Ein T-Shirt zeigt die Lücken bei den Kontrollen auf der SBB-Baustelle
Das Grossprojekt MehrSpur Zürich–Winterthur soll 3,3 Milliarden Franken kosten. Es umfasst unter anderem eine neue Doppelspurlinie durch den Brüttenertunnel. Die Strecke Zürich–Winterthur wird durchgehend auf vier Spuren ausgebaut.
Am 2. Juli 2026 gaben Bundesrat Albert Rösti, der Zürcher Regierungsrat Martin Neukom und SBB-CEO Vincent Ducrot in Bassersdorf den offiziellen Startschuss. Eine Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen Implenia und Marti, so die SBB in einer Mitteilung, führe fünf Baulose im Umfang von rund 1,7 Milliarden Franken aus. Ende 2037 sollen die ersten Züge durch den Tunnel fahren.
Dubiose T-Shirts auf der Baustelle
Aber schon vor dem offiziellen Startschuss tauchten Ungereimtheiten auf. Bei Vorbereitungsarbeiten fiel auf dem T-Shirt eines Arbeiters das Logo einer Eisenlegerfirma auf, die nicht auf dieser Baustelle hätte sein sollen. Die Firma war «für Neubeauftragungen durch Implenia gesperrt» worden, wie der grösste Schweizer Baukonzern dieser Zeitung auf Anfrage mitteilte.
Die Verantwortlichen der fraglichen Firma wurden 2025 vom Luzerner Kriminalgericht erstinstanzlich wegen Betrugs verurteilt. Die Firma soll rund 100 Eisenleger zum Schein an Fake-Firmen in 18 Kantonen ausgelagert haben, um Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zu sparen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig; es gilt die Unschuldsvermutung.
Wie aber kamen Arbeiter mit T-Shirts der gesperrten Firma auf die Baustelle?
Implenia: ein «Missverständnis»
Laut Implenia hatte die Arbeitsgemeinschaft Implenia/Marti die fraglichen Eisenlegerarbeiten an eine Zürcher Firma vergeben. «Leider» hätten Mitarbeitende dieser Firma auf der Baustelle keine einheitliche Arbeitskleidung getragen, sondern unter anderem Kleidung mit dem Logo der gesperrten Firma. «Das kann vereinzelt vorkommen, weil die Teams für Projekte verschiedener Kunden und teilweise bei Projekten anderer Kunden auch im Unterauftrag für andere Eisenleger-Unternehmen arbeiten», erklärt Implenia den Vorfall.
Es handle sich um ein «Missverständnis». Der Subunternehmer habe der Arbeitsgemeinschaft in der Folge «schriftlich bestätigt und belegt, dass die betreffenden Mitarbeitenden» bei ihm unter Vertrag stünden. Zudem habe die Firma zugesichert, «dass ihre Mitarbeitenden künftig korrekt gekennzeichnete Arbeitskleidung tragen».
Nur: In den Akten der Luzerner Staatsanwaltschaft taucht auch der Name jener Zürcher Firma auf, die den MehrSpur-Auftrag ausführt. Sie soll faktisch der Luzerner Eisenlegerfirma gehört und ihr als Umgehungsvehikel gedient haben.
Wer also legt hier die Eisen? Der frühere Schweizer Eigentümer des angeblichen Umgehungsvehikels hat die Firma laut Handelsregisterdaten verkauft. Neuer einziger Verwaltungsrat ist demnach seit letztem November ein nordmazedonischer Staatsangehöriger.
Jetzt hat die Firma ein neues Domizil in der Region Zürich. Viel mehr hat sie nicht: Eine Telefonnummer oder eine Email-Adresse der Firma sucht man in öffentlichen Verzeichnissen vergeblich. Eine funktionierende Internetseite dieser Eisenleger-AG ist nicht auffindbar.
Eine Firma, wenig mehr als ein Phantom. Wie stemmt ein solches Unternehmen den Grossauftrag? Woher kommt das Personal, das beim MehrSpur-Projekt der SBB die Eisen legt?
