Warum Simon Ehammer für Olympia 2028 Zehnkampf auf Eis legt
Weitsprung oder Zehnkampf? Simon Ehammer hat mal wieder die Qual der Wahl. Und wie immer, wenn er diese Entscheidung fällen muss, wird das zu einem beachtlichen Medienereignis. SRF traf ihn am Freitag im Krafttraining in Teufen, am Samstag gab Ehammer telefonisch Auskunft für Radio und Printmedien. Das alles mit Sperrfrist: Erst am Sonntagmorgen durfte Ehammers Umgang mit dem Disziplinen-Dilemma öffentlich kommuniziert werden. Ein Ehammer'scher Weitsprung-Entscheid, perfekt inszeniert und in seiner Wichtigkeit gefühlt fast schon von nationaler Bedeutung.
Es steckt halt viel in diesem «Entweder oder», in diesem «Weitsprung oder Zehnkampf». Es geht um einen Athleten im Zenit seiner Karriere, um Leidenschaft für die Leichtathletik und um eine Olympiamedaille, im besten Fall sogar um die erste olympische Goldmedaille in der Geschichte der Schweizer Leichtathletik. Denn, das macht der 26-Jährige klar: «Ich will eine Olympiamedaille. Und wenn ich schon um eine Medaille kämpfe, will ich die goldene.» Bei diesem Vorhaben sei der Weg über den Weitsprung vielleicht «ein Quäntchen richtiger», sagt er.
Nun ist es ja noch ein wenig hin bis zu den nächsten Olympischen Spielen in Los Angeles 2028. Dass sich Ehammer dennoch so früh festlegt, hat seinen Grund. Der Zeitplan der olympischen Leichtathletik-Wettbewerbe verunmöglicht Ehammer eine Teilnahme an beiden Wettkämpfen. Als der Ärger darüber verflogen war, wollte der Appenzeller für sich selbst früh Klarheit schaffen, wie er die Spiele angehen will.
«Konnte mich nur richtig entscheiden»
Der Entscheid ist ein reiflich überlegter, aber überraschender. Schliesslich war es für den Mehrkämpfer Ehammer ein brillantes Jahr. Nach dem Weltrekord und dem Hallen-WM-Titel im Siebenkampf verbesserte er im Mai in Götzis seinen eigenen Schweizer Rekord im Zehnkampf. Nur war halt auch der Weitspringer Ehammer 2026 Weltspitze: EM-Silber und ein Schweizer Rekord von 8,51 m innerhalb des Zehnkampfs in Götzis.
Eigentlich konnte er sich nur falsch entscheiden. Ehammer formuliert es anders: «Ich konnte mich nur richtig entscheiden, bei dem Leistungsstand, den ich derzeit habe.»
Einige im Umfeld waren schockiert über den Entscheid
Ehammers Wahl bedeutet, dass er auch an der WM in Peking 2027 nicht im Mehrkampf antreten wird, selbst Auftritte im Mehrkampf-Mekka Götzis sind für die kommenden zwei Jahre keine Option. Ehammer sagt, er habe mit seinem Entscheid ein paar Personen aus seinem Umfeld «geschockt». Dazu gehört seine Frau Tatjana Meklau. Sie verstehe die Beweggründe, sagt sie, habe aber dennoch gedacht: «Da ist er in der Form seines Lebens und entscheidet sich nicht für die Herzensdisziplin.» Ehammer sagt: «Ja, die starke Saison brachte mich ins Zweifeln.» Fast lieber hätte er gehabt, wenn sich eine Disziplin deutlicher als Favoritin herauskristallisiert hätte.
Mit dem Trainertrio René Wyler, Karl Wyler und Yves Zellweger besprach er die Ausgangslage bis ins kleinste Detail. Zehnkampftrainer René Wyler macht keinen Hehl daraus, dass sein Herz blutet, dass er gerne einen Ehammer in Bestform als Mehrkämpfer in Los Angeles gesehen hätte. Aber er trägt den Entscheid mit, so wie Weitsprung-Betreuer Zellweger einen Entscheid pro Mehrkampf mitgetragen hätte. Der Altstätter und Ex-Weitspringer ist Cheftrainer Technische Disziplinen beim Schweizer Verband. Ihn wird die Betreuung Ehammers nun noch stärker in Anspruch nehmen.
Zellweger sagt: «Natürlich freut mich als Weitsprungtrainer der Entscheid. Er ist aus meiner Sicht richtig, weil Simon im Weitsprung trotz bereits hohem Level noch vieles herausholen kann.» Zellweger und Ehammer sprechen von Potenzial im Anlauf, von technischen Details im Sprung, vom Minimieren ungültiger Sprünge. Natürlich wäre auch im Mehrkampf eine Steigerung möglich gewesen, gerade in den Wurfdisziplinen. Doch für Ehammer ist diese Steigerung im Weitsprung greifbarer. «Ich habe noch nie wie ein Weitsprung-Spezialist trainiert. Meine Sprünge können noch filigraner werden und konstanter.» Und vielleicht ergebe sich mit dem Verzicht auf Wurftraining ja auch ein anderer Vorteil: Wenn die Arm- und Schulterarbeit im Krafttraining nicht mehr gleich im Fokus steht, kann Ehammer allenfalls mit ein paar Kilogramm weniger zu den Weitsprungbewerben antreten – sicher kein Nachteil, wie er sagt.
Junge Weitspringer machen Druck
Nicht leiten lassen durfte sich Ehammer von den jüngsten, zwar guten, aber eben nicht mehr brillanten Weitsprungleistungen, zum Beispiel in Lausanne, Zürich oder Budapest. Da hatten ihn nämlich Fussprobleme «aus der Bahn geworfen», wie er sagt. Ein Knochenfortsatz an der Ferse hatte sich entzündet, musste operativ entfernt werden, die Nachwirkungen störten noch bis vor Kurzem bei Trainings und Wettkämpfen.
Auch die zu erwartende Konkurrenzsituation bei Olympia wurde durchleuchtet, diese spricht aber nicht uneingeschränkt für einen Start im Weitsprung. Da ist einerseits Dominator Miltiadis Tentoglou, den Ehammer kaum einmal besiegen konnte in den vergangenen Jahren und der 2024 Olympiasieger wurde, als Ehammer auf Rang vier landete. Da sind aber auch junge Springer wie der 21-jährige Mattia Furlani, die ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben. Auch diese Situation stiess Ehammers Entscheidung nicht um: Die Leistungsdichte sei auch im Zehnkampf gestiegen, sagt er.
«Meine 8778 Punkte sind noch nicht das Ende»
Bleibt die Frage mit der Leidenschaft, die Ehammer mit dem Mehrkampf verbindet. Tut es nicht weh, wie schon in Paris 2024 wieder nicht in der Königsdisziplin der Leichtathletik anzutreten? Das tue es, sagt der 26-Jährige. Gut sei, dass er in Teufen weiterhin der Mehrkampfgruppe angehöre, dass die Trainer dieselben bleiben, wenn auch mit leicht angepassten Rollen. Dass viele Mehrkampfelemente wie Hürdentraining im Programm bleiben. Eine Rückkehr sei geplant. «Meine 8778 Punkte sind noch nicht das Ende», sagt Ehammer und erinnert an den Kanadier Damian Warner, der 2021 mit fast 32 Jahren Olympiasieger wurde. Und vielleicht gibt's 2032 in Brisbane ja die Möglichkeit, im Weitsprung wie auch im Mehrkampf anzutreten. Ehammer ist dann 32. Er werde für die Möglichkeit eines Doppelstarts beim IOC weibeln, sagt er schon jetzt. (schweizheute.ch)

