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Gesellschaft & Politik

Neutralität: Schweizer NATO-Botschafter stellt sich gegen die SVP

Der Schweizer Botschafter bei der NATO, Jacques Pitteloud, und Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse.
Der Schweizer Botschafter bei der NATO, Jacques Pitteloud, und Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse.image: watson

Neutralität: Schweizer NATO-Botschafter stellt sich gegen die SVP

Die Schweiz stimmt Ende September über die Neutralitäts-Initiative der SVP ab. watson hat einen Befürworter und einen Gegner nach ihren Argumenten gefragt: Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse, und Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO.
04.08.2026, 20:2804.08.2026, 20:28
Antoine Menusier
Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Im Vorfeld der Abstimmung vom 27. September ist die Kampagne für die Neutralitätsinitiative trotz Sommerflaute in die heisse Phase getreten. Die SVP und der Verein Pro Suisse, die bei diesem Verfassungskampf an vorderster Front stehen, haben einen prägnanten Slogan entworfen, der derzeit in Bahnhöfen und auf den Strassen zu sehen ist: «Kein Krieg. Ja zur Schweizer Neutralität.» Daneben ist eine Friedenstaube mit einem Olivenzweig abgebildet.

Der Slogan der SVP-Initiative 👇

Neutralitätinitiative svp 2026

Diese Parole erinnert sowohl an die pazifistischen Slogans der 1930er-Jahre als auch an jene aus dem Kalten Krieg während der euro­päischen Raketenkrise. Damals lehnte ein Teil der Linken die Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen in Westdeutschland ab. Diese war eine Reaktion auf die Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen in Staaten des Warschauer Pakts – zu einer Zeit, als die nukleare Abschreckung auf ihrem Höhepunkt war.

Die identitäre Rechte als Verfechterin des Pazifismus? Kevin Grangier, ehemaliger Präsident der Waadtländer SVP und Westschweizer Koordinator von Pro Suisse, verteidigt den Slogan und die Friedenstaube:

«Die Schweiz ist ein friedliches Land und bietet ihre Guten Dienste an. Jean Jaurès, der grosse französische sozialistische Denker, der kurz vor dem Ersten Weltkrieg ermordet wurde, lobte übrigens die Schweizer Armee.»
Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse

Damit verweist er auf die bewaffnete Verankerung der Neutralität. Aus diesem Grund lehnt die GSOA, die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, den von Pro Suisse ausgearbeiteten und von der SVP getragenen Text ab.

Keine Angst schüren

Laut einer am vergangenen Freitag veröffentlichten Umfrage von YouGov Schweiz liegt das Ja zur Initiative mit zwei Prozentpunkten vor dem Nein – 40 gegenüber 38 Prozent. Deshalb ist jetzt nicht der Moment, um Unentschlossene zu verängstigen. Einige von ihnen könnten befürchten, dass eine stärkere Neutralität, wie sie SVP und Pro Suisse vorschlagen, die Sicherheit der Schweiz beeinträchtigt. Würde das Land seine Verteidigungsfähigkeit nicht schwächen, wenn es auf die Zusammenarbeit mit befreundeten Armeen verzichtet, wie sie seit rund 30 Jahren praktiziert wird?

Der Wortlaut eines Absatzes von Artikel 54 der Bundesverfassung, den die Initianten ändern wollen, klingt in dieser Hinsicht ziemlich restriktiv:

«Die Schweiz tritt keinem Militär- oder Verteidigungsbündnis bei. Vorbehalten bleibt die Zusammenarbeit mit einem solchen Bündnis im Fall eines direkten militärischen Angriffs auf die Schweiz oder im Fall von Vorbereitungshandlungen zu einem solchen Angriff.»
Auszug aus dem Initiativtext

Kevin Grangier hat mögliche Befürchtungen bereits vorweggenommen. Er versucht zu beruhigen:

«Der Initiativtext und insbesondere dieser Absatz würden die Schweiz nicht daran hindern, im Rahmen der NATO-Partnerschaft für den Frieden weiterhin gemeinsame Übungen mit ausländischen Armeen durchzuführen, wie sie dies heute bereits tut.»
Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse

Der Westschweizer Koordinator von Pro Suisse hält sogar die geheimen Absprachen von General Guisan mit Frankreich für mit der Neutralität vereinbar. Sie sahen eine gemeinsame Verteidigung der Schweiz für den Fall vor, dass Nazideutschland das Land angreifen würde. Die Zeitung «Le Temps» widmete dieser historischen Episode diesen Sommer einen Artikel.

