Zurück aus den Ferien – und plötzlich stimmt der Alltag nicht mehr
Frau Freund, gibt es eigentlich Menschen, die sich auf das Ende der Ferien freuen?
Alexandra Freund: Ja, selbstverständlich. Manche haben irgendwann genug vom Urlaub und freuen sich darauf, ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen oder ihre Kolleginnen und Kollegen zu sehen. Das hängt unter anderem davon ab, wie gerne jemand seiner Arbeit nachgeht und wie sinnvoll sie erlebt wird. Für manche ist es auch angenehm, wieder eine Struktur zu haben.
Sie selbst kennen das Gefühl aber auch, nicht unbedingt zurückzuwollen?
Natürlich, und das, obwohl ich meinen Job liebe. Es gibt aber auch Dinge daran, die ich nicht mag. Wenn diese bei der Rückkehr gerade im Vordergrund stehen, kann das die Freude trüben. Das ist selten schwarz-weiss. Man kann sich auf Teile der Arbeit freuen und auf andere überhaupt nicht.
Rund 40 Prozent der 18- bis 34-Jährigen in Deutschland sagen, sie seien schon einmal gestresster aus den Ferien zurückgekommen als vorher. Bei den über 55-Jährigen sind es nur 13 Prozent. Was machen die Jungen falsch?
Ich kenne diese Studie nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass bei Jüngeren ein gewisser Druck besteht, dass der Urlaub ganz besonders grossartig sein muss. Man muss wegfahren, die besten Partys erleben, die schönsten Ausflüge machen. Es gibt einen Leistungsdruck, möglichst viel in diese Zeit hineinzupacken. Und am Ende merkt man vielleicht: Es war gar nicht alles so grossartig, wie man es sich vorgestellt hat. Mit zunehmendem Alter lässt dieser Anspruch womöglich etwas nach.
Ferienstress und Fomo also. Und was ist mit Sehnsüchten? Warum kommen in den Ferien plötzlich Gedanken hoch wie: Vielleicht sollte ich kündigen, auswandern oder mein Leben komplett anders organisieren?
Dazu gibt es keine Forschung, die diese Frage direkt untersucht. Aber es ist sehr plausibel: Ein Kontextwechsel ermöglicht uns, aus einer Art Vogelperspektive auf unseren Alltag zu schauen. In den Ferien hat man mehr Zeit und Abstand und kann sich fragen: Tut mir das eigentlich gut? Wenn man eine Weile weg ist, werden einem die eigenen Routinen etwas fremder. Man kann fast wie eine andere Person darauf schauen.
Ist das Ferien-Ich dann besonders klar im Kopf – oder romantisiert es einfach ein Leben, das gar nicht funktionieren würde?
Es ist ein anderer Blick, aber nicht unbedingt ein klarerer. Ferien sind eine Auszeit vom Alltag. Wenn sie selbst zum Alltag würden, wären sie wahrscheinlich auch nicht mehr so toll. Wer immer Ferien hat, hat irgendwann keine Ferien mehr. Und es kommt noch etwas dazu.
Was?
Wenn man aus einer Ferienstimmung heraus den Job hinschmeisst oder nach Australien auswandert, nimmt man sich selbst und seine eigenen Muster mit. Ob der Ortswechsel wirklich all die erhofften Veränderungen bringt, ist fraglich. Aber solche Träume können trotzdem wertvoll sein. Man kann sich fragen: Was genau fasziniert mich daran? Vielleicht muss ich gar nicht nach Australien auswandern. Vielleicht merke ich einfach, dass mir etwa das Surfen, Abenteuer oder ein bestimmtes Gefühl fehlt. Dann kann ich überlegen, wie ich etwas davon in meinen Alltag integrieren kann.
Muss ein Job überhaupt alle Bedürfnisse nach Sinn, Freiheit und Selbstverwirklichung erfüllen?
Nein. Es gibt vor allem zwei Bereiche, die wir Menschen erwartungsmässig völlig überladen: Beziehungen und Beruf. Ein Partner soll beispielsweise romantisch und sexy sein, Sicherheit geben und einen emotional erfüllen. Und der Beruf soll uns finanziell absichern, sinnvoll sein, soziale Bedürfnisse erfüllen, Selbstverwirklichung ermöglichen, uns möglichst wenig einschränken und uns erlauben, unser ganzes Potenzial auszuschöpfen. Das ist sehr viel, was ein einzelner Lebensbereich leisten soll.
Das klingt ein bisschen ernüchternd: Ich komme aus den Ferien zurück, merke, was mir fehlt – und soll dann einfach weniger von meinem Job erwarten?
Nein, aber es lohnt es sich zu fragen, ob der Beruf wirklich der Lebensbereich sein muss, der einem all diese Dinge gibt. Vielleicht ist mein Beruf nicht besonders kreativ. Dann kann ich überlegen, wo ich diese Kreativität sonst ausleben kann. Wir haben heute relativ viel Freizeit. Die kann man nutzen, um Bedürfnisse zu erfüllen, die im Beruf zu kurz kommen. Doch dafür muss man sich selbst einen Kick geben und nicht einfach nur frustriert sein, dass einem die Arbeit das nicht gibt.
Woran merke ich, ob ich einfach den Ferien nachtrauere – oder ob mir das Ferien-Ich gerade etwas Wichtiges über mein Leben sagt?
Wenn dieses Gefühl nur kurz nach der Rückkehr da ist, kann das ein normaler Ferienblues sein. Wenn aber das Gefühl sehr stark ist und man denkt: «Das ist eigentlich nicht das Leben, das ich führen möchte», dann sollte man genauer hinschauen. Dann ist es keine reine Feriensache mehr. Eine Sehnsucht kann einem auch zeigen, was einem wichtig ist. Man muss ihr nicht eins zu eins folgen. Aber man kann sich fragen: Was genau vermisse ich eigentlich – und wie könnte ich davon mehr in mein normales Leben holen?
