Wölfe werden stärker reguliert – doch ein anderes Raubtier schleicht in die Schweiz
Der Bundesrat will das Jagdgesetz weiter verschärfen. Kantone sollen Wölfe künftig noch einfacher abschiessen dürfen – und zwar das ganze Jahr über und sogar in geschützten Jagdbanngebieten. Der Bundesrat schickte die Anpassung des Gesetzes in die Vernehmlassung. Die Politik reagiert damit direkt auf das Wachstum der Wolfsrudel im Land. Die Debatte um Schweizer Raubtiere kocht wieder einmal hoch.
Im Schatten dieser Diskussion schleicht sich jedoch ein anderer Beutegreifer heimlich ins Land: der Goldschakal. Er breitet sich von Osteuropa her völlig natürlich in Richtung Westen und Norden aus. Während die Öffentlichkeit fast nur über den Wolf spricht, etabliert sich hier still und leise eine ganz neue Art.
Bereits 2011 erfassten Fotofallen erstmals einen Goldschakal in der Schweiz. Seit Ende 2015 gibt es regelmässige Nachweise der Hundeart, meist durch Fotofallen oder Sichtungen. Die folgende Karte zeigt alle diese bisherigen, noch sehr verstreuten Nachweise in der Schweiz.
Wer ist der geheime Gast?
Auf den ersten Blick ähnelt der Goldschakal dem Fuchs. Er hat jedoch längere Beine, ist kräftiger gebaut und hat einen kürzeren Schwanz. Im Vergleich zum Wolf ist er schlanker und kleiner. Sein Fell ist unterschiedlich, oft jedoch goldfarbig bis gelbbraun.
Das erste Foto eines Goldschakals in der Schweiz
Ein ausgewachsener Goldschakal wiegt 8 bis 16 Kilogramm. Zum Vergleich: Wölfe in Europa bringen 25 bis 50 Kilo auf die Waage. Seine Speisekarte unterscheidet sich grundlegend von der des Wolfes. Der Schakal ist ein flexibler Allesfresser: Mäuse, Ratten, Amphibien, Insekten, Beeren, Obst und Aas.
Was die neue KORA-Studie zeigt
Eine neue Studie der Stiftung KORA zeigt nun erstmals: Grosse Teile der Schweiz – insbesondere das Mittelland – sind ein Paradies für den Goldschakal. Während in Deutschland und Österreich bereits feste Familiengruppen leben, steht die Schweiz vor der natürlichen Ansiedlung einer neuen Art.
Die Forschenden haben Daten aus ganz Europa analysiert und auf die Schweiz übertragen. Sie berechneten Modelle mit verschiedenen Faktoren: Wo liegt im Winter zu lange tiefer Schnee? Wo findet das Tier genug Deckung? Hat es Gewässer in der Nähe? Und wo leben bereits Wölfe, die den kleineren Schakal vertreiben würden?
Anders als Wolf und Luchs zieht es den Goldschakal deshalb nicht in die abgelegenen Alpen. Das raue Bergklima mit viel Schnee mag er nicht. Die Studie zeigt vielmehr ein riesiges Potenzial für Mosaiklandschaften aus Wäldern, landwirtschaftlichen Flächen, Weiden und Gewässern im Mittelland und Jura. Die folgende Karte visualisiert erstmals, wo die Schweiz dem Goldschakal die besten Lebensräume bietet.
Hier fühlt sich der Goldschakal am wohlsten
So klappt das Zusammenleben
Weniger harte Winter, ausgelöst durch die Klimaerwärmung, und die Zerstückelung der Landschaft bieten dem Goldschakal ideale Möglichkeiten, sich auszubreiten, teilt die Stiftung KORA watson auf Anfrage mit. Zudem könne das Tier problemlos mehrere hundert Kilometer wandern.
Goldschakale können kleine Nutztiere reissen. KORA arbeite darum eng mit den kantonalen Jagdverwaltungen zusammen, um Konflikte so gering wie möglich zu halten. Bislang sei die Präsenz einzelner Tiere aber nicht problematisch verlaufen. Seit 2011 gibt es lediglich einen bestätigten Fall eines Nutztierrisses. Die Stiftung fokussiere sich momentan vor allem darauf, die Bevölkerung zu informieren, wie sie einen Goldschakal überhaupt erkennen kann.
Gleich wie Füchse können Goldschakale Träger von Parasiten sein. Bei direktem Kontakt empfiehlt KORA, Handschuhe und eine Atemschutzmaske zu tragen, um eine mögliche Übertragung, beispielsweise von Parasiten im Fell, zu verhindern.
Während sich die Politik am Wolf abarbeitet, hat sich der Goldschakal längst auf den Weg gemacht. Die Studie zeigt: Er wird kommen, sehr wahrscheinlich in grossen Teilen des Mittellands. Anders als der Wolf reisst er kaum Nutztiere. Es spricht also einiges dafür, dass für den kleinen Bruder des Wolfs ein ruhigeres Kapitel möglich ist. Eines, in dem Zusammenleben ohne polarisierte Debatten gelingt.
