«Rassistisch konnotiert»: Forscher kritisiert, dass SRF neu Nationalität von Tätern nennt
Die Journalistinnen und Journalisten des SRF werden in Zukunft die Nationalität von Täterinnen und Tätern, Verdächtigen und Opfern nennen – und zwar konsequent, wie das SRF seine Mitarbeitenden in einer internen Mitteilung anweist. Darüber hatten zuerst die Zeitungen von CH Media berichtet.
Das SRF hat dafür die eigenen publizistischen Leitlinien anpassen müssen. Konkret wurde Artikel 6, Absatz 10 geändert. Stand da in der Version 1.4 noch, dass das SRF die Nationalität nur nennt, wenn es im Zusammenhang mit der Tat bedeutsam ist, sie zu verstehen hilft oder ein begründetes öffentliches Interesse besteht, heisst es jetzt:
Hintergrund der Entscheidung ist eine Beurteilung der SRF-Ombudsstelle. Die «Morgennachrichten», eine Audio-Sendung von SRF, hatten am 9. Februar 2024 über die Geiselnahme im Zug in der Nähe von Yverdon berichtet. Sie verzichteten dabei darauf, über die Nationalität des Geiselnehmers zu berichten. Andere Medien sowie auch der Kanton Waadt nannten sie.
Die Ombudsstelle kritisiert das SRF dafür. Es habe sich um «eine für unser Land ausgesprochen seltene Tat gehandelt, die zu einer erheblichen Beunruhigung in der Bevölkerung führen konnte», schreibt der Co-Leiter der Ombudsstelle Urs Hofmann in seiner Begründung.
Zudem hatten die Morgennachrichten vermeldet, dass weitere Angaben zur Person noch «in Abklärung» seien. Das obwohl der Kanton Waadt Nationalität und Aufenthaltsstatus des Geiselnehmers kommuniziert hatte.
«Damit wurde der Eindruck erweckt, weitere Angaben zur Person hätten mangels entsprechender Erkenntnisse der Strafverfolgungsbehörden noch nicht gemacht werden können», moniert Hofmann. Das Problem lag also nur zum Teil darin begründet, dass das SRF die Nationalität nicht nannte. Sondern, dass sie den falschen Eindruck erweckte, sie sei nicht bekannt.
Transparent oder nicht?
Warum also hat SRF sich zur automatischen Nationalitätsnennung entschieden? Auf Anfrage von watson sagt Lorena Sauter, Pressesprecherin von SRF: «Damit stellen wir Transparenz her und schaffen eine einheitliche Praxis. Die Nennung erfolgt sachlich und ohne wertende Einordnung.»
Die Nationalität eines Täters oder einer Tatverdächtigen automatisch zu berichten, birgt das Problem, die Realität zu verzerren. Genau dazu hat Tobias Singelnstein, Professor für Kriminologie und Strafrecht an der Goethe-Universität Frankfurt, geforscht. Er sagt gegenüber watson:
Das Transparenz-Argument von SRF findet Singelnstein keine überzeugende Argumentation: «Die Nennung der Nationalität vernebelt eher die tatsächlichen Gründe für Kriminalität. Wenn, dann müsste man über Alter, Geschlecht, über sozioökonomischen Status, über Lebensbedingungen sprechen. Das sind die Dinge, die tatsächlich einen Einfluss darauf haben, ob Menschen Straftaten begehen oder nicht.» Für Singelnstein ist deshalb klar: «Das ist das Gegenteil von Transparenz.»
Denn die Forschung zeigt: Ausländerinnen und Ausländer sind nicht krimineller, weil sie einen ausländischen Pass haben. Sondern weil sie statistisch häufiger schwierigere Bedingungen vorfinden als Inländer und Inländerinnen. Und statistisch häufiger kontrolliert und angezeigt werden.
Verzerrte Berichterstattung
Das SRF argumentiert damit, sich «journalistischen Realitäten» anzupassen. Zumindest für Deutschland existieren dazu Zahlen. Eine Studie der Universität für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Beiträge aus TV-Nachrichten auswertete, zeigt: Noch im Jahr 2014 spielte die Nennung der Herkunft eines Tatverdächtigen darin kaum eine Rolle; sie wurde nur in gerade 4,8 Prozent der Beiträge berichtet.
Zwischen 2017 und 2019 verdoppelte sich dieser Wert nahezu. Wurde die Nationalität 2017 noch in 17,9 Prozent der Fälle genannt, waren es 2019 31,4 Prozent – wobei sie überdurchschnittlich oft genannt wurde, wenn Verdächtige ausländischer Herkunft waren.
Die Verzerrung tritt besonders hervor, wenn man die Polizeistatistik mit der journalistischen Berichterstattung abgleicht.
Erstens bestand in der deutschen TV-Berichterstattung ein deutliches Ungleichgewicht in der Nennung der Nationalität von Tatverdächtigen.
Zweitens: In über zwei Dritteln der Fälle hielten es die deutschen TV-Journalistinnen und Journalisten nicht für relevant, die Nationalität des Täters zu nennen. Diese Möglichkeit haben ihre Berufskollegen und -kolleginnen beim SRF in Zukunft nicht mehr.
Gemäss Informationen von watson wurden die SRF-Mitarbeitenden von der Entscheidung überrascht. Die einzelnen Redaktionen seien vor vollendete Tatsachen gestellt worden, sagen zwei SRF-Mitarbeitende.
Was geschieht, wenn sich SRF-Journalistinnen und -Journalisten weigern sollten, die angepassten publizistischen Leitlinien anzuwenden? «Wenn bei der Umsetzung Fragen auftauchen, klären wir diese intern und unterstützen die Mitarbeitenden entsprechend», sagt Mediensprecherin Sauter.
Politischer Druck wächst
Dass eine öffentlich-rechtliche Institution wie das SRF in der Berichterstattung auf konsequente Nationalitätsnennung setzt, hat für Singelnstein Signalwirkung.
Und zwar dafür, dass der politische Druck von rechts auf die Medien wächst, der «in einer rassistisch konnotierten, ideologisch verbrämten Debatte versucht, Kriminalität mit Staatsangehörigkeit oder Herkunft in Verbindung zu bringen.»
SRF-Mediensprecherin Sauter widerspricht, dass politische Einflussnahme hinter der Entscheidung stehe. Auch mit der Halbierungsinitiative, die die Konzessionsgebühren auf 200 Franken pro Jahr und Haushalt reduzieren möchte, habe sie nichts zu tun: «Ein Zusammenhang mit der bevorstehenden Abstimmung besteht nicht.»
