechenmodell, das für jeden Tag und jede Position auf dem Gletscher (für die grössten 400 Schweizer Gletscher) die Bilanz zwischen Schneemenge und Schmelze bestimmt.»
Das Modell ist mit allen verfügbaren Messdaten gefüttert und wird durch Wetterdaten angetrieben (damit sind auch Prognosen für ein paar Tage möglich). Huss führt weiter aus: «Wir verwenden auch Daten von Satelliten und Webcams, um die Schätzung ständig zu verbessern.» Gemäss Huss und seinem Team fliesst aktuell so viel Schmelzwasser von den Schweizer Gletschern ab, dass damit alle sechs Sekunden ein olympisches Schwimmbecken gefüllt werden könnte.
Bei weiterhin warmen Temperaturen im Juli und August (und vielleicht noch September) werden die Schweizer Gletscher also weiter an Volumen einbüssen. Huss ist darum überzeugt, dass die Gletscher in diesem Jahr sehr viel Eis verlieren werden.
