Swissport lanciert Neuheit beim Fliegen mit Rollstuhl – doch Swiss erhöht die Hürden
Es ist mehr als nur ein Hilfsmittel. Für Menschen, die darauf angewiesen sind, ist ein Rollstuhl praktisch eine Verlängerung des eigenen Körpers. Er verleiht im Alltag mehr Selbstbestimmung, Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit. Umso stressiger sind Situationen, in denen man das Gerät verlassen und es in andere Hände übergeben muss.
Das ist beim Reisen per Flugzeug der Fall. Insbesondere grössere, elektrische Rollstühle müssen im Frachtraum transportiert werden. Die betroffene Person wird gewöhnlich mit einem kleineren Rollstuhl an Bord gefahren und auf einen Sitz in der Kabine transferiert. Der Gang zur Toilette ist für viele von ihnen nicht möglich. Die Lösung lautet: Nur Kurzstreckenflüge – oder Windeln.
Beim Transport des Rollstuhls in und aus dem Frachtraum kommt es aber regelmässig zu Beschädigungen. Allein bei US-Airlines gingen 2024 laut dem Department of Transportation 11'000 Schadens- und Verlustmeldungen zu Rollstühlen und anderen Fortbewegungshilfsmitteln ein – rund 30 pro Tag. Bei der Swiss waren es im vergangenen Jahr 365 Meldungen zu verspäteten oder beschädigten Rollstühlen sowie 146 Meldungen zu orthopädischen Hilfsmitteln wie Krücken oder Rollatoren, wie Airline-Sprecher Remo Müller sagt.
Ein Standardprozess fehlt
Die laut eigenen Angaben weltweit grösste Bodenabfertigungsfirma Swissport reagiert auf dieses Problem. In Zürich testet sie im Rahmen eines Pilotprojekts seit kurzem eine neue Laderampe für den Verlad batteriebetriebener Rollstühle in Frachtcontainer lanciert. Bis zu 300 Kilo Gewicht kann die Rampe halten. Das Ziel: das Schadens- und Verspätungsrisiko minimieren, die Verlässlichkeit gegenüber den Passagieren erhöhen.
«Ein möglicher Rollout an weiteren Standorten wird nach Auswertung der Testphase geprüft», sagt Swissport-Sprecherin Nathalie Berchtold auf Anfrage. Berücksichtigt würden dabei auch die Nachfrage, die lokale Infrastruktur und die Anforderungen der Airline-Kunden. Die ehemalige Swissair-Tochterfirma mit Sitz in Opfikon ZH ist mit 63'000 Angestellten an 312 Flughäfen in 49 Ländern präsent.
Der Vorteil der Rampe liegt laut Berchtold darin, dass schwere Rollstühle nicht manuell angehoben und gekippt werden müssen. Bisher finde der Verlad je nach Flugzeugtyp, Gewicht, Dimensionen und örtlichen Gegebenheiten über bestehende Ladehilfen statt, teilweise mit Hilfe mehrerer Mitarbeitender und zusätzlicher Sicherung. Sprich: Ein standardisierter Prozess fehlt.
80 Millionen Menschen mit Rollstuhl
Gerade elektrische Rollstühle würden aufgrund des Gewichts, der Bauweise, individueller Anpassungen und Batterievorschriften eine besondere Herausforderung darstellen, sagt Berchtold. Die Rampe ermögliche einen kontrollierten und schonenden Verlad in den Frachtraum. Zudem ist sie auch eine Erleichterung für die Bodenangestellten.
Doch weshalb gibt es diese simple Massnahme erst heute? Schliesslich sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 80 Millionen Menschen – 1 Prozent der Weltbevölkerung – auf einen Rollstuhl angewiesen. Und das Schweizer Behindertengleichstellungsgesetz, das seit 2004 in Kraft ist, fordert die Beseitigung und Vermeidung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen. «Solche Lösungen müssen immer operativ sicher sowie mit verschiedenen Flugzeugtypen kompatibel, robust im täglichen Betrieb und regelkonform sein», sagt Berchtold.
Weitere Gründe für die nun ergriffene Initiative sind auch das Gewicht der Rollstühle, das zugenommen hat, und der Druck von Seiten der Airlines, die Verbesserungen fordern.
Ferien enden, bevor sie begonnen haben
«Dass Swissport diese neue Rampe testet, ist erfreulich, da es immer wieder zu Beschädigungen beim Transport von Rollstühlen kommt», sagt Stephanie Hirsiger vom Reisebüro von Procap, der grössten Selbsthilfe- und Mitgliedervereinigung hierzulande für Menschen mit Behinderungen. Sie hofft, dass sich die Rampe auch im Ausland etabliert. «Denn besonders schlimm ist es für Betroffene, wenn der Rollstuhl an der Zieldestination beschädigt ankommt und eine Reparatur dringend nötig ist.» Dies sei oft schwierig bis unmöglich. Dann müssen die Ferien abgebrochen werden, bevor sie richtig begonnen haben.
