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Leben

Katharina Böbner – die Riesin aus der Schweiz

Die Riesin aus der Schweiz

Die zwei Meter grosse Katharina Böbner aus Schüpfheim trat in den 1820er-Jahren als «Weiblicher Koloss» in Freakshows im Vereinigten Königreich auf.
20.09.2026, 18:4720.09.2026, 18:47
Karl Horat / ch media
Katharina Böbner aus Schüpfheim verdiente mit den Shows wohl gutes Geld.
Katharina Böbner aus Schüpfheim verdiente mit den Shows wohl gutes Geld.Bild: Druckerei Ruthven & Son.

Schön, formvollendet und als «ä Chächi» begehrenswert. So wurde Katharina Böbner aus Schüpfheim vor 200 Jahren bezeichnet. Sie war eindrückliche 201 cm gross und wog 167 Kilo. Heute gälte sie mit einem Bodymassindex von 41.3 als «stark übergewichtig».

Sie wurde von einem Schausteller als lebende Attraktion engagiert, um aus ihrem überproportionalen Körper Kapital zu schlagen. Sie ging auf Tournee und reiste im Mai 1822 nach Wien. Die «Grosse Schweizerin» sei eine «sehenswerte Riesengestalt» befand die Wiener Theaterzeitung. Das Blatt meinte, dass Katharina «sowohl von Grösse als Dicke in unserm kraftarmen Zeitalter wirklich Bewunderung erregen muss». Die Zeitung rühmte den «wohlproportionierten Gliederbau». Sie betonte «das Seltene dieser Naturerscheinung» und Katharinas «angenehme Gesichtsbildung, verbunden mit anziehender, ungezwungener Naivität.» Weiter heisst es: «Sie ist übrigens ganz entfernt von aller Arroganz und Frechheit […] und ihre Treuherzigkeit und anspruchslose Weise sich zu benehmen, dürfte ihr den Antheil und die Aufmerksamkeit von Personen aus allen Ständen erwerben.»

Weiter ging die Tournee nach Bayern, nach Regensberg und Nürnberg. Anschliessend wurde die junge Frau nach Verona in Venetien gekarrt, das zu jener Zeit österreichisch war. Dort fand der «Kongress von Verona» statt, der vierte und letzte der europäischen Monarchenkongresse. Teilnehmer waren unter anderem Kaiser Franz I. von Österreich, Zar Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm III. von Preussen. Es war eine einmalige Gelegenheit, um europaweite Reklame für Katharina Böbner zu machen: Die Herren ergötzten sich an ihrem türrahmenfüllenden Anblick.

Die zweifelhafte Rolle der «Freakshows»

1824/1825 reiste sie nach Grossbritannien von Brighton am Ärmelkanal bis hinauf nach Schottland. Sogenannte «Freakshows» waren im viktorianischen England (ca. 1820–1900) eine der populärsten Formen der Unterhaltung. Freakshows zeigten Menschen und auch Tiere mit verschiedensten Arten von körperlichen Besonderheiten. Beliebt waren Riesen und Zwerge, männliche wie weibliche – und zum Beispiel auch siamesische Zwillinge sowie «die Dame ohne Unterleib», die auf einem Drehtischchen präsentiert wurde.

Was heute als moralisch verwerflich und grausam gilt, zog damals Menschen aller Gesellschaftsschichten an, von der Arbeiterklasse in billige Buden – bis hin zu Königin Victoria selbst, die regelmässig solche Freak-Darsteller in den Buckingham Palace einladen liess.

Einerseits waren diese Darbietungen zutiefst ausbeuterisch, rassistisch und voyeuristisch. Nicht selten wurden die Darsteller wie Eigentum behandelt. Andererseits war traurigerweise diese Zur-Schau-Stellung ihrer körperlichen Andersartigkeit oft die einzige finanzielle Überlebenschance für diese Menschen. Der Show-Direktor pflegte die Attraktion wortreich  anzupreisen mit unglaublichen «Fakten» und Geschichten zur Person.

Eine wohlgenährte Frau unter ausgebeuteten Männern

Katharina dürfte all den rachitisch-mageren englischen Bürschchen gefallen haben, deren Arbeitsbedingungen während der Ersten industriellen Revolution von England meist katastrophal und von extremer Ausbeutung geprägt waren. Gerne gaben die Boys darum das für den Show-Eintritt übliche Scherflein, einen oder wenigstens einen halben Schilling aus, um das Naturwunder aus den Swiss Alps zu bestaunen. Die Durchschnittsgrösse von Frauen im Vereinigten Königreich lag damals bei etwa 155 bis 158 Zentimetern.

Ankündigug auf einem Handzettel in Brighton.
Ankündigug auf einem Handzettel in Brighton.Bild: zVg

In den Ankündigungen der Shows im Königreich stand, sie gelte als die stattlichste und am schönsten proportionierte Frau Europas. Und im nächsten Abschnitt wird gerühmt: «Sie zeichnet sich ebenso sehr durch ihre enorme Körpergrösse wie durch ihre erstaunliche Kraft aus; zudem besitzt sie eine äusserst angenehme und intelligente Ausstrahlung und ist mit jener natürlichen Lebhaftigkeit und Offenheit begabt, die für die Bewohner der Schweiz so charakteristisch sind.»

«The New Times», die britische Tageszeitung, berichtete im April 1822, höchstrangige englische Adelige hätten der Lady aus der Schweiz einen Besuch abgestattet und in wenigen Wochen seien 15’000 Personen gekommen, um das «einzigartige Kuriosum» anzuschauen.

Die Shows brachten gutes Geld ein

Selbst wenn täglich nur 100 Neugierige da ihren Schilling entrichtet hätten, wären so jeden Tag fünf Pfund Sterling eingenommen worden: Für einen einfachen Arbeiter ein kleines Vermögen. Es entsprach dem Lohn für zwei Monate harte Arbeit.

Im Jahr darauf liess sich die Schweizerin als «Female Colossus» im noblen Zentrum von Edinburgh in Schottland ausstellen. Ihre Bewunderer verliessen ihr Etablissement mit ihrem frisch gedruckten Porträt in der Hand. Das ist der St.Andrews University-Dissertation von Duncan Forbes zu entnehmen. Da Fotografie noch nicht erfunden war, können wir uns anhand eines dieser Handzettel aus der Druckerei Ruthvan & Son. in Edinburgh ein Bild von Katharina machen. Auf diesem Portrait ist sie in Entlebucher Tracht zu sehen – farbig.

Es gab auch noch keinen Film und keine Massenmedien, welche den «Gwunder» hätten stillen können auf all das, was es auf der grossen weiten Welt noch an Erstaunlichem gäbe. Allzu sehr verargen können wir den Menschen von damals ihren Voyeurismus daher nicht.

Das weitere Schicksal von Katharina verliert sich im Nebel der weit zurückliegenden Zeiten. Es scheint, dass sie nach Schüpfheim zum Hof Weghus zurückfand. Markus Lischer, Wissenschaftlicher Archivar des Staatsarchives Luzern, konnte ihre Lebensdaten in den alten Büchern finden. Notiert sind in Schüpfheim der 6. Dezember 1795 als Geburts- und der 8. Juni 1859 als Sterbedatum. Sie sei Witwe eines Johann Krummenacher gewesen, Heirat 1830. In den Kirchenbüchern wurde aber nirgends etwas Weiters notiert. Ihre Geschichte bleibt aussergewöhnlich für eine Frau des vorletzten Jahrhunderts im betulichen Luzerner Entlebuch. (schweizheute.ch)

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