Absperrband und Flucht: So schützen sich Zürcher Camper vor den Street-Parade-Massen
Ruhe liegt über dem Campingplatz «Fischer’s Fritz» bei Wollishofen. Der Zürichsee glitzert, zwischendurch kräht eine Möwe und im Schatten der Wohnwagen-Vordächer scrollen die Rentner durch ihre Feeds. Bis das Gros der Street-Parade-Gäste eintrifft, müssen noch zwei Nächte vergehen. Nur beim Ufer klopft schon ein Techno-Beat von DJane Deborah De Luca.
Dort sind Sarah und Lena in ihre Campingstühle gelehnt, auf der Vorblache ihres Zelts liegt ein Musikböxchen. Die beiden Stuttgarterinnen wollen zum vierten Mal die Streetparade besuchen und gehören zu jenen Ravern, die alljährlich den Campingplatz «Fischer’s Fritz» zahlreich belegen. «Die Streetparade bedeutet für uns Freiheit. Die Leute können sein, wie sie sind, sich anziehen, wie sie wollen und ihre Sexualität ausleben, ohne dass es jemanden stört», sagt die 33-jährige Sarah, eine Bierdose in der Hand. «Das ist schön. Gerade für Paare, wie wir eines sind.»
Seit Teenie-Jahren sind Sarah und Lena Technofans. Die Musik von Paul Kalkbrenner hat sie ins Genre gezogen. Einen Anlass wie die Street Parade gebe es in Stuttgart leider nicht. «Und viele Techno-Clubs sind eingegangen», sagt Sarah etwas wehmütig. Umso mehr wollen die beiden die Street Parade und das Zusammenkommen der Technoszene auskosten. Ausgiebig am Samstag, doch schon am Freitagabend auf dem Campingplatz könnte die Nacht lang werden.
Ob die Energie für beide Nächte reicht? «Dafür gibt es die einen oder anderen Hilfen», meint Sarah und schmunzelt. Sie würden dann schauen, ob ihnen am Samstag nach Ecstasy zumute sei. «Das Feiern steht im Vordergrund. Dazu ist nicht unbedingt Konsum nötig.»
Nicht nur Freiheitsgefühl, Techno und Party haben die beiden nach Wollishofen gebracht. Das Zelten am Zürichsee hat ihnen vergangenes Jahr so gut gefallen, dass sie nun einen Tag früher angereist sind. Und im August wollen sie nochmals kommen. Dann aber für einen traditionellen Campingurlaub. Die Street Parade als Tourismusmotor.
Niederländische Jungs bleiben beim Alkohol
Nur wenige Meter weiter sitzen fünf junge Männer im Kreis, allesamt oberkörperfrei, auch hier hält jeder ein Bier. Das Testosteron ist fast greifbar. «Die Frauen!», ruft einer, darauf freuten sie sich am meisten.
Doch vor der Street Parade wollten sie unbedingt die rechte Seeseite besuchen, da soll es schöne Plätze zum Grillieren geben, bemerkt ein anderer, der sich als Mark vorstellt. Während er redet, entsteht ein paar Stühle neben ihm ein Joint. Das sei nur CBD, merkt der Bauherr an, die Verpackung bestätigt es. «Wir gehen auch wegen des Alkohols zur Street Parade. Aber härtere Drogen sind nicht so unser Ding», meint Mark.
Vielleicht wissen sie, dass der Campingplatz bei Drogen eine Nulltoleranz-Linie fährt. Es droht der Platzverweis.
Die Jungs kommen aus der Nähe von Assen in den Niederlanden. Auch sie haben die Fahrt bewusst einige Tage vor der Street Parade auf sich genommen, gut acht Stunden dauerte sie: «Wir wollten sicherstellen, dass wir noch einen Platz auf dem Campingplatz hier erhalten», sagt er. Für Plätze im Fischer's Fritz gilt: «Es hät, solang's hät.» 20 Franken kostet die Zeltnacht pro Person. Dank der frühen Ankunft konnte sich die Freundesgruppe ein Plätzchen unmittelbar am See sichern, links eines kleinen Fusswegs.
Normalerweise sei Zelten nur auf der anderen Seite des Wegs erlaubt, sagt Luca Conrad, der Zuständige auf dem Campingplatz. Doch in den Tagen um die Street Parade reizt er für seine Gäste jeden Quadratmeter aus. «Damit alle unterkommen, stellen wir ein Fussballfeld zur Verfügung, das normalerweise für Schulkinder frei sein muss. Notfalls erklären wir auch das Beachvolleyball-Feld zur Campingzone», sagt er.
