Zuhause gepflegt: «Im Heim würde ich es nicht lange machen»
Walter* liegt im Bett, als Christina Caprez die Wohnung betritt. Er hat bereits auf sie gewartet. «Ich bin schon halb verhungert», ruft Walter ihr zu, als sie sich die Schuhe auszieht und in Hausschuhe schlüpft. Er lacht dabei und strahlt die Pflegefachfrau aus seinem Bett heraus an.
Caprez arbeitet für die Spitex in Laax und dreht ihre morgendliche Runde.
Auf zwei Tischchen neben dem Bett liegt alles, was Walter braucht: eine Wasserflasche, Zeitungen, Erinnerungen an Arzttermine – und mehrere Uhren, fein säuberlich nebeneinander aufgereiht.
«Das sieht etwas komisch aus, oder?», fragt er, an Caprez gewandt. «Ich habe einen Uhrentick», erklärt er. «Früher hatte ich den Autotick, der war etwas teurer.»
Walter wohnt in einem alten Bündnerhaus mit vielen Treppen, die er nicht mehr alleine erklimmen kann. Die Wohnung verlässt er nur noch für Arzttermine. Und braucht dafür einen Krankentransport. Walters Leben spielt sich in seiner Wohnung ab.
Zuhause bleiben, solange es noch geht
Walter ist 90 Jahre alt. Seine Haut ist fleckig, sein Gehör nicht mehr das Beste, in seiner Nase steckt ein Schlauch, der ihm beim Atmen hilft. Trotz alledem ist er zufrieden. Die kleine Freiheit, innerhalb seiner eigenen vier Wände selbstbestimmt zu leben, bedeutet ihm alles. Er sei nicht der Typ fürs Altersheim. «Dann würde ich den Sauerstoff wegwerfen», sagt er. «Ich muss immer noch machen können, was ich will.»
Die Spitex geht mehrmals täglich bei ihm vorbei, verabreicht ihm seine Medikamente, wäscht ihn, cremt ihn ein, misst den Blutzucker, setzt Insulinspritzen, kocht, kauft ein, macht den Haushalt.
Caprez ist an diesem Tag für die Pflege und das Frühstück zuständig. Während sie zwei Eier kocht – eines für gleich und eines für später –, sitzt Walter in der Küche auf der Bank. Er leitet sie an. Welche der zwei Eieruhren sie benutzen soll (nicht die moderne). Wie er seinen Tee mag (mit Sirup). Wie viele Minuten das Ei gekocht werden soll (fünf). Wo die sauberen Eierbecher versorgt werden (auf dem Fenstersims).
Dazwischen plaudert er mit Pflegefachfrau Caprez. Er erzählt von seiner verstorbenen Frau, die die Angewohnheit gehabt habe, die Kühlschranktür offen zu lassen. Später sagt er, ein Lächeln auf dem Gesicht: «Sie war eine ganz Gute, hat alles mit mir mitgemacht.»
Es wirkt vertraut, wie Walter in seiner Jogginghose in der kleinen Küche sitzt, während Caprez herumwuselt, damit Walter bis zur Ankunft der nächsten Spitex-Angestellten alles hat, was er braucht.
Insgesamt kommen um die vierzig unterschiedlichen Pflegerinnen zu ihm. «Du musst ihnen viel erklären», sagt Walter. Doch er mag den Kontakt, kennt alle beim Namen. Vor allem, wenn sie Tiere haben. Dann sammelt Walter auch mal hartes Brot für ihre Pferde oder bittet sie darum, Bilder ihrer Hunde mitzubringen. Diese liegen auf dem Küchentisch, daneben die Fotografien seiner Kinder, der Enkelin und seiner Frau.
Manchmal gibt er, der ehemalige Sprachlehrer, Unterricht oder hilft bei der Vorbereitung auf eine Prüfung. «Das ist gut, dann muss ich noch etwas hirnen.» Walters Familie besucht ihn jeweils am Wochenende. «Unter der Woche ist die Spitex meine Familie», sagt Walter. Und dieses Mal scheint es kein Scherz zu sein.
Wozu in die Zukunft planen?
Sophia ist eine weitere Patientin, die Christina Caprez an diesem Tag zu Hause besucht. Sie erzählt im breiten Bündnerdeutsch, lacht viel. Unter ihren Stützstrümpfen schauen rot lackierte Zehennägel hervor. Eine junge Pflegerin habe sie so bemalt, sagt Sophia.
Die 61-Jährige lebt allein, mit sieben Katzen und zwei Hunden, in einem Haus mit Blick auf die Bündner Berge. Es sei dieser Ausblick, den sie am meisten vermissen würde, wenn sie einmal nicht mehr hier leben könnte.
Als Sophia um die vierzig Jahre alt ist, merkt sie, dass etwas nicht stimmt. Sie hat Schwierigkeiten beim Gehen, gerät schnell ins Wanken. Das fällt auch bei der Arbeit auf. «Die Leute dachten, ich sei betrunken.» Nach vielen Untersuchungen ist klar: Sie hat Multiple Sklerose, kurz MS.
Anfangs versteckt sie ihren Behindertenausweis noch im Handschuhfach, wenn sie Auto fährt. Das ist zwanzig Jahre her. Heute fährt Sophia nicht mehr, das Auto steht vor dem Haus.
Wie ist es, so früh von der Hilfe anderer abhängig zu sein?
«Mit der Zeit legst du die Hemmungen ab», sagt sie. Allein geht es nicht: «Irgendwann musst du Hilfe zulassen.» Und sie ist froh, dass Hilfe kommt.
An diesem Donnerstagmorgen hilft Caprez Sophia ins Bett, um sie zu waschen, leert den Urinbeutel, zieht ihr die Stützstrümpfe an. Sophia gibt Anweisungen. Und klopft Sprüche. «Sorry für den Galgenhumor», sagt die 61-Jährige und grinst.
Von der Hüfte aufwärts ist Sophia mobil. Beinabwärts aber hat sie kaum Kraft, jederzeit könnten Spastiken auftreten. «Dann falle ich zusammen wie ein Kartoffelsack.» Darum nutzt Sophia einen Rollstuhl. Ihr Mobiltelefon hat sie immer bei sich, die Google-Uhr am Handgelenk.
Dank der Spitex führt sie ein relativ selbstbestimmtes Leben: Sie kümmert sich um ihre Tiere, macht die Wäsche, bewegt sich selbständig durchs Haus. «Ich kann hinaus auf den Balkon, an die Sonne, habe meine Tiere um mich. Es ist herrlich.» Ohne Pflege wäre das undenkbar.
«In einem Heim musst du dich einem Ablauf fügen.» Wie in der Reha, wo sie viel Zeit verbracht hat. Dort sei es ihr körperlich zwar gut gegangen. «Psychisch hat es mir geschadet», sagt sie.
Doch die Pflege zu Hause hat Grenzen. Einen Nachtdienst gibt es nicht, für Notfälle ist die Spitex nicht zuständig. Wenn etwas ist, muss Sophia selbst die Ambulanz rufen.
Wie lange geht das noch? Und was ist, wenn es mal nicht mehr geht? Diese Fragen stellte Sophias Ärztin ihr vor einer Weile. «Darum kümmere ich mich, wenn es so weit ist», habe sie ihr geantwortet. Jetzt sagt sie: «Heute geht es, morgen geht es vielleicht nicht mehr. Aber dann kann ich morgen eine Entscheidung treffen. So ist es lebenswert und so kann ich es geniessen.»
*Name geändert