Sicher ist dafür: An der Adresse der Firma im Raum Zürich hatte der gleiche Nordmazedonier vor drei Jahren eine Personalvermittlungsfirma gegründet. Aktienkapital: 100'000 Franken. Kürzlich wurde eine Rumänin als Alleinverwaltungsrätin eingesetzt, der Firmensitz nach Herisau verlegt. An eine Adresse, an der seit Jahren systematisch Unternehmen in die Pleite geschickt beziehungsweise unschicklich beerdigt werden. Aktuell finden sich dort fast 30 Firmen, die «in Liquidation» oder «in Auflösung» sind.
Der gleiche Nordmazedonier war auch schon mal Alleinverwaltungsrat einer Eisenleger-AG im Raum Zürich. 2023 schied er dort aus, nachdem die Suva Prämien eingefordert hatte. Ein Bulgare wurde als Firmenvernichter eingesetzt. 2025 ging die Firma in Konkurs, wie parallel dazu noch eine zweite. Geld war in beiden Fällen keines mehr da. Der Bulgare tauchte ab.
Implenia: «Keine Auffälligkeiten»
Zahlt die fadenscheinige Zürcher Eisenlegerfirma die Abgaben und Prämien? Hält sie sich ans Gesetz?
Implenia geht offensichtlich davon aus. Eine Sprecherin des Baukonzerns hält fest, die vorgenommenen Prüfungen hätten beim MehrSpur-Subunternehmer «keine Auffälligkeiten» ergeben.
Implenia prüfe Subunternehmer «mit den zur Verfügung stehenden Plattformen und Informationen vor der Vergabe und während der Laufzeit des Vertrags», so die Sprecherin. Weiter hält sie fest: «Uns liegen derzeit keine rechtskräftigen Urteile, behördlichen Entscheide oder anderweitigen belastbaren Hinweise vor, die auf einen Verstoss des Subunternehmers gegen gesetzliche oder vertragliche Vorgaben schliessen lassen.»
Die Plattformen, über die Implenia und andere Baufirmen ihre Subunternehmer prüfen, heissen Workcontrol und ISAB (Informationssystem Allianz Bau).
Workcontrol prüfe «die Einhaltung der Mindestarbeitsbedingungen inklusive Bezahlung von Mindestlöhnen, Abführen der Sozialabgaben in der Vergangenheit», so Implenia. ISAB stelle Informationen dazu bereit, ob sich Unternehmen im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe an den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) gehalten hätten. Wenn ISAB bei einem Subunternehmer GAV-Verfehlungen anzeige, dürfe dieser gemäss internen Vorgaben von Implenia nicht beauftragt werden. Und weiter: «ISAB verfügt über direkte Schnittstellen zu den Sozialversicherungsinstitutionen AHV und Suva.»
AHV und Suva: Keine Schnittstellen
Aber das ist offenbar so nicht zutreffend: Ein Sprecher des Bundesamts für Sozialversicherung (BSV), das zuständig ist für die AHV, hält fest: «Es bestehen keine direkten Schnittstellen im Sinne von Systemverknüpfungen oder automatischem, institutionalisiertem Austausch zwischen ISAB und der AHV.» Die Frage, ob die durch die Subunternehmen gemeldeten oder bezahlten Beiträge oder Lohnsummen ersichtlich seien, verneint der Sprecher.
Auch eine Suva-Sprecherin hält fest, eine technische Schnittstelle bestehe heute nur zum auf ISAB basierenden digitalen Kontrollsystem eBadge des Kantons Wallis. Aber auch hier würden keine Angaben zu den gemeldeten Lohnsummen übermittelt, sondern nur Suva-Unterstellung und Bezahlung der Prämien. Die Sprecherin weiter: «Wir weisen darauf hin, dass heute kein schweizweites System existiert, bei dem Bauunternehmen prüfen können, ob die Subunternehmer ihren Pflichten bezüglich Abrechnung und Zahlung gegenüber den Unfallversicherungen wie auch weiteren Sozialversicherungen nachkommen.»
ISAB zeigt nicht an, wie viele Personen eine Firma beschäftigt oder welche Lohnsumme sie bei AHV und Suva gemeldet hat. Das System weist lediglich aus, ob eine Firma die Beiträge für die von ihr selbst gemeldete Lohnsumme bezahlt hat.
