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So reagiert ein Lehrer auf die Resultate der PISA-Studie

Enquête Pisa: un enseignant nous explique pourquoi les élèves suisses ont produit des résultats en baisse.
Ein Lehrer aus dem Kanton Waadt äussert sich zu den Ergebnissen der PISA-Studie, die am Dienstag, dem 8. September, veröffentlicht wurde.bild: Montage watson
Interview

«Seit 20 Jahren mache ich darauf aufmerksam»: Ein Lehrer aus der Romandie berichtet

Die jüngste PISA-Studie bestätigt einen allgemeinen Rückgang des schulischen Leistungsniveaus in den OECD-Ländern. Die Schweiz hält sich besser als der Durchschnitt, doch auch ihre Ergebnisse gehen zurück. Ein Waadtländer Lehrer spricht über den Zustand der Schule.
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13.09.2026, 20:3213.09.2026, 20:32
Sven Papaux

Laut der jüngsten PISA-Studie schneiden Schweizer 15-Jährige beim Lesen und in Mathematik schlechter ab, während die Leistungen in den Naturwissenschaften stabil bleiben. Ein Trost bleibt: In allen drei Bereichen liegt die Schweiz weiterhin deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Langfristig trübt sich das Bild jedoch. Innerhalb von zehn Jahren sank die durchschnittliche Punktzahl der Schweizer Schülerinnen und Schüler beim Lesen von 492 auf 470 Punkte, in Mathematik von 521 auf 499.

Wie lässt sich dieser Rückgang erklären? Jérôme* unterrichtet im Kanton Waadt Klassen im 9., 10. und 11. Schuljahr im allgemeinen Zug (VG) sowie eine 10. Klasse im progymnasialen Zug (VP). Er verfügt über 16 Jahre Berufserfahrung und war unter anderem an mehreren Waadtländer Gymnasien tätig. Er beschreibt ein Schulsystem, das Mühe hat, mit einer Gesellschaft Schritt zu halten, die sich immer schneller verändert.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Haben Sie die Ergebnisse der PISA-Studie überrascht?
Jérôme*: Nein, überhaupt nicht. Ich habe damit gerechnet.

Es ist also an der Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und Lösungen zu finden.
Wir müssen uns hinterfragen – vielleicht auch bei den Methoden, die nicht immer ausgereift sind. Man darf aber nicht vergessen, dass PISA einen Durchschnitt abbildet. Die Studie zeigt weder die genauen Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern innerhalb eines Kantons noch zwischen Klassen, denen das Lernen leichtfällt, und solchen, die mehr Mühe haben.

«Die Studie sagt nichts darüber aus, wer gut zurechtkommt und wer völlig abgehängt ist.»

Aber die Ergebnisse liegen vor, das Niveau der Schweizer Schülerinnen und Schüler sinkt auf breiter Front.
Das ist schwierig zu sagen, weil es so viele unterschiedliche Bereiche gibt. Beim Lesen ist der Rückgang klar erkennbar: weniger Wortschatz und vor allem weniger Fähigkeit, einem längeren Text zu folgen. Schülerinnen und Schüler verlieren schnell den Faden. In Mathematik ist es ähnlich, wenn auch in geringerem Ausmass.

Im Gespräch mit mehreren Lehrpersonen aus verschiedenen Kantonen wurde mir berichtet, dass Schülerinnen und Schüler Mühe haben, sich auf einen einzigen Absatz zu konzentrieren.
Konzentrieren wir uns auf zwei Faktoren: Die Gewohnheit zu lesen nimmt stark ab – und mit ihr die Konzentrationsfähigkeit. Natürlich kann man das den Bildschirmen zuschreiben. Jugendliche wechseln sehr schnell von einem Thema zum nächsten und nehmen sich nicht mehr die Zeit, einen zweiseitigen Text zu lesen.

«Das verlangt eine längere Anstrengung, die sie nicht mehr gewohnt sind.»

Sie sind also der Ansicht, dass das Niveau gesunken ist?
Man kann nicht sagen, dass alles schlecht läuft. Noch einmal: PISA bildet einen Durchschnitt ab.

«Einige Schülerinnen und Schüler haben deutlich grössere Schwierigkeiten als andere. Genau sie brauchen zusätzliche Unterstützung.»

Welche Schülerinnen und Schüler benötigen zusätzliche Unterstützung?
Auch hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: das Erlernen einer neuen Sprache, Schwierigkeiten innerhalb der Familie oder beispielsweise ein abwesender Vater. Die Gründe sind vielfältig.

