Erstmals seit Jahren weniger Hotelgäste – diese Gemeinden trotzen dem Trend
Am SBB-Schalter am Flughafen Zürich herrscht reger Betrieb. Die Mitarbeitenden beantworten im Akkord Fragen von ankommenden Touristinnen und Touristen. Zwei Stockwerke weiter oben bei der Autovermietung reichen die Warteschlangen zuweilen bis aus der Halle heraus. Der Eindruck täuscht nicht: Die Schweiz bleibt ein beliebtes Ferienziel. Die Gäste reisen in Scharen an.
Zwar fehlen derzeit viele Reisende aus asiatischen Ländern. Sie sind früher oft mit vergleichsweise billigen Umsteigeflügen via Dubai oder Abu Dhabi in die Schweiz geflogen. Wegen des Iran-Kriegs haben aber viele Airlines in den vergangenen Monaten ihr Angebot reduziert. Zudem sind die Preise für Flugreisen im Einklang mit dem Ölpreis gestiegen.
Doch weil die Schweiz bei den einheimischen Gästen, solchen aus einigen europäischen Ländern und aus den USA auf Rekordkurs ist, kommt sie glimpflich davon. Im ersten Halbjahr verzeichneten die hiesigen Hotels 20,3 Millionen Übernachtungen, sogenannte Logiernächte. Das sind nur 0,7 Prozent weniger als im Rekordjahr 2025. Es ist zwar der erste Rückgang in einem ersten Halbjahr seit Ausbruch der Coronakrise – aber ein befürchteter Kollaps des Tourismus blieb aus.
Gäste aus Golfstaaten bleiben weg
Die Zahl der ausländischen Gäste ging in den ersten sechs Monaten um 2,0 Prozent zurück, bei jenen aus der Schweiz resultierte ein Plus von 0,7 Prozent. Auf ihr Konto gehen fast die Hälfte der Hotelübernachtungen.
Häufiger in hiesigen Hotels übernachtet haben im ersten Halbjahr etwa die Deutschen, die mit 1,85 Millionen Logiernächten eine Steigerung um 1,1 Prozent verzeichneten. Eine Steigerung um 2,2 Prozent auf 1,65 Millionen Logiernächte gab es bei den US-Amerikanern. Sie stützen den hiesigen Tourismus seit der Coronakrise mit überdurchschnittlich hohen Wachstumsraten.
Die Gäste aus Indien hingegen waren gerade noch für 280'000 Logiernächte verantwortlich, ein Minus von 26,2 Prozent. Abgemeldet haben sich auch die Gäste aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sie generierten nicht einmal mehr 100'000 Logiernächte, ein Rückgang von über 9 Prozent.
Überdurchschnittlich stark verloren haben im ersten Halbjahr denn auch Destinationen mit einem hohen Anteil an Gästen aus Asien. Dazu gehören etwa Interlaken BE, Grindelwald BE oder Engelberg OW. Bei den grösseren Städten steht ebenfalls ein Minus in den Büchern. Sie weisen oft einen hohen Anteil an ausländischen Gästen auf. Die Stadt Zürich verzeichnete 1,2 Prozent weniger Übernachtungen, Genf 0,5 Prozent weniger, Basel ein Minus von 3,3 Prozent und Bern eines von 4,5 Prozent.
Die nach Anzahl Übernachtungen grösste Tourismus-Gemeinde blieb im ersten Halbjahr die Stadt Zürich mit einem Anteil von fast 10 Prozent an allen Logiernächten. Danach folgen Genf und Zermatt. Unter den Kantonen führte in den ersten sechs Monaten der Kanton Zürich mit 3,1 Millionen Logiernächten vor Graubünden und Bern.
Alle Kantone auf den Podestplätzen verzeichneten etwas weniger Logiernächte als im Vorjahr. Anders sieht es im Süden aus. Das Tessin legte um 4,8 Prozent zu. Gutes Wetter insbesondere im Frühling und damit viele Übernachtungen von Deutschschweizern verhalfen dem Südkanton zu einer guten Bilanz. Einzelne Gemeinden wie Ascona oder Locarno legten gar im zweistelligen Prozentbereich zu.
Fachleute gehen davon aus, dass die Schweiz im Gesamtjahr mit einem blauen Auge davonkommt. Zwar dürfte die Iran-Krise die Nachfrage aus Asien weiter dämpfen, doch neben der Nachfrage aus den USA wächst auch jene aus Märkten wie Brasilien und Kanada stark.
Vor kurzem zeigte sich die Marketingorganisation Schweiz Tourismus «vorsichtig zuversichtlich». Aktuelle Rückmeldungen aus wichtigen Herkunftsmärkten wie Nordamerika, Brasilien und Deutschland, aber auch aus der Schweiz, zeigten keine signifikanten Nachfrageeinbrüche oder Stornierungen, heisst es in einer Mitteilung.
Einen ähnlichen Schluss lässt eine Online-Umfrage von Zürich Tourismus aus dem Juli zu, an der sich 182 Betriebe beteiligten. Zwar berichteten fast die Hälfte der Befragten von einem Nachfragerückgang, und die Situation wird laut einer Mitteilung von der Mehrheit «mehrheitlich als ernst eingeschätzt». Doch zuletzt ging die Zahl der Annullationen zurück, die Erwartungen deuten «auf eine schrittweise Stabilisierung» hin.
Die Schweiz profitiere weiterhin von ihrem internationalen Ruf als «sichere, verlässliche und qualitativ hochwertige Reisedestination», schreibt Schweiz Tourismus. Zudem bestätige sich insbesondere im deutschsprachigen Raum der Trend, dass viele Reisende auf Fernreisen verzichten und stattdessen europäische Destinationen bevorzugen. Ein Lichtblick für die Branche ist zudem die Hitze. Viele einheimische Gäste fliehen vor den hohen Temperaturen in die Berge. Ob es für einen neuen Rekord reicht, ist zwar offen – doch Anlass zur Panik gibt es im Tourismusland Schweiz nicht.

