Gemäss einer Schätzung des Zürcher Lehrerinnen und Lehrerverbandes (ZLV) unterrichten ab August alleine im Kanton Zürich 500 Personen ohne Lehrdiplom an den Primarschulen. Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BfS) zum Schulpersonal aus den vergangenen Jahren deuten darauf hin, dass es schweizweit über 2000 Personen sein werden. Brauchen Primarlehrerinnen und Primarlehrer heutzutage überhaupt noch ein Diplom? Und wenn ja, wozu?
Wir haben dazu eine Mutter, eine Lehrerin ohne Diplom, ein Geschäftsleitungsmitglied des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und eine Schulleitung befragt.
Dass das Lehrdiplom einen Einfluss auf die Bildungskarriere von Kindern hat, zeigt die PISA-Studie: Schülerinnen und Schüler aus Schulen mit kritischem Lehrpersonenmangel schneiden statistisch signifikant schlechter ab als jene aus Schulen ohne Lehrpersonenmangel. «Das Lehrdiplom befähigt Lehrpersonen, ihren Beruf auf einem hohen, qualitativen Niveau auszuüben», sagt Christian Hugi, Mitglied der Geschäftsleitung des LCH.
«Die irrige Annahme, dass ein Flair für Kinder ausreicht, um Primarlehrperson zu sein, besteht in einigen Teilen der Gesellschaft schon länger», sagt Hugi, der selbst als Primarlehrer unterrichtet. Dies sei ein Problem. Denn das dazu benötigte Wissen über Kinderentwicklung, Lernprozesse, didaktische Prinzipien und methodische Fähigkeiten habe man nicht einfach so.
Zur Frage, ob Personen ohne Diplom für den Lehrberuf eine Ausbildung absolvieren sollen, hat Christian Hugi eine klare Haltung: «Zum Lehrberuf gehört, dass man sich weiterbildet. Wer dazu nicht bereit ist, ist hier am falschen Ort.»
Hugi glaubt nicht, dass die pädagogische Ausbildung zu wissenschaftlich ausgerichtet ist. «Vielleicht bleibt während des Studiums nicht alles haften, dennoch bietet eine umfassende Auseinandersetzung mit aktuellen Erkenntnissen der Bildungsforschung ein wichtiges Fundament für die spätere Berufsausübung.»
Dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen für den Lehrberuf mitbringen, ist sich Hugi bewusst: «Natürlich gibt es für diesen Beruf begabtere und weniger begabte Menschen. Aber dass man diesen Beruf professionell ausüben kann, muss zu Recht belegt werden.»
Beat Flach, Schulleiter in Winterthur, sagt, dass es unter den unausgebildeten Lehrpersonen auch Ausnahmen gibt. «Natürlich ist mein grundsätzliches Vertrauen in die Arbeit einer Lehrperson grösser, wenn ich weiss, dass sie sich mit den berufsrelevanten Themen im Studium auseinandergesetzt hat.» Wichtiger als das Diplom einer Lehrperson sei aber die tatsächliche Qualität ihrer Arbeit, so Flach. Wenn er Mängel feststelle, greife er ein.
Braucht es in der pädagogischen Ausbildung überhaupt Akademisierung? «Nur, wenn die Theorie den Bezug zur Praxis nicht verliert», sagt Flach. In seinen 19 Jahren als Schulleiter habe er oft erlebt, dass bei PH-Neuabgängern erst im Beruf die relevanten Fragen an die Wissenschaft auftauchen. Aus diesem Grund wäre es von Vorteil, im Studium mehr Erfahrung zu sammeln und die individuellen Wissenslücken theoriegestützt zu füllen.
Nicht nur das Diplom, auch das didaktische und pädagogische Wissen verbindet Lehrpersonen, sagt Flach. Ein Team mit vielen ausgebildeten Lehrpersonen kann sich fachlich auf hohem Niveau austauschen und bildet sich so laufend weiter, wohingegen in Schulen mit Lehrpersonenmangel wenig qualifizierter Austausch stattfindet und das Fachwissen abnimmt.
«Eine diplomierte Lehrperson verspricht gute Bildung», sagt Sabrina S*., die Mutter von zwei Kindern ist. «Wenn mein Kind zu einer Person in die Schule geht, die kein Diplom hat, würde ich es gerne wissen.» Das letzte Mal habe sie es nur durch Zufall erfahren.
Nadine T.* arbeitet seit einem Jahr als Person ohne Lehrdiplom im Kanton Zürich. Auch bei ihr wurden die Eltern nicht informiert. «Einmal haben Eltern wegen Noten reklamiert», sagt sie. «Da dachte ich: Jetzt fliegt alles auf.» Ihre Schulleiterin prüfte den Fall und teilte ihr mit, dass sie nichts falsch gemacht habe. «Da habe ich realisiert, dass Eltern wohl allgemein kritisch sind», sagt Nadine T.
Dass sich Lehrerinnen und Lehrer ständig beobachtet fühlen, kann Mutter Sabrina S. nachvollziehen. «Gerade mit zwei Kindern komme ich nicht drumherum, Lehrpersonen miteinander zu vergleichen.» Dennoch: Am Ende haben Eltern auch kein Diplom.
«Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass Menschen bei allem mitsprechen wollen, selbst wenn sie davon keine Ahnung haben», so Sabrina S.
Personen ohne Diplom verdienen im Kanton Zürich derzeit 80 Prozent des üblichen Lohnes. So auch Nadine T. «Ich verstehe das nicht», sagt sie, die einen Bachelorabschluss hat und früher in der Erwachsenenbildung arbeitete. «Am Ende mache ich doch die gleiche Arbeit wie alle anderen.»
Das Lehrdiplom entscheidet auch über Zugehörigkeit. Das bekommt Nadine T. im Alltag zu spüren. «Die Lehrpersonen meiner Schule sind zwar nett zu mir, aber ich glaube manchmal, dass ich in ihren Augen die Böse bin, die Kindern nichts Anständiges beibringen kann.»
Dass Nadine T. mit diesem Gefühl nicht alleine ist, zeigt die Studie «Aussergewöhnlicher Berufseinstieg» der PH Zürich, welche eine Hierarchie zwischen Lehrpersonen mit und Lehrpersonen ohne Ausbildung feststellte.
Wenn Themen wie «Beziehung» und «Kommunikation» in der pädagogischen Ausbildung ein Schattendasein fristen, während sie in der heutigen Primarschule die «Basis» eines funktionierenden Schulsystems bilden: Wozu braucht es also diplomierte Primarlehrpersonen?
Das Beispiel von Sabrina S. zeigt, dass auch Personen ohne Lehrdiplom Beziehungsfähigkeiten besitzen können. Bei der Person ohne Diplom sei ihr Sohn plötzlich gerne in die Schule gegangen, sagt sie. Die Beziehung mit der ausgebildeten Lehrperson davor habe einfach nicht funktioniert. «Aber», kommt die Mutter zweier Schulkinder auf ihren Anspruch zurück, «die Rechtschreibung, welche mein Sohn heute nahezu perfekt beherrscht, ist der Verdienst der diplomierten Lehrperson.»
* Name wurde von der Redaktion geändert
Auch ohne Matura kann es tolle, engagierte Lehrer/Kindergärtner ergeben. Diesen wird der Zugang aber heute massiv erschwert, wenn auch nicht verunmöglicht.