Schweiz
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In der Schweiz gibt es Schätzungen zufolge dreimal so viele unseriöse wie seriöse Tattoo-Studios. bild: unsplashed.com

Wild West in Schweizer Tattoo-Studios – braucht es bald eine Lizenz zum Stechen?

Hochgiftige Farben und Infektionsgefahr: Wer das falsche Tattoo-Studio besucht, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Profi-Tätowierer und Inspektoren fordern nun eine Zulassungsprüfung für Berufseinsteiger. In Deutschland ist der Tattoo-TÜV schon auf der politischen Agenda.



Eine Tattoo-Maschine von Ebay, Farben aus dem Online-Shop – und schon kann es losgehen. Wer in der Schweiz als Tätowierer arbeiten will, muss dafür keine besonderen Voraussetzungen erfüllen. Die Ausbildung ist nicht geregelt, verbindliche Sicherheits- und Hygienestandards fehlen, die Farben kommen ohne Zulassung auf den Markt.

Die Folge: Immer wieder geraten Pfusch-Tätowierer in die Schlagzeilen. Als der Verband der Kantonschemiker vor drei Jahren die Tattoofarben auf dem Markt kontrollierte, fiel das Ergebnis verheerend aus – mehr als die Hälfte der Farben wurden als gesundheitsgefährdend eingestuft. Bei einer Kontrolle 2009 waren es sogar vier von fünf Proben.

Tattoo-TÜV soll es richten

In Deutschland, wo die Situation vergleichbar ist, sagt die Politik den Schmuddel-Anbietern nun den Kampf an. CDU und CSU schmieden Pläne für einen Tattoo-TÜV, also eine Art staatliche Sicherheitskontrolle. «Wir brauchen Zulassungsverfahren für die Farben. Wir brauchen Befähigungsnachweise für die Tätowierer. Wir brauchen einheitliche Hygienestandards», sagte die Vize-Fraktionsvorsitzende der Union, Gitta Con­ne­mann, in der Welt.

Auch in der EU tut sich etwas: Derzeit arbeitet eine Fachgruppe an einer Tattoo-Norm, die künftig für alle Mitgliedsländer gelten soll.

Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizerischer Berufstätowierer (VST), hofft, dass auch die Schweiz bald mit den Wild-West-Zuständen aufräumt. «Das Verhältnis von seriösen zu unseriösen Tattoo-Studios beträgt in der Schweiz etwa eins zu drei», schätzt er. «Die schwarzen Schafe arbeiten in Hotelzimmern, Garagen oder in der eigenen Küche – häufig mit billigen Farben aus China und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen.»

«Farbe unter die Haut drücken, das kann jeder.»

Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizerischer Berufstätowierer

Ein Bewilligungsverfahren für Tätowierfarben wäre ihm zufolge genauso nötig wie ein Fähigkeitsnachweis für Tätowierer. «Wer diesen Beruf ausüben will, muss doch nachweisen können, dass er über Grundkenntnisse punkto Hygiene, Wundpflege und Materialkunde verfügt!», so der Inhaber von Lacky's Tattoo Shop in Grenchen.

Am liebsten wäre es Grossenbacher, wenn auch das handwerkliche Können der Kandidaten getestet würde. «Farbe unter die Haut drücken, das kann jeder.» Wer nicht fachgerecht steche, riskiere jedoch, dass das Gewebe vernarbt. «Ganz zu schweigen von jenen Anbietern, die kaum eine gerade Linie ziehen können.»

Auch Otmar Deflorin, der oberste Kantonschemiker der Schweiz, sagt: «Im Interesse der Sicherheit wäre es sehr zu begrüssen, wenn Tätowierer ein Zulassungsverfahren durchlaufen müssten.»

Braucht es eine Zulassungsprüfung für Tätowierer?

Tattoos und Scherzartikel in derselben Verordnung

Bis 2005 war das Tattoo-Geschäft in der Schweiz komplett unreguliert – es existierte keine einzige gesetzliche Vorgabe dazu. Dies änderte sich mit der «Verordnung über Gegenstände für den Humankontakt», die neben Kapiteln zu Streichhölzern, Feuerzeugen und Scherzartikeln auch Bestimmungen zum Tätowieren und Piercen enthält. Diese sind allerdings vage.

So müssen Personen, die Tätowierungen und Piercings anbringen, alle «zumutbaren Vorkehrungen» treffen, um Infektionen zu vermeiden. Weiter dürfen Tätowierfarben die Gesundheit der Konsumenten nicht gefährden.

Weil sich die Situation nicht besserte, trat letztes Jahr zusätzlich eine Meldepflicht für Tattoo-Studios in Kraft. Tätowierer und Piercer müssen sich seither bei den Kantonen registrieren – egal ob sie in einem Studio oder zu Hause arbeiten. Kriterien für die Aufnahme ins Register gibt es nicht.

