«Schnell passiert»: Expertin sagt, ab wann du eine Spielsucht hast
Frau Eder, noch nie gab es eine Fussball-Weltmeisterschaft mit so vielen Spielen. Erwarten Sie, dass sich mehr Leute auf Sportwetten einlassen?
Es gibt auch so viele Wettmöglichkeiten wie nie zuvor. Mit der grösseren Anzahl Partien ist das Angebot für Live-Wetten ungleich grösser. Dabei wetten Fussballfans während des Spiels auf bestimmte Ereignisse wie ein Tor oder eine rote Karte. Diese Wetten sind besonders problematisch, weil sie schnell erfolgen müssen. Damit entsteht ein künstlicher Druck, der keine Zeit für eine Reflexion des eigenen Handelns zulässt. Dazu kann man sich einer WM kaum entziehen. Das Turnier wird überall Thema sein, ob am Fernsehen oder am Arbeitsplatz. Darum gehe ich davon aus, dass im Rahmen dieser WM besonders viele Menschen Sportwetten abschliessen.
Ab wann ist man spielsüchtig?
Ein erstes Anzeichen ist das Zeitinvestment: Wenn Wettende sich sehr lange mit Quoten und Spielen beschäftigen, aber Alltagspflichten vernachlässigen, beginnt es problematisch zu werden. Gleiches gilt für das Setzen von Beträgen, deren Verlust finanziell nicht verkraftbar ist. Typisch für Spielsucht sind auch Entzugserscheinungen. Spielsüchtige Personen sind oft gereizt, wenn sie lange keine Wette platziert haben.
Was bedeutet das Turnier für Menschen, die bereits Probleme mit Spielsucht haben?
Für Menschen mit Spielsucht ist die WM eine starke Belastung. Trotz guter Vorsätze besteht mit der Omnipräsenz der Spiele eine grosse Versuchung, eine Wette abzuschliessen. Besonders schwierig ist die Situation für ehemals spielsüchtige Menschen, die immer noch Interesse am Fussball selbst haben. Sie können kaum Spiele schauen, ohne Werbung von Wettanbietern zu sehen.
Was halten Sie vom Argument, dass der Umgang mit Geld und Wetten letztlich Eigenverantwortung ist?
Das ist ein Argument der Wett-Industrie. Sie schiebt damit Verantwortung von sich. Die Wettspiele sind so gestaltet, dass sie einen Euphorie-Rausch auslösen: Wetten sind im Sekundentakt möglich, das schnelle Eintreffen von Resultaten macht den Nervenkitzel besonders gross. So ist ein Kontrollverlust schnell passiert.
Sportwetten boomen vor allem bei jungen Männern. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?
Im jungen Alter besteht generell eine grössere Risikobereitschaft. Dazu richten sich die Marketingmassnahmen der Wettanbieter gezielt an junge Männer. Die Werbung ist zum Beispiel bei Fussball-Influencern sichtbar. Also auf jenen Kanälen, die junge, fussballinteressierte Männer nutzen. Dazu stösst bei ihnen ein alter Aberglaube auf Resonanz: nämlich, dass mit Sportwetten nebenbei grosse Gewinne möglich sind. Das stimmt natürlich nicht. Nur die Wettanbieter erzielen grosse Gewinne.
Braucht es in der Schweiz einen besseren Schutz vor Sportwetten?
Ja, definitiv. Besonders im Bereich der Werbung. Ausserdem ist ein strengeres Durchgreifen bei Angeboten nötig, die in der Schweiz zwar illegal, aber online leicht erreichbar sind.
Welche Faustregel soll beachten, wer doch wetten will?
Bei Wetten ist immer mit einem Verlust zu rechnen. Daher sollte nur Geld gesetzt werden, ohne das man gut leben kann. Der Grossteil der Menschen macht das gut und wettet risikoarm. Lohnenswert ist auch, einen Höchstbetrag für Wetten zu definieren und sich an diesen zu halten. Und vielleicht ist es besser, auf Live-Wetten zu verzichten. Bei ihnen bleibt einfach kaum Zeit, um sich die Folgen einer Wette bewusst zu machen.