Können Sie das genauer erklären?
Man kann etwa das Beispiel ukrainischer Schülerinnen und Schüler nennen: Familien sind auseinandergerissen, ein Teil ist im Heimatland geblieben, der andere lebt hier.

«Das sind schwierige Lebenswege, die wir früher so nicht kannten.»

Bei der früheren italienischen Einwanderung bestand die Absicht, sich dauerhaft zu integrieren. Zudem haben Französisch und Italienisch gemeinsame lateinische Wurzeln. Bleiben wir beim Beispiel der Ukrainerinnen und Ukrainer: Einige haben nicht die Absicht, hierzubleiben, sondern wollen nach Kriegsende zurückkehren. Oder nehmen wir einen Schüler aus Sri Lanka: Er muss eine Sprache lernen, die keinerlei gemeinsame Wurzeln mit seiner eigenen hat. Das schafft eine zusätzliche Schwierigkeit.

Daher also der Rückgang beim Lesen?
Er zeigt sich in allen OECD-Ländern. Man kann ihn teilweise auf die Migration zurückführen, vor allem aber auf einen gesellschaftlichen Wandel im Zusammenhang mit Bildschirmen. Und das Phänomen betrifft auch Lehrpersonen. Ich habe mich am Gymnasium schon mit Lehrkräften unterhalten, die überhaupt keine Bücher mehr gelesen haben.

«Wenn die Lehrperson nicht mehr liest, kann man sich vorstellen, dass es die Schülerinnen und Schüler ebenfalls nicht tun.»

Wenn man Ihnen zuhört, scheint das Lesen fast die Wurzel des Problems zu sein.
Teilweise. Ich würde sagen, es geht vor allem um fehlende Gewohnheit. Wir sprechen hier von sozialen Fähigkeiten, etwa davon, ins Kino zu gehen und danach Lust zu haben, weitere Filme zu entdecken. Auch das familiäre Umfeld spielt bei solchen Gewohnheiten eine zentrale Rolle.

Oft ist vom Elternhaus und vom Umfeld die Rede. Aber vielleicht geht die Frage tiefer: Sind heutige Schülerinnen und Schüler weniger neugierig?
Nein, da bin ich nicht einverstanden. In meinen Klassen sehe ich neugierige Schülerinnen und Schüler. Sie interessieren sich für die Medien ihrer Zeit, surfen im Internet, suchen nach Informationen und stossen dabei manchmal auf Falschinformationen. Genau darin liegt ein Teil des Problems: Informationen werden teilweise ungeprüft aufgenommen, ohne zu lesen – über Bilder und Ton.

Neugier wird oft mit Intelligenz gleichgesetzt. Es ist also längst nicht alles schlecht.
Natürlich, die Schülerinnen und Schüler sind intelligent. Lesen ist nur eine Facette. Sie stellen weiterhin viele Fragen und wollen verstehen, was um sie herum geschieht.

Wie kann man ihr Interesse heute wecken?
Ich würde sagen, es braucht Aufhänger. Wenn ich beispielsweise über den Himalaya spreche, stelle ich eine Verbindung zum YouTuber Inoxtag her. Um ihr Interesse zu wecken, braucht es Einstiege, die mit ihren Erfahrungen im Internet verknüpft sind.

Brauchte es mit Blick auf Ihre 16 Jahre Berufserfahrung früher genauso viele solcher Einstiege, um die Schülerinnen und Schüler zu interessieren?
Heute muss man Informationen stärker aufbereiten. Es gibt so viele unterschiedliche Kanäle, dass man die Schülerinnen und Schüler wirklich darauf vorbereiten muss, sich darin zurechtzufinden. Man muss ihnen beispielsweise erklären, was eine wissenschaftliche Theorie ist oder welche Kriterien ein wissenschaftliches Vorgehen erfüllen muss. Und das Internet ist nochmals eine andere Welt. Man muss ihnen Instrumente an die Hand geben, damit sie nicht in Verschwörungstheorien abrutschen. Wie sollen sie sich sonst in dieser Informationsflut eine kritische Meinung bilden?

Aber verfolgt die Schule nicht den falschen Ansatz?
Meiner Meinung nach müsste sie schneller reagieren. Doch es ist ein schwerfälliges System. Mit HarmoS wurden die kantonalen Schulsysteme bereits harmonisiert.

«Die Schule hinkt der Entwicklung immer hinterher – etwa bei den Bildschirmen –, auch wenn der Kanton Waadt inzwischen entsprechende Vorgaben eingeführt hat.»