Die Initiative von SVP und Pro Suisse äussert sich nicht zur gemeinsamen Entwicklung von Rüstungsgütern mit ausländischen Partnern, mit der die Produktions- und Beschaffungskosten begrenzt werden sollen. Kevin Grangier versichert auch hier:

«Wenn der Text dazu nichts sagt, bedeutet das, dass er weder die heutige Praxis ändert noch eine neue Praxis in diesem Bereich verbietet.»
Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse

Der Botschafter erinnert die Initianten an die russische Invasion

Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel, wurde von watson kontaktiert. Wie der Bundesrat und das Parlament lehnt er die von der SVP unterstützte Initiative ab. Den Argumenten der Befürworter begegnet er mit Skepsis.

«Ich bezweifle, dass die Formulierung ‹im Fall von Vorbereitungshandlungen zu einem solchen Angriff› keine Auswirkungen auf unsere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit befreundeten Ländern hätte. Dabei handelt es sich um eine der beiden Bedingungen, die der Initiativtext für die Zusammenarbeit der Schweizer Armee mit einem ‹Militärbündnis› vorsieht. Wer wird definieren, was unter ‹Vorbereitungshandlungen› für einen ‹Angriff› zu verstehen ist?»
Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel

Jacques Pitteloud verweist dabei auf die russischen Kriegsvorbereitungen an der Grenze zur Ukraine in den Wochen vor der Invasion im Februar 2022.

«Würden die Kreise, die die Initiative unterstützen, heute sagen, dass eine solche Truppenkonzentration Vorbereitungshandlungen für einen Angriff darstellt? Damals sagten sie das nicht.»
Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel

Der Schweizer NATO-Botschafter fügt hinzu: «Zwar handelte es sich nicht um einen direkten Angriff auf die Schweiz, da die Ukraine angegriffen wurde. Dennoch hatte dieser Angriff Auswirkungen auf die Schweiz, die sich heute stärker auf die Möglichkeit eines Konflikts vorbereiten muss. Diese Initiative legt ihr dabei Steine in den Weg.»

Sanktionen gegen Russland als Auslöser der Initiative

Der Verweis auf Russland und die Ukraine gibt Kevin Grangier Gelegenheit, daran zu erinnern, weshalb die Neutralitätsinitiative lanciert wurde. Der Grund dafür findet sich in angedeuteter Form im Text, über den Volk und Stände abstimmen werden.

«Die Initiative wurde im Oktober 2022 lanciert, nachdem der Bundesrat im März als Reaktion auf die Invasion der Ukraine die Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union gegen Russland übernommen hatte.»
Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse

Die SVP hatte die Übernahme dieser Sanktionen damals scharf kritisiert. Ihrer Ansicht nach kam sie einer Aufgabe der Neutralität gleich. Der Waadtländer Kevin Grangier bekräftigt: «Die Initiative verbietet die Übernahme der Sanktionen einer der kriegführenden Parteien gegen die andere und verpflichtet unser Land gleichzeitig, eigene Massnahmen zur Verhinderung der Umgehung zu ergreifen. Auf diese Weise würde die Schweiz ihren Verpflichtungen als neutraler Staat nachkommen und gleichzeitig vermeiden, von einer der kriegführenden Parteien instrumentalisiert zu werden.»

