«Kann den Satz nicht mehr hören»: Kindergärtnerin packt über Eltern aus
Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.
- Manuela ist 25-jährig und Kindergärtnerin im Kanton Bern
- Die Eltern der Kinder in ihrer Klasse nerven sie teils
- Acht von 19 Kindern in ihrer Klasse sind verhaltensauffällig
So eine schlimme Kindergartenklasse habe ich noch nie erlebt. Morgens hoffe ich schon gar nicht mehr auf einen guten Tag. Ich weiss bereits, was mich erwartet. Das Problem sind nicht die Kinder, sondern ihre Eltern. Lasst mich von Tiago* erzählen, um das zu erklären.
Tiago feierte vor Kurzem seinen fünften Geburtstag. Seit den Sommerferien ist er bei mir in der Klasse. Er redet praktisch fliessend Englisch. Seine Eltern nicht. Tiago beherrscht die Sprache, weil er jede freie Minute vor dem Fernseher hockt – das bestätigt auch seine Mutter. Die Englischkenntnisse sind der einzige Vorteil seines täglichen Medienkonsums.
Tiago hat praktisch keine Sozialkompetenzen. Er schlägt andere Kinder. Er hört nicht zu. Alles ist ihm egal. Was ich ihm sage, geht bei einem Ohr rein und beim anderen raus. Und er rennt ständig davon. Manchmal muss ich ihn physisch von einer Flucht auf die Strasse abhalten. Ich habe schlicht keine andere Wahl. Sein Verhalten wirkt auf mich oftmals autistisch.
Eigentlich bräuchte Tiago den ganzen Tag eine 1:1-Betreuung, eine Kindergärtnerin nur für ihn. Das Problem: Ich habe noch fünf andere Tiagos in der Klasse.
Insgesamt acht der 19 Kinder in meiner Klasse sind in irgendeiner Form «verhaltensauffällig», wie wir in der Bildungssprache sagen. Dazu gehören hyperaktive, impulsive Kinder genauso wie solche mit Aufmerksamkeitsproblemen.
Ob ein Kind verhaltensauffällig wird, entscheidet eine Vielzahl an Faktoren. Armut und genetische Voraussetzungen können eine Rolle spielen. Leider scheint oft die elterliche Erziehung entscheidend zu sein.
Auch wenn eine Diagnose nur Fachleute ausstellen können: Massgebend für Tiagos Verhalten ist aus meiner Sicht, dass ihm seine Eltern keine klaren Regeln vorgeben, nie Nein sagen und vor einen Bildschirm setzen, statt ihn mit Gleichaltrigen spielen zu lassen. Gerade letzteres machen aber längst nicht nur Tiagos Eltern.
Das Resultat: Zu viele Kinder hocken im Kindergarten teilnahmslos da oder können sich keine Minute auf etwas konzentrieren, weil sie der TikTok-Algorithmus an ständige Stimulation gewöhnt. Gewiss ist die Konzentrationsfähigkeit in dem Alter noch im Aufbau, aber ich frage mich manchmal, wie meine Schulklasse in einer Welt ohne Bildschirme wäre. Ich habe letztens versucht, aus einem Buch vorzulesen. Es ist unmöglich, weil ständig einer reinredet oder mental abwandert.
Ich habe Kolleginnen, die über 30 Jahre im Beruf sind. Sie erwähnen immer wieder, dass sie den Kindergartenunterricht nicht mehr gestalten können wie früher, weil die Kinder beim Eintritt in den Kindergarten immer weniger weit fortgeschritten sind in ihrer Entwicklung. Manche könnten kaum eine Schere halten, einige bewegten sich noch wie Kleinkinder.
Mir ist klar, dass es nach einem langen Arbeitstag verlockend sein kann, das Kind mit einem Bildschirm ruhigzustellen. Aber das ist doch keine Dauerlösung. Macht was mit euren Kindern, lasst sie mit Gleichaltrigen spielen, geht mit ihnen in den Wald! Es ist essenziell für die Entwicklung.
Wenn ich Tiagos Eltern auf sein Verhalten anspreche, zucken sie mit den Schultern und sagen, ihr Sohn brauche nur mehr Zeit. Solche Reaktionen überraschen mich nicht mehr. Eltern hören ungern, dass ihr Kind in der Entwicklung zurückliegt oder im Kindergarten durch sein Verhalten auffällt. «Also zuhause ist das alles kein Problem», heisst es dann jeweils. Ich kann den Satz nicht mehr hören!
Die Elternarbeit bereitet mir momentan wirklich Bauchschmerzen. Oft machen Eltern uns Kindergärtnerinnen zum Problem. Gewisse schieben alle Verantwortung auf uns ab. Einmal hat sich eine Mutter bei mir darüber beschwert, dass ihr Kind schon wieder die Regenhose im Kindergarten vergessen hat. Es sei an mir, sicherzustellen, dass ihr Kind die Regenhose mit nach Hause nimmt.
Nein, ist es nicht. Ich habe 19 Kinder zu betreuen und kann nicht alle micromanagen. Sag deiner Tochter, dass sie selbst an die Regenhose denken muss.
Mitreden beim Tagesprogramm wollen Eltern natürlich trotzdem. «Müsst ihr heute wirklich in den Wald gehen?», heisst es dann in den Nachrichten. Es hilft nicht, dass ich mit meinen 25 Jahren von manchen Eltern als junge, unerfahrene Frau wahrgenommen werde.
Ich möchte hier fairerweise festhalten: Mit etwa 70 Prozent der Eltern ist der Umgang super. Und ich empfinde den Alltag mit den Kindern als sehr erfüllend, obwohl er unglaublich anstrengend ist. Klammerbemerkung: Die meisten, die mit mir studiert haben, sind nicht mehr im Beruf.
Als Kindergärtnerin kann ich wirklich etwas bewegen. Man bringt die Kinder weiter. In zwei Jahren sind enorme Fortschritte möglich, das ist unglaublich faszinierend. Ich würde den Beruf darum weiterempfehlen. Er ist wichtiger denn je. Und er bringt schöne Momente, mit allen Kindern. Auch mit Tiago.
(aufgezeichnet von watson.ch)
