Studie: In 30 Prozent der Femizide in der Schweiz sind Opfer und Täter über 65
In der Schweiz steigt die Zahl der Femizide, also die geschlechtsbezogene Tötung von Frauen und Mädchen. Oft sind es Ehemänner oder Lebenspartner, die ihre Frauen oder Freundinnen umbringen. 40 Prozent aller Tötungen finden innerhalb von Beziehungen statt.
Wie die Zeitungen von Tamedia schreiben, haben in den letzten 15 Jahren insbesondere die Femizide zugenommen, bei denen Opfer und Täter beide über 65 Jahre alt waren.
Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt
Unter häuslicher Gewalt versteht man körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt innerhalb einer Familie oder in einer aktuellen oder aufgelösten Paarbeziehung. Betroffene können sich bei den kantonalen Opferhilfestellen melden, die auf der Website der Opferhilfe Schweiz zu finden sind. Seit Mai 2026 existiert zudem die nationale Opferhilfe-Telefonnummer 142.
Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Sollten sich Frauen zu Hause nicht mehr sicher fühlen, finden sie in Frauenhäusern eine sichere Unterkunft. Weitere Unterstützung bietet das Frauen-Nottelefon. Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden. Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.
Tamedia stützt sich auf eine neue Studie, die die Kriminologinnen Nora Markwalder und Simone Walser von der Universität St.Gallen durchgeführt haben. Die beiden haben alle vorsätzlich vollendeten Tötungsdelikte in der Schweiz zwischen 1990 und 2014 analysiert.
Demnach lag der Anteil der Femizide, die von Senioren an Seniorinnen verübt wurden, 2011 noch bei 12 Prozent. Mittlerweile ist er auf 30 Prozent gestiegen. Forscherin Markwalder sagt gegenüber Tamedia:
86 Prozent der Täter in dieser Alterskategorie sind Schweizer Bürger. Ebenfalls 86 Prozent der Opfer sind Schweizerinnen. Das ist gemäss Studie ein erheblicher Unterschied zu jüngeren Tätern, die nur rund zur Hälfte Schweizer Bürger sind. Bei den jüngeren Opfern sind 60 Prozent Schweizer Bürgerinnen. Ältere Femizid-Täter sind zudem deutlich weniger oft vorbestraft.
Ältere Opfer holen weniger oft Hilfe
Warum töten Männer über 65 ihre Partnerinnen? Die Studienautorinnen Markwalder und Walser führen drei Hauptmotive aus.
- Ganz ähnlich wie bei jüngeren Tätern handeln sie aus einem Machtanspruch auf die Frau heraus. In einem Drittel der Fälle nimmt der Täter das Opfer mit in den Tod. Das zeuge von einem patriarchalen Rollenverständnis, in dem der Mann davon ausgehe, seine Partnerin könne ohne ihn nicht sein, sagen die Autorinnen.
- In einem weiteren Drittel geben die Täter an, aus «Mitleid» zu handeln. Konkret gehe es da dann darum, die Frau von einem körperlichen und/oder psychischen Leiden zu «erlösen». Auch da ist ein patriarchales Verständnis am Werk, nämlich dann, «wenn der Mann ohne das Einverständnis der Frau die Entscheidung über ihr Leben trifft und diese Entscheidung umsetzt», schreiben die Kriminologinnen.
- In über 27 Prozent der Fälle litten die Opfer an psychischen Erkrankungen – dieser Wert ist doppelt so hoch wie bei jüngeren Opfern. In diesen Fällen erscheine es plausibel, so die Autorinnen der Studie, dass die Täter aus Überforderung handelten.
Femizide sind in der Schweiz ein gesellschaftlich noch spärlich verhandeltes Thema. Für Femizide im betagten Alter gilt das umso mehr. Das liege auch daran, dass sich Seniorinnen noch weniger Hilfe holen als jüngere Frauen, schreiben die Studienautorinnen.
2025 waren nur 3,6 Prozent der Frauen, die eine kantonale Opferhilfe aufgesucht haben, über 64 Jahre alt. Das geht aus der nationalen Opferhilfestatistik hervor. Der Bund schätzt, dass jedes Jahr zwischen 300'000 und 500'000 Menschen ab 60 Jahren von psychischer oder physischer Gewalt oder Vernachlässigung betroffen sind.
(her)