Dem Westschweizer Koordinator von Pro Suisse ist bewusst, dass die Europäische Union die Schweiz damals hätte sanktionieren können, wenn diese die von Brüssel gegen Russland verhängten Massnahmen nicht übernommen hätte. Deshalb hält die Initiative von SVP und Pro Suisse fest, dass die Schweiz nicht zum Staat werden soll, der es einer Kriegspartei ermöglicht, «nichtmilitärische Zwangsmassnahmen anderer Staaten» zu umgehen.

«Das Bekenntnis zu demokratischen Werten»

Auch die Argumente der Initianten zu den Sanktionen scheinen Botschafter Jacques Pitteloud nicht zu überzeugen.

«Zur Neutralität der Schweiz gehört auch das Bekenntnis zu einem demokratischen Wertesystem. Indem der Bundesrat auf dem europäischen Kontinent, zu dem die Schweiz gehört, gemeinsam mit anderen Staaten Sanktionen gegen einen Aggressorstaat verhängt, bewegt er sich vollständig innerhalb der Grenzen der politischen Neutralität.»
Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel

Das Neutralitätsrecht werde durch die Sanktionen der Schweiz gegen Russland nicht infrage gestellt, betont Jacques Pitteloud: «Es wird eingehalten.»

«Die Lage ist in diesem Bereich sehr klar. Die Schweiz tritt keinem Militärbündnis bei und liefert nicht einer Kriegspartei Waffen aus eigener Produktion, während sie deren Gegner davon ausschliesst.»
Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel

«Es gibt kein geheimes Beitrittsabkommen»

Der Schweizer Botschafter bei der NATO und ehemalige Oberst der Panzergrenadiere wünscht sich, dass die Debatte über die Abstimmung vom 27. September auf «klaren Grundlagen» geführt wird.

«Entgegen den Andeutungen oder Behauptungen von Befürwortern der Initiative gibt es weder ein geheimes Abkommen über einen NATO-Beitritt der Schweiz noch Gespräche mit diesem Ziel. Wer das behauptet, sagt das Gegenteil der Wahrheit. Sollte sich die Frage eines Beitritts eines Tages stellen, müssten Volk und Stände darüber entscheiden – und nicht irgendein geheimer Ausschuss von Eliten, die gegen das Volk konspirieren, wie man es bisweilen von Personen hört, die genau wissen, dass dies falsch ist.»
Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel

Für Jacques Pitteloud liegt der grösste Mangel der Neutralitäts-Initiative in folgendem Punkt:

«Sie würde dem Bundesrat in einem Umfeld, das seit der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 unvergleichlich gefährlicher geworden ist, Handlungs- und Ermessensspielraum nehmen.»
Jacques Pitteloud, Schweizer Botschafter bei der NATO in Brüssel

Kevin Grangier sieht das anders:

«Unsere Initiative schützt die Neutralität, unser gemeinsames Gut, in zunehmend unsicheren Zeiten.»
Kevin Grangier, Westschweizer Koordinator von Pro Suisse
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Die beliebtesten Kommentare
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zaunkönig
04.08.2026 20:49registriert November 2015
Das ganze Gerede von "Kein Krieg" der Initiativbefürworter ist derart verlogen, dass es schon weh tut. Neutralität heisst für diese Kreise einfach jedem Kriegsmaterial in die Hand zu drücken, die es haben wollen. Es ist geradezu ekelerregend diese Leute von "Frieden" reden zu hören. Das sind oft "Putinisten", und verfolgen eine andere Agenda als die Freidensbewegung.
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Linksrechtsblablabla
04.08.2026 20:35registriert Januar 2021
Ich bin für einen Nato beitritt und gegenreaktionen der russischen und chinesischen cyberangriffe. "Wehret den anfängen'
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SHG503
04.08.2026 21:27registriert Oktober 2025
Im Rosinenpicken sind wir Schweizer ungeschlagen.

Seit Jahrzehnten profitieren wir in Sachen Sicherheit massgeblich vom Schutzschirm der NATO und unserer europäischer Nachbaren.

Sobald es jedoch darum geht einen ernsthaften und fairen Beitrag an diesen Schirm zu leisten verstecken wir uns hinter der, je nach Szenario, flexibel auslegbaren Neutralität.
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