Schweiz
Schule - Bildung

Schule: Über 2000 Lehrpersonen unterrichten in der Schweiz ohne Diplom

Lehrerin Unterricht
Auch im Schuljahr 2024/2025 werden wieder zahlreiche Lehrpersonen ohne Diplom vor den Kindern stehen.Bild: Shutterstock

Über 2000 Lehrpersonen unterrichten in der Schweiz ohne Diplom – das sorgt für Kritik

Aufgrund des Lehrpersonenmangels unterrichten ab August schätzungsweise über 2000 Lehrpersonen ohne entsprechendes Diplom in den Schweizer Primarschulen. Die Wichtigkeit des Lehrdiploms wird dadurch infrage gestellt.
12.08.2024, 08:0812.08.2024, 10:00
nicole rohland / zhaw
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Gemäss einer Schätzung des Zürcher Lehrerinnen und Lehrerverbandes (ZLV) unterrichten ab August alleine im Kanton Zürich 500 Personen ohne Lehrdiplom an den Primarschulen. Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BfS) zum Schulpersonal aus den vergangenen Jahren deuten darauf hin, dass es schweizweit über 2000 Personen sein werden. Brauchen Primarlehrerinnen und Primarlehrer heutzutage überhaupt noch ein Diplom? Und wenn ja, wozu?

Wir haben dazu eine Mutter, eine Lehrerin ohne Diplom, ein Geschäftsleitungsmitglied des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und eine Schulleitung befragt.

Das sagt ein Mitglied der Geschäftsleitung des LCH

Dass das Lehrdiplom einen Einfluss auf die Bildungskarriere von Kindern hat, zeigt die PISA-Studie: Schülerinnen und Schüler aus Schulen mit kritischem Lehrpersonenmangel schneiden statistisch signifikant schlechter ab als jene aus Schulen ohne Lehrpersonenmangel. «Das Lehrdiplom befähigt Lehrpersonen, ihren Beruf auf einem hohen, qualitativen Niveau auszuüben», sagt Christian Hugi, Mitglied der Geschäftsleitung des LCH.

In Zusammenarbeit mit der ZHAW
Nicole Rohland studiert Kommunikation mit der Vertiefung Journalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Werkstatt «Multimediales Storytelling».

«Die irrige Annahme, dass ein Flair für Kinder ausreicht, um Primarlehrperson zu sein, besteht in einigen Teilen der Gesellschaft schon länger», sagt Hugi, der selbst als Primarlehrer unterrichtet. Dies sei ein Problem. Denn das dazu benötigte Wissen über Kinderentwicklung, Lernprozesse, didaktische Prinzipien und methodische Fähigkeiten habe man nicht einfach so.

«Zum Lehrberuf gehört, dass man sich weiterbildet. Wer dazu nicht bereit ist, ist hier am falschen Ort.»
Christian Hugi

Zur Frage, ob Personen ohne Diplom für den Lehrberuf eine Ausbildung absolvieren sollen, hat Christian Hugi eine klare Haltung: «Zum Lehrberuf gehört, dass man sich weiterbildet. Wer dazu nicht bereit ist, ist hier am falschen Ort.»

Hugi glaubt nicht, dass die pädagogische Ausbildung zu wissenschaftlich ausgerichtet ist. «Vielleicht bleibt während des Studiums nicht alles haften, dennoch bietet eine umfassende Auseinandersetzung mit aktuellen Erkenntnissen der Bildungsforschung ein wichtiges Fundament für die spätere Berufsausübung.»

Dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen für den Lehrberuf mitbringen, ist sich Hugi bewusst: «Natürlich gibt es für diesen Beruf begabtere und weniger begabte Menschen. Aber dass man diesen Beruf professionell ausüben kann, muss zu Recht belegt werden.»

Eine Lehrerin erzählt, was sie an der Ausbildung schätzt – und was ihr fehlt

Video: watson

Das sagt der Schulleiter

Beat Flach, Schulleiter in Winterthur, sagt, dass es unter den unausgebildeten Lehrpersonen auch Ausnahmen gibt. «Natürlich ist mein grundsätzliches Vertrauen in die Arbeit einer Lehrperson grösser, wenn ich weiss, dass sie sich mit den berufsrelevanten Themen im Studium auseinandergesetzt hat.» Wichtiger als das Diplom einer Lehrperson sei aber die tatsächliche Qualität ihrer Arbeit, so Flach. Wenn er Mängel feststelle, greife er ein.

Braucht es in der pädagogischen Ausbildung überhaupt Akademisierung? «Nur, wenn die Theorie den Bezug zur Praxis nicht verliert», sagt Flach. In seinen 19 Jahren als Schulleiter habe er oft erlebt, dass bei PH-Neuabgängern erst im Beruf die relevanten Fragen an die Wissenschaft auftauchen. Aus diesem Grund wäre es von Vorteil, im Studium mehr Erfahrung zu sammeln und die individuellen Wissenslücken theoriegestützt zu füllen.

Nicht nur das Diplom, auch das didaktische und pädagogische Wissen verbindet Lehrpersonen, sagt Flach. Ein Team mit vielen ausgebildeten Lehrpersonen kann sich fachlich auf hohem Niveau austauschen und bildet sich so laufend weiter, wohingegen in Schulen mit Lehrpersonenmangel wenig qualifizierter Austausch stattfindet und das Fachwissen abnimmt.

Lehrpersonen am Limit – welche Rolle spielen Klassengrössen?

Das sagt eine Mutter und eine Lehrerin ohne Diplom

«Eine diplomierte Lehrperson verspricht gute Bildung», sagt Sabrina S*., die Mutter von zwei Kindern ist. «Wenn mein Kind zu einer Person in die Schule geht, die kein Diplom hat, würde ich es gerne wissen.» Das letzte Mal habe sie es nur durch Zufall erfahren.