Damit ist der Stress allerdings in solchen Fällen nicht vorbei, sagt Hirsiger. Der Schaden werde zum Versicherungsfall. Doch die Assekuranzen würden das oftmals mehrere tausend Franken teure Hilfsmittel bloss wie einen beschädigten Koffer behandeln. «Am Schluss werden vielfach nur ein Bruchteil der anfallenden Reparaturkosten gedeckt.» Die Angst vor so einer Situation halte viele Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer von der Buchung einer Flugreise ab.
Eigentlich müssten die Airlines für die Schäden aufkommen. Dies ist im Montrealer Übereinkommen von 1999 festgehalten, das die Haftung von Fluggesellschaften bei Verspätungen, Gepäckproblemen und Personenschäden auf internationalen Flügen regelt. Das Abkommen gilt in über 130 Staaten, einschliesslich der EU, der Schweiz und den USA. Die Fluggesellschaften sind jedoch nur eingeschränkt haftbar, und wie die Versicherungen machen oft auch sie keinen Unterschied zwischen einem normalen Gepäck und einem Rollstuhl.
«Niemand will sich darum kümmern»
Die Lufthansa-Gruppe, zu der auch die Swiss und Edelweiss gehören, sei diesbezüglich gut unterwegs, sagt Hirsiger. Sie stellen ein Onlineformular zur Verfügung, um den Schaden zu melden. «Wer einen Schaden an seinem Rollstuhl oder einem anderen Hilfsmittel meldet, wird von uns fair und speditiv entschädigt», sagt Swiss-Sprecher Müller.
Bei vielen anderen Airlines suche man nach einem Formular vergeblich. «Da gibt es oft nur eine Info-E-Mail-Adresse und eine Antwort bleibt vielfach aus.» Es sei dann jeweils schwierig, eine zuständige Person zu erreichen. «Niemand will sich darum kümmern.»
Dass das Thema Reisen mit Rollstuhl in der Luftfahrt nicht oberste Priorität geniesst, zeigt sich laut Hirsiger bereits bei der Abreise. «Selbst wenn man alle nötigen Formulare für den elektrischen Rollstuhl korrekt ausgefüllt und eingereicht hat, ist man am Check-in-Schalter oft mit fragenden Blicken konfrontiert.» Der Informationsfluss zwischen den Airlines und ihren Partnern wie den Bodenabfertigungsfirmen müsse deutlich verbessert werden.
Die Swiss schränkt die Ferienauswahl für Menschen mit Behinderung zusätzlich ein. Ab Genf setzt sie ausschliesslich A220-Flugzeuge ein. «Deren Cargo-Türen sind jedoch für viele elektrische und nicht faltbare Rollstühle zu klein, sie passen nicht rein», sagt Hirsiger. Man bedaure diese Herausforderung für die Betroffenen, sagt Airline-Sprecher Müller dazu.
Hinzu kommt, dass die Lufthansa-Gruppe seit vergangenem Herbst Rollstühle oder andere Mobilitätshilfen mit einer fest verbauten Lithium-Batterie aus Sicherheitsgründen stark limitiert. Lithium-Batterien können sich aufblähen und Feuer entfachen. Da viele Reisende externe Lade-Batterien für ihr Handy mitführen, hat sich dieses Thema verschärft – zum Leidwesen der Rollstuhlfahrenden.
Nur: Laut Hirsiger ist die Lufthansa-Gruppe hier viel restriktiver als andere Airlines. Sie würde Batteriestärken ablehnen, die vom Airline-Verbund Iata als konform angesehen werden. Das sei unverständlich. «Natürlich hat Sicherheit oberste Priorität», sagt Hirsiger. «Aber mit dieser Restriktion diskriminiert die Lufthansa-Gruppe sehr viele Reisende im Rollstuhl.» Man sei mit Inclusion Handicap, dem Dachverband der Schweizer Behindertenorganisationen, daran, die rechtliche Situation zu prüfen.
Swiss-Sprecher Müller sagt, man nehme die Kritik ernst. Die Sicherheit habe allerdings oberste Priorität. Die Entscheidung basiere auf einer umfassenden Risikoanalyse. Doch weshalb die Swiss restriktivere Batterie-Regeln als die empfohlenen des eigenen Branchenverbandes anwendet, bleibt unklar.
Die Zukunftslösung auf dem Papier
Und dann wäre da die Lösung, die bis heute noch nicht realisiert wurde, auch nicht in den neusten Kabinen der Swiss («Schweiz heute» berichtete). «Das eigentliche Ziel wäre, dass die betroffenen Passagiere mit ihrem Rollstuhl an Bord gehen und darin reisen können», sagt Hirsiger. Nötig wäre dafür eine Verankerung im Kabinenboden. «Doch davon sind wir noch weit entfernt.»
Tatsächlich gab es bereits einige Lösungsansätze, doch bislang blieb es bei Prototypen. Zuletzt stellte der europäische Flugzeugbauer Airbus ein neues Konzept vor, die Airspace U Suite. Diese Kabinenkonfiguration würde es Menschen im Rollstuhl ermöglichen, in ihrem Hilfsmittel sitzen zu bleiben.
Man verfolge neue Kabinenkonzepte mit Interesse, sagt Swiss-Sprecher Müller. «Aktuell haben wir jedoch noch nichts Konkretes in Planung.» (schweizheute.ch)