Der Grossteil der Streetparade-Camper trifft jeweils am Samstagmorgen ein, die meisten aus Italien und Deutschland. Viele von ihnen sind mittlerweile Stammgäste. Dem «Fischer’s Fritz» bescheren sie jeweils einen besonders guten Monatsumsatz, «den wir gerne mitnehmen», sagt Conrad. Doch hänge das Überleben des Zeltplatzes nicht von den Streetparade-Gästen ab.
Trotz Verständnis: Manche Wohnwagen-Camper gehen
Wenn die Raver eintreffen, ist das Verständnis der anderen Gäste auf dem «Fischer's Fritz» gefragt. Bei vielen ist es zu finden, obwohl Techno-Beats wohl das Gegenteil der gesuchten Ruhe sind.
«Ich kann verstehen, dass die Jungen feiern wollen und einen Platz zum Bleiben brauchen. Aber für mich ist in diesen Tagen zu viel los hier», sagt eine 47-jährige Informatikerin aus Zürich. Sie hat einen Wohnwagen auf Platz, den sie für eine «Workation» nutzt. Ihre Lösung: Während des Street-Parade-Wochenendes geht sie heim nach Zürich.
Gleiches macht eine 54-jährige Deutsche aus der Nähe von München. Bei ihr ist der Ton aber unnachgiebiger: «Während der Street Parade ist es hier kaum auszuhalten», sagt sie. Vor allem stört sie, dass sich letztes Jahr ein Raver ungefragt in ihr Zelt gelegt hat. Dazu habe jemand darauf uriniert. Während ihrer Abwesenheit soll ein Absperrband übermüdete Raver abschrecken.
Trotz Street Parade scheint die Frau das See-Idyll beim «Fischer’s Fritz» nicht missen zu wollen. Schon seit 19 Jahren campiert sie in Wollishofen. Ihr Bruder, in Zürich wohnhaft, gibt zu Protokoll, dass er am Samstag selber an die Street Parade gehe. Gegen Raver sei ja grundsätzlich nichts einzuwenden.
Das Zusammenleben auf dem Campingplatz funktioniere in der Regel auch am Street-Parade-Wochenende gut, sagt Luca Conrad. Er setzt auf die Rücksichtnahme unter den Gästen. «Wenn etwas stört, zum Beispiel laute Musik, reden die Leute miteinander. Erfahrungsgemäss funktioniert das gut.» Nur wenn absolut nötig, greife das Personal vom Campingplatz ein.
Doch ohne gewisse Massnahmen geht es nicht: Während des Wochenendes setzt der Campingplatz auf ein Bändelsystem. Es soll sicherstellen, dass nur Zugang erhält, wer im «Fischer’s Fritz» einen Platz beansprucht. Dazu patrouillieren zwei Mitarbeiter regelmässig über den Platz.
Die Polizei muss Augenmass walten lassen
Über das Wochenende pilgern weit mehr Raver an den Zürichsee als «Fischer’s Fritz», Hotels und andere Unterkünfte um die Stadt herum fassen können. Seit Jahren stellen darum Raver ihre Zelte auf den Wiesen beim Seeufer auf, wenn Street Parade ist. Notabene illegal. Wildcampen ist im Kanton Zürich grundsätzlich verboten.
Doch ähnlich wie die Campingbetreiber muss sich die Stadtpolizei dem Faktischen beugen und flexibel sein. Eine Sprecherin schreibt auf Anfrage: «Im Zusammenhang mit der Street Parade tolerieren wir auf gewissen Flächen – etwa beim Mythenquai – das Campen unter gewissen Umständen.»
Die Camper dürften aber weder Fluchtwegen noch allfälligen Rettungsgassen im Weg stehen. Sollten Reklamationen eintreffen, werde die Polizei vor Ort einen Augenschein nehmen.
Sarah, Lena und die niederländische Freundesgruppe müssen sich zumindest nicht darum sorgen, dass ihr Zelt am falschen Ort steht. Noch am Sonntag wollen sie nach Hause fahren. Schon bald dürfte es auf dem Campingplatz in Wollishofen wieder ruhiger sein.