Nadine T.* arbeitet seit einem Jahr als Person ohne Lehrdiplom im Kanton Zürich. Auch bei ihr wurden die Eltern nicht informiert. «Einmal haben Eltern wegen Noten reklamiert», sagt sie. «Da dachte ich: Jetzt fliegt alles auf.» Ihre Schulleiterin prüfte den Fall und teilte ihr mit, dass sie nichts falsch gemacht habe. «Da habe ich realisiert, dass Eltern wohl allgemein kritisch sind», sagt Nadine T.

Lehrerinnen ohne Diplom verdienen in Zürich nur 80 Prozent des üblichen Lohns.
Lehrerinnen ohne Diplom verdienen in Zürich nur 80 Prozent des üblichen Lohns.Bild: Shutterstock

Dass sich Lehrerinnen und Lehrer ständig beobachtet fühlen, kann Mutter Sabrina S. nachvollziehen. «Gerade mit zwei Kindern komme ich nicht drumherum, Lehrpersonen miteinander zu vergleichen.» Dennoch: Am Ende haben Eltern auch kein Diplom.

«Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass Menschen bei allem mitsprechen wollen, selbst wenn sie davon keine Ahnung haben», so Sabrina S.

Personen ohne Diplom verdienen im Kanton Zürich derzeit 80 Prozent des üblichen Lohnes. So auch Nadine T. «Ich verstehe das nicht», sagt sie, die einen Bachelorabschluss hat und früher in der Erwachsenenbildung arbeitete. «Am Ende mache ich doch die gleiche Arbeit wie alle anderen.»

«Die Lehrpersonen meiner Schule sind zwar nett zu mir, aber ich glaube manchmal, dass ich in ihren Augen die Böse bin, die Kindern nichts Anständiges beibringen kann.»
Nadine T., Lehrerin ohne Diplom

Das Lehrdiplom entscheidet auch über Zugehörigkeit. Das bekommt Nadine T. im Alltag zu spüren. «Die Lehrpersonen meiner Schule sind zwar nett zu mir, aber ich glaube manchmal, dass ich in ihren Augen die Böse bin, die Kindern nichts Anständiges beibringen kann.»

Dass Nadine T. mit diesem Gefühl nicht alleine ist, zeigt die Studie «Aussergewöhnlicher Berufseinstieg» der PH Zürich, welche eine Hierarchie zwischen Lehrpersonen mit und Lehrpersonen ohne Ausbildung feststellte.

Wenn Themen wie «Beziehung» und «Kommunikation» in der pädagogischen Ausbildung ein Schattendasein fristen, während sie in der heutigen Primarschule die «Basis» eines funktionierenden Schulsystems bilden: Wozu braucht es also diplomierte Primarlehrpersonen?

Das Beispiel von Sabrina S. zeigt, dass auch Personen ohne Lehrdiplom Beziehungsfähigkeiten besitzen können. Bei der Person ohne Diplom sei ihr Sohn plötzlich gerne in die Schule gegangen, sagt sie. Die Beziehung mit der ausgebildeten Lehrperson davor habe einfach nicht funktioniert. «Aber», kommt die Mutter zweier Schulkinder auf ihren Anspruch zurück, «die Rechtschreibung, welche mein Sohn heute nahezu perfekt beherrscht, ist der Verdienst der diplomierten Lehrperson.»

* Name wurde von der Redaktion geändert

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126 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MacB
12.08.2024 08:19registriert Oktober 2015
Meiner Meinung nach ist der Lehrermangel auch etwas hausgemacht. Mit der Abschaffung des "Lehrersemis", wo man damals auch nach der Sek hinkonnte, ist heute eine Matura notwendig, da die Ausbildung Lehrer/Kindergärtner-Ausbildung ein Bachelorstudium ist. Warum?

Auch ohne Matura kann es tolle, engagierte Lehrer/Kindergärtner ergeben. Diesen wird der Zugang aber heute massiv erschwert, wenn auch nicht verunmöglicht.
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AnotherSenf
12.08.2024 09:11registriert August 2024
Wenn ich mir die Freunde in meinem Umfeld anschaue, welche seit Jahren im Lehrberuf tätig sind und fast 50% davon mindestens ein Burnout hatte, dann sollten wir vielleicht unser ganzes Bildungssystem bzw. den Anspruch daran neu überdenken. Sie alle erzählen von Ansprüchen gegenüber den Kindern und Lehrpersonen die absolut am Ziel, ein Kind auf das Leben vorzubereiten, vorbeischiessen. Oft scheint der Anspruch der Eltern zu sein, die Kinder in die Vorstellung der Eltern zu drillen, koste es was es wolle. Oft seien die Kinder bereits chronisch überlastet, weil deren Terminkalender so voll ist.
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aglaf
12.08.2024 09:34registriert März 2019
Eine Person, die vor 30 Jahren die PH absolviert hat und nie als Lehrerin gearbeitet hat, darf heute als Lehrerin zum vollen Lohn angestellt werden, wo daneben jemand mit 30 Jahren Erfahrung in pädagogisch nahen Berufen nur als Lehrer ohne Diplom mit weniger Lohn akzeptiere wird, wenn überhaupt. Das spiegelt die allgemeine Papierlihörigkeit auf dem CH-Arbeitsmarkt, wo teure Diplome per se mehr zählen als Erfahrung und Kompetenz. Klar, dass Bildungsinstitute dran festhalten, ist ja deren Geschäftsmodell.
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