Schweiz
SVP

Neutralität: Das würde sich bei einem Ja zur SVP-Initiative verändern

Ein Plakat zur Neutralitaetsinitiative haengt an einer Hauswand an der Bundesfeier von Pro Schweiz, am Freitag, 31. Juli 2026, bei den Tellspielen in Interlaken. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Ein Plakat macht an der Bundesfeier von Pro Schweiz in Interlaken Werbung für die Neutralitätsinitiative.Bild: keystone

Wie neutral soll die Schweiz sein? Das würde ein Ja zur SVP-Initiative verändern

Keine EU-Sanktionen mehr, weniger militärische Zusammenarbeit: Die Neutralitätsinitiative will den aussenpolitischen Spielraum der Schweiz einschränken. Die wichtigsten Punkte im Überblick.
09.08.2026, 13:0809.08.2026, 13:08
Benjamin Rosch, Stefan Bühler / ch media

Die Neutralität gehört zur Schweiz wie die Berge und der Waschplan. Aber gehört sie auch in die Verfassung – und wie strikt? Darüber stimmt das Volk am 27. September ab. Hier gibt es einen Überblick über die wichtigsten Eckpunkte der Neutralitätsinitiative aus der Feder der SVP.

Worum geht es?

Die Volksinitiative «Wahrung der schweizerischen Neutralität» will die Neutralität in der Bundesverfassung ausdrücklich festschreiben. Die Neutralität soll in Zukunft strikter angewendet werden. Insbesondere dann, wenn die EU Sanktionen gegen ein Land beschliesst, soll die Schweiz aussen vorbleiben. Heute wird in der Bundesverfassung nur indirekt auf die Neutralität verwiesen: In den Artikeln 173 und 185 heisst es, dass das Parlament und der Bundesrat Massnahmen treffen sollen, um die Neutralität zu wahren.

Warum gerade jetzt?

Hintergrund der Initiative ist der Ukraine-Krieg. Im Februar 2022 überfiel Russland völkerrechtswidrig die Ukraine. Die EU reagierte mit einer laufend erweiterten Liste von Sanktionen gegenüber Russland.

Der Bundesrat wurde auf dem linken Fuss erwischt. Bei Kriegsausbruch im Februar 2022 brauchte er ein paar Tage, um seine Position zu finden. Zunächst wollte er an der bisherigen Praxis festhalten, dass Sanktionen der EU gegen Russland lediglich nicht über die Schweiz umgangen werden können. Er verwies dabei auch auf die Neutralität.

Doch dann stieg der internationale Druck: Nach Interventionen aus der EU sowie aus Washington übernahm die Schweiz das EU-Sanktionspaket – wie auch viele weitere, nach einer eigenständigen Prüfung. SVP-Übervater Christoph Blocher sah darin einen Bruch der Schweizer Neutralität und kündigte schon bald eine Volksinitiative an.

Christoph Blocher, alt Bundesrat und Initiant der Neutralitaetsinitiative, spricht mit Journalisten vor dem Bundeshaus, anlaesslich der Einreichung der eidgenoessischen Volksinitiative "Wahrung d ...
Sammelte 130'000 Unterschriften für die Neutralitätsinitiative: Christoph Blocher.Bild: keystone

Was verlangt die Initiative genau?

Die Initiative will die «immerwährende und bewaffnete» Neutralität als Selbstzweck festhalten. Sie verlangt, dass die Schweiz keinem Militär- oder Verteidigungsbündnis beitritt und sich nicht an internationalen Sanktionen gegenüber kriegsführenden Staaten beteiligt, mit Ausnahme der von der UNO erlassenen Sanktionen. Zuletzt heisst es im Initiativtext: «Die Schweiz nutzt ihre immerwährende Neutralität für die Verhinderung und Lösung von Konflikten und steht als Vermittlerin zur Verfügung.»

Was würde bei einem Ja geschehen?

Die grösste Veränderung beträfe den politischen Handlungsspielraum, namentlich des Bundesrats. Auch militärische Zusammenarbeiten mit anderen Ländern würden eingeschränkt. Welche, müsste wohl noch rechtlich geklärt werden. Aktuell ist die Schweiz zwar kein Nato-Mitglied, sie ist aber ein aktiver Partner des Militärbündnisses und nimmt regelmässig an Truppenübungen teil. Ähnliches gilt für Pesco, das Verteidigungsbündnis der EU. Beides wäre bei einem Ja infrage gestellt.

Das Verbot, internationale Sanktionen gegen eine Kriegspartei zu übernehmen, könnte wirtschaftlichen Schaden anrichten: Im Fall der Sanktionen der EU gegen Russland machten die EU, ihre Mitgliedstaaten und hinter den Kulissen auch die USA im Februar 2022 dem Bund unmissverständlich klar, dass sie das Abseitsstehen der Schweiz nicht akzeptieren. Innert Tagen musste der Bundesrat seine Praxis anpassen, um einen Konflikt mit den wichtigsten Handelspartnern zu verhindern. Auch die USA stellten etwa im Falle des Irans schon klar: Wer ihre Sanktionen nicht einhält, muss mit wirtschaftlichen Gegenmassnahmen rechnen.

