«Da meldete sich niemand» – das sagt der Bergbahnen-Chef zum Ski-Aus in Braunwald
Der Titel der Medienmitteilung hörte sich harmlos an: «Braunwald lanciert gemeinsamen Zukunftsprozess.» Der Inhalt war aber radikal: Das Bergdorf stellt den Skibetrieb ein. Ganz überraschend kam der Entscheid nicht.
In den letzten Jahren kämpfte das Familienskigebiet Braunwald ums Überleben. Im Oktober 2024 wurde so richtig Alarm geschlagen, im März 2025 rettete der gute Winter das Skigebiet – vorerst. Doch im März 2026 – nach einem durchschnittlichen Winter – war klar: Die Zukunft muss richtig geplant werden. Drei Optionen standen zur Auswahl.
Jetzt hat sich der Verwaltungsrat entschieden: Der Skibetrieb wird eingestellt, Braunwald will mit naturnahem und sanftem Tourismus zum Ganzjahresbetrieb werden.
Wir haben bei Richard Bolt, Verwaltungsratspräsident der Sportbahnen Braunwald AG, nachgefragt.
Richard Bolt, der Entscheid, dass Braunwald zukünftig auf den Skibetrieb verzichtet, ist einige Tage her. Jetzt nach den ersten Reaktionen: Wie geht es Ihnen?
Richard Bolt: Mir geht es sehr gut. Es war ein einstimmiger Entscheid im Verwaltungsrat und er war auch mit den wichtigsten Stakeholdern abgesprochen.
Was haben Sie für Rückmeldungen erhalten?
Die Reaktionen sind teilweise sehr emotional. Das verstehen wir auch. Skibetrieb in Braunwald ist etwas, das es immer gab. Das schmerzt. Aber die Emotionen sind das eine. Als Unternehmer und Verantwortliche dürfen wir nicht nur darauf achten.
Erhielten Sie auch persönliche Reaktionen?
Ja, klar. Auch per Telefon oder E-Mail. Alle kann ich aber nicht nachvollziehen. Wir haben über die letzten Jahre immer gekämpft. Wir mussten Darlehen aufnehmen und Aktienkapitalerhöhungen durchführen. Es war allen klar, dass es knapp ist. Da meldete sich niemand. Jetzt kommen alle und haben noch eine Idee. Aber es ist jetzt so. Es geht um die Zukunft der Bergbahnen.
Im März sagten Sie mir, es gäbe drei Optionen. Welche waren die anderen zwei?
Ganz abschalten oder weiter wie bis anhin. Wir haben den Entscheid getroffen, den wir aus unternehmerischer Sicht vertreten können. Es soll weitergehen und einen Minimalbetrieb können wir gewährleisten.
Sie haben zwar entschieden, wie es nicht weitergeht. Aber wie es weitergeht, das ist auch noch nicht klar. Ging das mit dem Entscheid nicht etwas schnell?
Wenn wir es nochmals einen Winter versuchen würden, wäre dies absolutes High Risk. Ich bin Bergführer und wenn ich für eine Gipfelbesteigung 50-zu-50-Chancen sehe, dann gehe ich nicht. Hier ist es das Gleiche.
Der Zukunftsprozess soll jetzt mit allen Beteiligten starten. Bis wann fällt ein Entscheid?
Bis Ende Jahr.
Ist das nicht zu knapp?
Wir haben schon einen Plan. Aber die Frage ist, ob die Destination auch einen hat. Zusammen mit den Hoteliers, dem Gewerbe, der Gemeinde, dem Tourismusverband und dem Kanton werden wir diesen jetzt ausarbeiten.
Hans Rudolf Forrer, der Gemeindepräsident von Glarus Süd, bezeichnete den Entscheid in der Südostschweiz als «schlimm bis katastrophal». Er sei überrascht worden.
Ich weiss nicht, was er damit bezwecken wollte. Der Gesamtgemeinderat und die Standortförderung waren praktisch von Anfang an mit im Boot.
Gab es eigentlich auch Absprachen mit dem Nachbarsgebiet Elm?
Nein, das gab es bisher nicht. Wir sind offen für einen Austausch, ich weiss nicht, ob Elm das auch will.
Falls ihr jetzt vor dem einträglichen Weihnachtsgeschäft seht, dass die Verhältnisse super werden, könntet ihr kurzfristig doch noch einen Skibetrieb ermöglichen?
Nein, dann würden wir uns zur Lachnummer machen. Irgendwann muss man entscheiden.
Aber dass die Seilbahnen zum Gumen oder Seblengrat doch geöffnet werden, ist möglich?
Nicht für den Skibetrieb. Vielleicht für Winterwanderungen oder ähnliche Betätigungen.
