Schweiz
Spass

Regenschirm verloren? Er hat wahrscheinlich sein Happy End gefunden

Eine Person mit Regenschirm
Mein Schirm und ich.bild: watson/ michael shepherd
Kommentar

Wie ich einen Regenschirm gerettet habe – und ihn nie wieder hergeben werde

Was passiert eigentlich mit all den Regenschirmen, die wir derzeit im ÖV, in Restaurants und Bars liegen lassen? Sie landen vielleicht in guten Händen. Meinen. Das ist die Geschichte meines liebsten Regenschirms.
14.11.2023, 16:5418.12.2023, 16:27

Vor zehn Jahren kam ich ohne den schönen, handlichen und vor allem teuren Knirps nach Hause, den ich am Morgen mit in die Schule genommen hatte. Schon wieder. Da lupfte es meinen Eltern den Deckel.

Ab sofort galt ein Regenschirmverbot:

«Kauf dir einfach eine Jacke mit Kapuze!»
Meine Eltern

An dieses Verbot hielt ich mich viele Jahre. Selbst dann noch, als ich längst ausgezogen war. Bis der Zufall es wollte, dass ich in den Besitz eines ganz besonderen Regenschirms kam.

Das ist seine Geschichte.

An der Bahnhofstrasse fing es an – glaube ich

Es ist Herbst 2019. Mein künftiger Regenschirm steht im Schaufenster eines edlen Geschäfts und schaut dem Treiben auf der Bahnhofstrasse zu. Es regnet. Die Lichter der Trams verschwimmen hinter dem Fenster.

Er träumt von einem aufregenden Leben, draussen, an der frischen Luft. Er will durch Städte, Dörfer, Wälder, über Berge getragen werden. Die Welt sehen. Und fragt sich, ob er heute endlich seinen neuen Besitzer kennenlernen wird.

Etwa dieses Bild muss sich meinem Regenschirm geboten haben.
Etwa dieses Bild muss sich meinem Regenschirm geboten haben.Bild: KEYSTONE

In diesem Moment huscht ein Mann im Anzug an seinem Schaufenster vorbei. Seinen Mantel hat er über den Kopf gezogen, damit der Regen seine Frisur nicht zerstört. Im Augenwinkel nimmt er meinen künftigen Regenschirm wahr. Er bleibt stehen, geht ein paar Schritte zurück, betrachtet den Schirm eingehend und betritt dann das Geschäft.

Er schaut nicht auf den Preis. Nimmt für die schnelle Transaktion nicht einmal seine weissen Kopfhörer aus den Ohren. Das Muster des Schirms gefällt ihm. Es sieht edel aus. Nach Marke. Und der Schirm hat einen Knopf, mit dem er sich automatisch aufspannen und schliessen lässt. Das genügt. Also kauft der Anzugträger meinen künftigen Schirm.

Von fiesen Anzugträgern und schmuddeligen Jacken

Auf meinen künftigen Regenschirm warten keine Wälder, keine Dörfer, keine Berge. Nicht einmal Hügel. Nur ein graues, nasses Leben in Zürich. An der frischen Luft ist er nur fünf Minuten am Tag, wenn der Anzugträger von seiner Wohnung zur Tramhaltestelle läuft.

Mein künftiger Regenschirm hat den falschen Besitzer erwischt.

Doch in wenigen Wochen sollte sich das ändern. Der Anzugträger muss ausnahmsweise geschäftlich Zug fahren. Genauso wie ich. In Zürich regnet es in Strömen, als wir einsteigen und uns ins gleiche Abteil setzen. Den nassen Schirm wirft der Anzugträger sorglos auf den Boden, neben seine polierten Lederschuhe.

Arm der einen Regenschirm hält
Dieser Schirm liegt mir wegen seiner Geschichte am Herzen. Eine Geschichte, die ich mir teilweise selbst zusammengereimt habe.bild: watson/ michael shepherd

Der Zug fährt los. Der Zürichsee zieht an uns vorbei. Langsam aber sicher versiegt der Regen und die Sonne drückt durch. Als wir in den nächsten Bahnhof einfahren, schiesst der Anzugträger von seinem Platz auf und hastet zur Tür. Seinen Schirm lässt er liegen.

Ich hebe ihn auf, renne dem Anzugträger hinterher, will ihm den Verlust seines Schirms ersparen. Ich kenne schliesslich den Schmerz. Die Schande!

Kurz bevor er aus dem Zug steigen kann, habe ich ihn eingeholt. Ich tippe ihm auf die Schulter. Er dreht sich genervt zu mir um. Ich höre leise Musik, die aus seinen Kopfhörern schallt.

«Sie haben Ihren Schirm vergessen», sage ich mit einem Lächeln und will ihm den Schirm gleich aushändigen. Doch der Anzugträger murmelt etwas Unverständliches, schüttelt angeekelt die Schulter, die ich berührt habe, als hätte ich ihn gerade um Geld angebettelt, und steigt mit zwei schnellen Schritten aus.

Perplex stehe ich in der Zugtür. Den Schirm noch immer in der Hand. Und werde wütend.

Ich wollte doch nur nett sein. Habe ich in meiner feuchten Kapuzenjacke so schmuddelig ausgesehen? Und trotzig wie ein Kind, sage ich mir:

Weisst du was, du blöder Anzugträger? Das ist jetzt mein Schirm!
Ich, hässig und bizli beleidigt

Ein Happy-End

Seither darf mein Schirm durch Städte, Dörfer, Wälder und über Hügel mit mir mitkommen. Er ist jetzt frei. Glücklich. Das bilde ich mir zumindest ein.

Und ich kann dafür heute wie ganz normale Erwachsene mit Mantel und Regenschirm vor die Tür gehen. Nicht mehr in schmuddeligen Regenjacken.

Verloren oder irgendwo vergessen habe ich meinen Schirm noch nie. Wahrscheinlich, weil er mir durch seine Geschichte ans Herz gewachsen ist. Oder weil ich immer noch bizli hässig auf den Anzugträger bin.

Dafür habe ich vergangene Woche meinen Schal im Zug liegen lassen. Man kann eben nicht alles haben.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Menschen, denen das schlechte Wetter egal ist
1 / 17
Menschen, denen das schlechte Wetter egal ist
Egal, wie cool du bist, er ist cooler. 😎
quelle: imgur
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Orkantief Ciarán zieht über Westeuropa – hier sind die Videos
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Teurer Alltag: Wohnen und Mobilität ziehen dreimal stärker an als die Inflation
Heizöl plus 50 Prozent, Diesel plus 23 Prozent: Wohnen und Mobilität haben sich im August 2026 fast dreimal so stark verteuert wie der Rest des Lebens. Das zeigt der neue Comparis-Womo-Preisindex, der zusammen mit der KOF-Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich erstellt wird. Der Befund kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Am selben Tag verkündet der Bundesrat die Krankenkassenprämien für 2027, die im Schnitt um rund 5 Prozent steigen dürften – Kosten, die weder im Womo-Index noch im offiziellen Landesindex der Konsumentenpreise auftauchen.
Zur Story