Bundesrat Ignazio Cassis spricht an einer Medienkonferenz zum Entlastungspaket 2027, Synergien zwischen EDA und WBF sowie weitere strategische Anpassungen im Bereich der internationalen Zusammenarbeit ...
Verfügte bei einer Annahme über einen kleineren Handlungsspielraum – Aussenminister Ignazio Cassis.Bild: keystone

Was hiesse ein Ja für die Schweizer Rüstungsindustrie?

Aufgrund der Neutralität dürfen Waffen und Munition aus Schweizer Produktion von anderen Ländern schon jetzt nicht an kriegsführende Länder weitergegeben werden, selbst wenn dieses Kriegsmaterial vor Jahren geliefert wurde. Mehrere Staaten kritisierten diese Praxis scharf, insbesondere Deutschland im Falle von Panzermunition, die es an die Ukraine abgeben wollte. Die Schweizer Rüstungsbranche hat deswegen Kunden verloren. Eine Revision des Kriegsmaterialgesetzes soll nun die Praxis lockern. Ob das nach einem Ja zur Initiative noch möglich wäre, ist fraglich. Parlament und Bundesrat schreiben im Abstimmungsbüchlein: «Die Rüstungsindustrie würde geschwächt».

Wer unterstützt – neben der SVP – das Anliegen? Wer ist dagegen?

Noch haben nicht alle Parteien ihre Parolen gefasst. Man kann aber davon ausgehen, dass sich niemand von ihnen zur SVP gesellt. Dagegen gibt es einige Splittergruppen, welche die Initiative unterstützen. Sie lassen sich kaum in einem klassischen Links-rechts-Schema verorten: die kommunistische Partei der Arbeit, antimilitaristische Vereinigungen und dazu eine Reihe prominenter Stimmen aus SP und Grünen, angeführt vom parteilosen Ständerat Daniel Jositsch, der kürzlich aus der SP ausgetreten ist.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Bomben auf die Schweiz
1 / 32
Bomben auf die Schweiz
16./17. Dezember 1940: Ein Nachtangriff der Royal Air Force auf Basel fordert vier Menschenleben. (Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Milou Steiner)
quelle: photopress-archiv / milou steiner,
Auf Facebook teilenAuf X teilen
28.02.2022 - Cassis: «Einem Aggressor in die Hände spielen, ist nicht neutral»
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
158 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Kei Luscht
09.08.2026 13:17registriert Dezember 2015
Wann lernen wir endlich, dass die Neutralität wenig mehr ist als ein politisch und ökonomisch instrumentalisiertes Feigenblatt, unter dessen Schutz wir unsere Rosinenpickerei fortsetzen können. Der SVP geht es nicht um "kein Krieg", sondern um Bereicherung.
20720
Melden
Zum Kommentar
avatar
FrancoL
09.08.2026 13:19registriert November 2015
und weil es so ist wie im Artikel geschrieben:
"Hintergrund der Initiative ist der Ukraine-Krieg. Im Februar 2022 überfiel Russland völkerrechtswidrig die Ukraine. Die EU reagierte mit einer laufend erweiterten Liste von Sanktionen gegenüber Russland."

Muss ein KLARES NEIN eingelegt werden, denn es geht um etwas was wichtiger ist als die Neutralität, es geht um die Freiheit und die Freiheit ist das höchste Gut das es zu schützen gibt, die Neutralität verhindert dies!
16320
Melden
Zum Kommentar
avatar
Heinzbond
09.08.2026 13:21registriert Dezember 2018
Neutralität muss auch immer von einer anderen Seite anerkannt oder empfunden werden...
Fakt ist: für Putin sind wir nicht neutral... Wir sind ein unfreundlicher Staat...
Trump denkt nur in den Kategorien, leicht herumzuschubsen und wehrt sich...
Ich weiss nicht wie China über die Schweiz denkt, wie der Iran über die Schweiz denkt... Ist mir auch egal, wer sich einem der vier Regime anbiedert als neutral, hat an Glaubwürdigkeit verloren...und an Anstand, Moral und vielem anderen...
13013
Melden
Zum Kommentar
158
Vor 25 Jahren taucht der verschollene Unspunnenstein wieder auf
Vor 25 Jahren ist ein Stück Berner Kulturgut wieder aufgetaucht: Der 17 Jahre zuvor gestohlene Unspunnenstein wird der Expo.02-Botschafterin Shawne Fielding im Kanton Jura als Bonbon verpackt übergeben. Seit 2005 ist er erneut verschollen.
Zur Story