Falls die Bahnen geöffnet sind, könnten die Leute ja trotzdem mit den Skis hoch und auf «alten Pisten» runterfahren.
Das müssen wir noch genau klären. Es ist dann auch eine Frage der Haftung, wenn wir Skifahrer transportieren, aber keine gesicherten Pisten anbieten.
Nach dem Entscheid gab es bei den Hotels auch schon einige Stornierungen. Was löst das bei Ihnen aus?
Das ist nachvollziehbar. Die Leute dachten teilweise, dass man Skifahren könne. Aber es wird andere geben, welche die Plätze füllen.
Was für Leute sollen die Plätze füllen?
Das werden wir in den nächsten Wochen definieren. Wir als Bergbahnen geben vor, wohin wir wollen. Aber die Destination muss sich da auch im Klaren sein. Will man mehr Familien? Will man ältere Leute? Es braucht ein scharfes Profil. Wir haben gesagt: Skifahren geht nicht mehr. Jetzt wollen wir auf neue Angebote fokussieren.
Warum gehört Skifahren nicht mehr dazu?
Der Betrieb ist sehr aufwendig. Wir haben beim Verkehrsertrag (ohne Gastronomie) im Sommer 2025 und im Winter 2025/26 sehr ähnliche Zahlen. Aber im Winter sind die Kosten viel höher.
Aber im Sommer verdienten sie bisher noch kein Geld. Sie konnten zuletzt fast kostendeckend arbeiten, wie Sie im März sagten.
Ich muss in die Zukunft schauen. Die Zeichen sind klar: «Alles fährt Ski» ist Nostalgie. Es gibt aus den Städten immer weniger Skifahrer, in den Schulen wird es nicht mehr gefördert, das Winterfeeling geht verloren, wenn im Winter im Flachland kein Schnee liegt. Der Klimawandel betrifft uns. Man muss den Tatsachen ins Auge schauen. Alles andere ist verantwortungslos. Wir kennen unsere Höhenlage und unsere Exposition. Ich liebe Skifahren. Wir finden das auch nicht cool, aber so ist es.
Wie lief die bisherige Sommersaison?
Wir haben bisher eine gute Saison und sehr viele Besucher. Wenn der Juli und August nicht total verregnet sind, werden wir nochmals deutlich zulegen können.
Aber es braucht Investitionen. Wie soll das klappen?
Das Grotzenbüel kann zu einem Zentrum werden. Vor einigen Jahren eröffneten wir dort den Seilpark, im Herbst folgt eine Zipline. Für eine Rodelbahn ist das Projekt ausgearbeitet. Wir müssen da aber noch die Finanzierung klären, wenn wir diese wirklich wollen.
Wie sieht es mit Biken aus?
Das werden wir oft gefragt. Das ist nicht wirklich ein Thema. Wir sind dafür nicht prädestiniert. Das hängt auch mit der Standseilbahn zusammen. Weil es bis zum Talboden keine Bikewege gibt.
Im Winter bleiben auch Angebote wie Schlitteln. Die Sommerversion davon könnten Mountaincarts sein. Gibt es da Überlegungen?
Wir haben Alpentrottinetts vom Grotzenbüel ins Dorf. Mountaincarts werden wir eher nicht auch noch anbieten. Wir haben viele Wanderer auf den Wegen und alle müssen ihren Platz haben. Wir wollen auch kein Disneyland werden.
Aber nur mit Wanderern wird es nicht gehen?
Wir wollen ruhigen und naturnahen Tourismus. Aber wir sprechen immer noch von Tourismus. Wir werden in den nächsten Wochen ausarbeiten, was wir für Möglichkeiten für sanften Tourismus haben.
Kann der Seilpark oder die Zipline auch im Winter geöffnet werden, wenn es keinen Schnee gibt?
Das wollen wir versuchen. Ein Seilpark oder auch die Zipline kann grundsätzlich auch im Winter benutzt werden, wenn das Wetter stimmt. Da müssen wir flexibel bleiben.
Was im Winter bleibt, ist der Zauberteppich für kleine Kinder. Was ist da das Ziel?
Auch das werden wir noch definieren, wie gross das Angebot werden soll. Aber grundsätzlich soll es weiterhin möglich bleiben, dass kleine Kinder bei uns Skifahren lernen können.
Sie sind nicht das erste Gebiet, das sich Gedanken über den Skibetrieb machen muss. Sind Sie im Austausch mit anderen Destinationen?
Wir orientieren uns am Verband Seilbahnen Schweiz. So waren wir auf dem Stoos oder Monte Tamaro, wo sich ähnliche Fragen stell(t)en. Da sind wir schon im Austausch. Aber am Ende hat jede Destination ihre Eigenheiten und muss den eigenen Weg finden.