Dank Insta-Recherchen zu versteckten Studios

Ziel ist, dass die kantonalen Behörden einen Überblick über die Anbieter bekommen und diese kontrollieren können. Allerdings harzt es bei der Umsetzung: Im Kanton Zürich, wo mehrere hundert Betriebe vermutet werden, erstatteten beispielsweise nur gerade 70 eine Meldung beim Kanton, wie es im Jahresbericht des Kantonschemikers heisst.

Der oberste Kantonschemiker Otmar Deflorin, selber in Bern tätig, bestätigt: «Zahlreiche Anbieter wissen noch nichts von der Meldepflicht – oder wollen nichts davon wissen.» Mittels Facebook-, Instagram- und Google-Suchen versuchen die kantonalen Behörden nun, nicht gemeldete Tattoo-Anbieter ausfindig zu machen. Eine weitere Fährte sind Tattoofarbe-Importe am Zoll – die Sendungen führen oft direkt zu versteckten Studios.

Den registrierten Studios stellten die Inspektoren letztes Jahr grösstenteils gute Zeugnisse aus. Dank dem Einsatz von Einwegutensilien hätten sich die Hygienestandards verbessert, heisst es in den Jahresberichten verschiedener Kantonschemiker. Weiterhin ein Thema sind jedoch giftige Farben. Oft würden die problematischen Tinten, im Jargon «China Fakes» genannt, ohne Zertifikat im Internet bestellt oder auf Tattoo-Conventions im Ausland eingekauft, notieren die Inspektoren.

«Manche Lieferanten sind so dreist, dass sie ihre Produkte mit dem Hinweis versehen: ‹Zum Tätowieren nicht geeignet›.»

Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizerischer Berufstätowierer

Der Bund stellt online eine Black List mit verbotenen Farben zur Verfügung – eine Übersicht über unbedenkliche Produkte existiert jedoch nicht. Das fehlende Bewilligungsverfahren mache es auch für seriöse Anbieter schwierig abzuschätzen, welche Farben bedenkenlos eingesetzt werden können, sagt Luc Grossenbacher. «In der Branche gilt die Faustregel: Wenn man bei einem Schweizer Importeur bestellt, sind die Produkte meistens in Ordnung.»

Allerdings gebe es auch hier Ausnahmen: «Manche Lieferanten sind so dreist, dass sie ihre Produkte mit dem Hinweis versehen: ‹Zum Tätowieren nicht geeignet›.» Im Wissen darum, dass sich die Hinterhof-Tätowierer darum foutieren und die Produkte trotzdem verwenden – «Hauptsache billig».

Weil sie im Untergrund arbeiteten, blieben die schwarzen Schafe meist unbehelligt. Und wenn sie entdeckt würden, kämen sie mit einer Verwarnung davon, bedauert der Körperkünstler. «Aus meiner Sicht wären in solchen Fällen hohe Bussen nötig.»

Hygiene-Sünder zahlen maximal eine Gebühr

Laut Kantonschemiker Deflorin kann in besonders gravierenden Fällen Strafanzeige erstattet werden – ihm sei aber kein Fall bekannt, in dem das geschehen wäre. Stellen Inspektoren Verstösse fest, fordern sie die Tätowierer dazu auf, den Missstand zu beheben oder die giftige Tinte aus dem Verkehr zu ziehen. Je nach Aufwand entfällt dafür eine Gebühr.

Chef-Tätowierer Grossenbacher geht davon aus, dass die Schweiz die EU-Norm zu Tätowierungen übernimmt, die voraussichtlich 2019 in Kraft tritt. Beim zuständigen Bundesamt für Lebensmittelsicherheit kann man derzeit noch keine Angaben dazu machen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Schweiz nachzieht.

Auf seiner Website hält das BLV unmissverständlich fest: «Das Tätowieren birgt gesundheitliche Risiken in sich.» Schlimmstenfalls würden Infektionskrankheiten wie Hepatitis und Aids übertragen.

Tattoo-Vorstoss im Nationalrat beerdigt – weil Urheberin starb

National- und Ständerat haben sich bislang kaum mit dem Thema auseinandergesetzt. 2003 stellte die SP-Politikerin Barbara Marty Kälin dem Bundesrat einige kritische Fragen zu Tattoo-Farben der Giftklasse 1. Vier Jahre später verlangte ihre Parteikollegin Liliane Chappuis einen Bericht, in dem eine Zulassung für Farben und eine Regelung des Tätowierer-Berufs geprüft werden sollte. Als Chappuis an einem Herzinfarkt verstarb, wurde der Vorstoss allerdings abgeschrieben und das Thema verschwand von der politischen Bühne.

Studios, die besonders hohen Hygienestandards genügen, können sich in der Schweiz heute mit dem «Hygiene Quality Label» zertifizieren lassen. Bislang verfügen landesweit aber nur rund 30 Betriebe über ein solches Zertifikat.

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