104 km/h in der 50er-Zone: Dieser SP-Politiker legt eine öffentliche Beichte ab
Es passierte an einem Samstag im Juni. Fabrizio Sirica, Co-Präsident der Tessiner SP, unternahm mit einem Freund einen Töffausflug. Eine Passfahrt stand auf dem Programm. Von Wassen im Kanton Uri aus steuerten die beiden den Sustenpass an. Dabei beschleunigte Sirica sein Motorrad am Dorfausgang auf 104 km/h. Erlaubt gewesen wären auf diesem Abschnitt lediglich 50 km/h.
In einem aktuellen Instagram-Beitrag hat sich Sirica für seinen Fehltritt sowohl schriftlich als auch in einer Videobotschaft entschuldigt. Er übernehme die volle Verantwortung für den «Mist», den er gebaut habe. Es gehe um einen Vorfall aus seiner Privatsphäre, der jedoch Auswirkungen auf seine öffentliche Wahrnehmung habe. Tessiner Medien hatten zuerst über den Fall berichtet.
Weshalb hat Sirica seine Beichte nicht schon im Juni abgelegt? Der Sozialdemokrat sagte, er habe erst kürzlich eine Vorladung der Polizei erhalten. Zunächst habe er geglaubt, er sei in einer 80er-Zone geblitzt worden. Er habe nicht in einem Wohngebiet aufs Gas gedrückt. «Es geht nicht darum, die Verantwortung von mir zu weisen, aber ich möchte den Kontext schildern», sagte der Politiker, der für die SP im Tessiner Kantonsparlament sitzt. Sirica entschuldigte sich bei all jenen, die er mit seinem Tempoexzess enttäuscht habe, und sagte: «Die Politik benötigt keine Superhelden, die nie einen Fehler begehen. Aber es braucht totale Transparenz.»
Ausweis mindestens ein Jahr weg
Man kann diesen Satz auch als kleine Spitze gegen Lega-Regierungsrat Claudio Zali interpretieren, der vergangene Woche unter starkem Druck seinen Rücktritt per Ende September bekannt gegeben hat. Sirica sowie die kantonalen Parteipräsidenten Alessandro Speziali (FDP) und Fiorenzo Dadò (Mitte) hatten Zali in einem privaten Brief aufgefordert, öffentlich Klarheit zu zwei Audioaufnahmen zu schaffen.
Darin soll Zali einer Bekannten geraten haben, eine Frau zu schlagen; er selbst habe das auch schon gemacht. Tessiner Medien enthüllten in der Folge weitere fragwürdige Vorgänge rund um Zali. Als Reaktion auf den Brief der Parteipräsidenten kündigte Zali an, diese wegen übler Nachrede zu verklagen.
Zali äusserte sich erst nach mehreren Tagen zu den Vorwürfen gegen ihn. Er stellte sich als Opfer einer politisch-medialen Kampagne dar und betonte, er habe niemanden geschlagen und sei nicht gewalttätig. Hat Zalis defensives Verhalten Sirica dazu ermuntert, von sich aus eine Transparenzoffensive zu lancieren? Sirica beantwortete diese Frage von CH Media nicht und verwies auf seinen Instagram-Beitrag.
Klar ist: Sirica wird seinen Führerausweis für mindestens ein Jahr abgeben müssen. Neben einer empfindlichen Geldstrafe wird er auch strafrechtlich verurteilt werden – wegen einer «krassen Missachtung der Höchstgeschwindigkeit», wie es im Strassenverkehrsgesetz heisst. Für das Raserdelikt droht grundsätzlich eine Freiheitsstrafe von bis zu vier Jahren. Ein derart hohes Strafmass ist jedoch unwahrscheinlich. Soweit bekannt, hat sich Sirica bisher keine weiteren gröberen Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz zuschulden kommen lassen. Unter Umständen kommt er sogar mit einer Geldstrafe davon. Das wäre bis vor wenigen Jahren noch nicht möglich gewesen: Erst seit Oktober 2023 gilt bei Raserdelikten keine Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr mehr.
Temposünder im Bundesrat
Sirica ist nicht der erste Politiker, der als Verkehrssünder von sich reden macht. Einer von ihnen sitzt heute sogar im Bundesrat: Ignazio Cassis (FDP) wurde 2009 auf der Autobahn A2 bei Bellinzona mit 171 km/h geblitzt. Die Tempoüberschreitung sei ihm peinlich, sagte er vor seiner Wahl in den Bundesrat in einem Interview mit der «Luzerner Zeitung». «Nach einer FDP-Delegiertenversammlung lief in meinem BMW gute Musik. Ich merkte nicht, wie schnell ich war.»
Wiederholt zu schnell unterwegs war Filippo Lombardi, der den Kanton Tessin viele Jahre im Ständerat vertrat und heute Stadtrat von Lugano ist. Im Jahr 2003 wurde bekannt, dass ihm der Führerschein wegen vier Verkehrsdelikten für insgesamt 22 Monate entzogen worden war. Zwei Jahre später baute er erneut einen Autounfall mit Alkohol im Blut und wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.
In jüngerer Vergangenheit machte der Solothurner FDP-Nationalrat Simon Michel Schlagzeilen: Er fotografierte sich bei der Fahrt auf der Autobahn und postete das Selfie in den sozialen Medien. Das sei «sicher nicht die beste Idee» gewesen, gab er im Juni zu. Zwei Jahre zuvor war Michel bereits zu einer Busse von über 20'000 Franken verurteilt worden, nachdem er am Steuer eingeschlafen und auf der Autobahn im Aargau in eine Baustelle gefahren war. (schweizheute.ch)