Haben Bildschirme nicht zum Rückgang grundlegender Fähigkeiten beigetragen?
Doch, eindeutig. Und ich warne seit 20 Jahren davor. Die Gewohnheiten, die man sich vor dem Bildschirm aneignet, übertragen sich auf die Schule und darauf, wie Informationen verarbeitet werden. Früher verlangte das Lesen eines Artikels eine gewisse Anstrengung. Heute scrollen Schülerinnen und Schüler durch Videos voller markiger Aussagen.

Hängt dieser allgemeine Rückgang auch damit zusammen, dass Eltern beim Lernen ihrer Kinder weniger präsent sind?
Das ist schwierig zu sagen. Im Gegenteil: Eltern sind immer präsenter. Schweizer Familien haben im Durchschnitt 1,29 Kinder, oft handelt es sich um ein Einzelkind. Logischerweise bleibt mehr Zeit für dieses Kind. Gleichzeitig gibt es aber auch mehr Unterhaltung und mehr Versuchungen durch Bildschirme.

«Ich habe nicht den Eindruck, dass die Eltern ihre Verantwortung aufgeben. Sie müssen vielmehr mit einem zusätzlichen Problem umgehen.»

Internetzugang, Handy ...
Ich habe meine Klasse gefragt. Viele sagten mir, dass sie in ihrem Zimmer neben einem Bildschirm auch ein Handy haben. Ein Kind könnte nachts darauf zugreifen, ohne dass die Eltern es merken.

Und der Wortschatz hat Ihrer Meinung nach abgenommen?
Eindeutig. Der Wortschatz wird weniger vielfältig, auch die sprachlichen Fähigkeiten nehmen ab. Wir haben immer mehr fremdsprachige Schülerinnen und Schüler, die zu Hause nicht unbedingt Französisch sprechen und sich beim Sprechen auf das Wesentliche beschränken.

Ist ein durchschnittlicher Schüler von früher heute ein guter Schüler?
Die Standards haben sich verändert, und es werden nicht mehr ganz dieselben Fähigkeiten bewertet.

«Das allgemeine Niveau ist nicht zwingend gesunken: Bestimmte Fähigkeiten haben abgenommen, während andere neu entstehen.»

Zum Beispiel die nonverbale oder emotionale Kommunikation sowie überfachliche Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler in allen Fächern einsetzen müssen. Beim Lesen ist der Rückgang real. Mit ChatGPT entwickeln Schülerinnen und Schüler hingegen die Fähigkeit, mit einem Werkzeug der künstlichen Intelligenz umzugehen: Eine Kompetenz, die es vor zehn Jahren noch nicht gab.

Andere Fähigkeiten wie das Sortieren von Informationen im Internet?
Meiner Ansicht nach sind Lehrpersonen nicht mehr die Quelle des Wissens.

«Die Quelle ist das Internet.»

Heute müssen wir die Schülerinnen und Schüler begleiten und ihnen beibringen, mit der Informationsflut umzugehen. Informationen werden anders aufgenommen – und das Lesen ist dabei der Verlierer.

Was kann man also tun? Schülerinnen und Schüler der 1. Klasse haben zehn Stunden Lesen pro Woche. An dafür vorgesehenen Stunden mangelt es also nicht. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Phänomen. Die Schülerinnen und Schüler wenden sich anderen Formen der Informationsaufnahme zu, und die Schule hinkt hinterher.

«Wir versuchen, den Anschluss wiederzufinden. Aber die Schülerinnen und Schüler sind nicht ständig in der Schule. Sie verbringen dort Zeit und gehen danach nach Hause zu Eltern, die wenig oder gar nicht lesen. Ich würde eher sagen, dass die Leistungen weiter sinken werden.»

Und welche Rolle spielt die KI? Führt sie nicht zu einem tieferen schulischen Niveau?
Das hängt vom Kriterium ab. Beim Lesen: ja. Sie kann aber auch das kritische Denken fördern. Schülerinnen und Schüler wissen, dass ihnen eine Maschine helfen kann, dass sie aus der verfügbaren Informationsmenge aber selbst die richtigen Informationen auswählen müssen. Das stärkt ihre Fähigkeit, Inhalte zusammenzufassen.

Wie ist die Stimmung unter den Lehrpersonen? Worüber wird gesprochen?
Wir sind uns bewusst, dass ein gesellschaftlicher Wandel stattfindet. Handys und Bildschirme sorgen für viele Ablenkungen. Wir müssen uns an die Schülerinnen und Schüler anpassen, aber eigentlich müsste die Anpassung in beide Richtungen funktionieren.