Experten verlangen seit Langem, dass anhand der gemeldeten Lohnsumme plausibilisiert wird, ob ein Subunternehmer ein bestimmtes Auftragsvolumen mit eigenen Leuten überhaupt bewältigen kann. Bisher vergeblich. Suva und AHV dürfen Bauunternehmen von sich aus keine Auskunft über die versicherte Lohnsumme geben.
In der Praxis ist es laut Insidern häufig so, dass Subunternehmer die benötigten Arbeitskräfte in ihrem Netzwerk kurzfristig rekrutieren. Die nicht immer legal hier anwesenden und manchmal gleichzeitig beim RAV gemeldeten, meist ausländischen Eisenleger wissen häufig nicht, für welche Firma sie gerade arbeiten. Sie werden hin und her geschoben, sind oft selbst auch Opfer von Strippenziehern im Hintergrund.
Implenia sperrt 1500 Subunternehmer
Implenia betont aber, selbst noch mehr gegen Missbrauch zu tun und von Subunternehmern Nachweise wie Mitarbeiterlisten und Deklarationen zu verlangen, Baustellenkontrollen durchzuführen und sie zur Einhaltung des Verhaltenskodexes zu verpflichten. Persönliche, familiäre oder geschäftliche Beziehungen innerhalb eines Subunternehmens könne der Konzern jedoch weder rechtlich noch praktisch abschliessend prüfen.
Bei belastbaren Hinweisen überprüfe Implenia die Vertragsbeziehung umgehend. Die Massnahmen reichten bis zur Beendigung der Zusammenarbeit und zum Ausschluss von neuen Aufträgen. Derzeit seien in der Schweiz rund 1500 Subunternehmer ausgeschlossen, weil sie den Anforderungen nicht genügten.
Viele Worte, wenig Taten?
Auch die SBB markiert Entschlossenheit. Ein Sprecher sagt, Aufträge würden nur an Firmen vergeben, die bereits im Vergabeprozess die Einhaltung der Arbeits-, Lohn- und Umweltvorschriften garantierten. General- und Totalunternehmer müssten diese Vorgaben sowie den SBB-Verhaltenskodex einhalten und die Pflichten an allfällige Subunternehmer weitergeben. Bei Verstössen drohten Konventionalstrafen, der Ausschluss aus Vergabeverfahren oder ein Rückzug aus dem Vertrag. Die SBB habe solche Massnahmen bereits konsequent durchgesetzt.
Zu den grössten Bauherren gehört auch das Bundesamt für Strassen ASTRA, ebenfalls im Departement von SVP-Bundesrat Albert Rösti angesiedelt. Ein ASTRA-Sprecher sagt, Verstösse gegen arbeits- und sozialrechtliche Vorschriften würden nicht toleriert. Auftragnehmer müssten deren Einhaltung auch bei Subunternehmern sicherstellen. Bei einem rechtskräftigen Urteil würden wenn nötig Massnahmen ergriffen.
Die Betrugsvorwürfe rund um die Luzerner Firma seien ihm bekannt, hält Bundesrat Röstis Sprecherin Franziska Ingold fest. «Selbstverständlich toleriert Bundesrat Albert Rösti keine Verstösse gegen arbeits- und sozialrechtliche Vorschriften». Bei Verstössen werde gemäss Gesetz reagiert. So könne ein bereits erteilter Zuschlag widerrufen oder ein Anbieter beziehungsweise Subunternehmer von künftigen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen werden. Dabei gelte stets das Verhältnismässigkeitsprinzip. Voraussetzung sei jedoch eine rechtskräftige Verurteilung. Bis dahin gelte die Unschuldsvermutung, lässt Rösti ausrichten.
Im privaten Wohnungsbau noch schlimmer
Die Ansagen mögen noch so klar sein. Wer im Einzelfall wirklich die Eisen legt, ist mangels Regeln und Kontrollen oft schleierhaft. In der Eisenlegerbranche, und nicht nur dort, sind weiterhin viele zweifelhafte Unternehmen und Verantwortliche unterwegs. Erwischt und bestraft werden nur ganz wenige, die meisten kommen ungeschoren davon und machen weiter. Ihre Taktiken passen sie laufend an. (schweizheute.ch)