«Man hat den Eindruck, die Schule müsse sich anpassen, schafft es aber nicht wirklich: Sie ist eine schwerfällige Masse, Veränderungen brauchen Zeit, wobei sich die Gesellschaft schneller entwickelt, als die Schule. In 20 Jahren kamen das Internet, das Smartphone und dann die künstliche Intelligenz.»

Wie meinen Sie das?
Mit der integrativen Schule müssen wir uns an die Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin anpassen. Doch wir haben nicht die Mittel, um das richtig zu tun. Es gibt zu wenige Lehrpersonen für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen – etwa mit Verhaltensauffälligkeiten oder intellektuellen Einschränkungen. Hinzu kommen zu grosse Klassen. Ich habe eine Gruppe des Niveaus 1 (Anm. d. Red.: Schülerinnen und Schüler mit den grössten Schwierigkeiten in der Oberstufe) mit 21 Kindern.

Es ist also unmöglich, richtig zu unterrichten?
Ja. Mit 21 Schülerinnen und Schülern ist individualisierter Unterricht unmöglich. Und natürlich wird die Kluft dadurch grösser: Die Schwächeren machen nicht im gleichen Mass Fortschritte wie die Besten. Eine Heilpädagogin unterstützt mich, aber nur während einer einzigen Lektion pro Woche. In einer Klasse des Niveaus 2 sind es hingegen 15 Schülerinnen und Schüler.

Man hört es vielerorts: Die Autorität der Lehrpersonen nehme ab. Spüren Sie diesen Verlust im Schulalltag?
Entscheidend ist die Beziehung, die man zu den Schülerinnen und Schülern aufbaut, die man täglich sieht. Sie schafft die Autorität, nicht umgekehrt. Zuerst braucht es Glaubwürdigkeit, die durch soziale Medien etwas gelitten hat, dann Wohlwollen und schliesslich die Rolle als Vertreter einer Institution.

«Wenn die Eltern dem Schulsystem nicht vertrauen, hilft das ebenfalls nicht.»

Ich habe aber nicht den Eindruck, dass die Autorität allgemein abgenommen hat. Vielmehr wird die Funktionsweise der Schule stärker infrage gestellt, und die Schülerinnen und Schüler hinterfragen ihre Regeln.

Und ich nehme an, dass dieses Hinterfragen das Lernen erschwert.
Ja, das ist schädlich. Man muss einen Rahmen schaffen können, in dem gearbeitet werden kann. Der Respekt gegenüber Lehrpersonen ist meiner Ansicht nach aber weiterhin vorhanden.

Spüren Sie einen Vertrauensverlust bei den Eltern?
Bei mir persönlich läuft es gut. Bei anderen Kolleginnen und Kollegen weniger.

Zum Schluss: Sind Sie mit Blick auf die Zukunft eher pessimistisch oder optimistisch?
Ich bin pessimistisch, was die Schule unserer Grosseltern betrifft. Diese Schule ist Vergangenheit und heute nicht mehr anwendbar. Wenn man die heutige Schule an jener von vor 50 Jahren misst, dann bin ich pessimistisch. Diese Schule wird nie zurückkehren. Man darf zudem nicht vergessen, dass die Schule Teil einer grösseren Gesellschaft ist.

«Was die heutige Gesellschaft betrifft, bin ich pessimistisch. Aber zu sagen, die Schule breche zusammen, wäre falsch.»

Sie bleibt eine Grundlage für die Bildung und Erziehung der Kinder. Es geht vor allem um Anpassung. Es gibt keinen allgemeinen Einbruch der Kompetenzen, sondern meiner Ansicht nach eine Verschiebung hin zu anderen Fähigkeiten. Nun ja, was will man machen? Es ist eine Entwicklung, gegen die man nichts ausrichten kann.

Kann man sagen, dass das Fundament der Schule heute sehr instabil geworden ist?
Ich finde, Schülerinnen und Schülern Sinn zu vermitteln bedeutet nicht nur, ihnen festgelegte Fächerinhalte beizubringen. Es bedeutet auch, ihnen zu helfen, sich an ihre Zeit anzupassen und sich in ihrem Umfeld zurechtzufinden. Weil wir in einer Zeit leben, die sich stark verändert, sehr instabil ist und viele Fragen aufwirft, gehört es ebenfalls zur Aufgabe der Schule, gewisse Werte zu vermitteln, damit Schülerinnen und Schüler die Gesellschaft verstehen können.

*Name der Redaktion bekannt

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