Schweiz
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Interview

«Wir befinden uns in einem Krieg gegen uns selbst»

Die Schweiz hat in nur vier Monaten alle Ressourcen verbraucht, die ihr 2019 eigentlich zur Verfügung stünden. Klima-Pionier Mathis Wackernagel hat den ökologischen Fussabdruck erfunden. Der gebürtige Basler sagt im Interview, was er von der Klimastreik-Bewegung hält und was die Chinesen punkto Ressourcen besser machen als die Schweiz.



Herr Wackernagel, Sie sind der Erfinder des ökologischen Fussabdrucks. Sind Sie punkto Ressourcenverbrauch stolz, ein Schweizer zu sein?
Die Fakten sind klar: Die Schweiz verbraucht 4,5 mal mehr von der Natur, als ihre Ökosysteme regenerieren können. Die Kaufkraft in der Schweiz steigt zwar, aber relativ zu den anderen Ländern sinkt sie. Das bedeutet, unsere relativen Vorteile für den Zugang zu Ressourcen der Welt nehmen ab. Erstauntlicherweise aber ist Ressourcensicherheit kaum ein Thema. Die politische Elite in der Schweiz sieht dies als irrelevant an, nicht als Risiko. Das ist völlig unverständlich. Die Schweiz ist physikalisch desorientiert.

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Der Basler Mathis Wackernagel lebt in Oakland, Kalifornien. bild: Zvg

Wie meinen Sie das?
Seit dem 2. Weltkrieg denken alle nur an Wachstum. Immer mehr zu haben ist natürlich wunderbar. Aber nicht, wenn wir uns ein immer grösseres Kartenhaus bauen, das bald zusammenstürzt. Eigentlich ist unser Konstrukt ein Schneeballsystem: wir zehren von der Zukunft, um den aktuellen Zustand zu bezahlen. Viele Politiker meinen, Nachhaltigkeit sei was nobles. Aber in Wirklichkeit ist es notwendig wie Zähneputzen – und im Interesse der Schweiz.

Sie leben in Kalifornien. Wie sieht es dort aus?
Es ist dasselbe in Oakland (bei San Francisco), wo ich wohne ist Nachhaltigkeit ein nettes Thema nebenbei. Oakland baut weiter, als seien Ressourcen unendlich vorhanden. Der Zeitpunkt kommt wegen der Dekarbonisierung schon sehr bald, dass wir ohne fossile Rohstoffe funktionieren müssen – weit vor der Lebenserwartung der Infrastruktur, die wir heute bauen. Dann werden diese Bereiche, in die wir noch immer viel Geld investieren, stark an Wert verlieren. Die Frage ist, ob wir smart oder blind sind.

Zur Person

Dr. Mathis Wackernagel (57) ist Gründer des Global Footprint Networks und ein Vordenker für Nachhaltigkeit. Vor 20 Jahren entwickelte er das Konzept des ökologischen Fussabdrucks. Wackernagel ist in Basel aufgewachsen und studierte an der ETH Zürich Ingenieurwesen. Er lebt mit Frau und Kind in Oakland, Kalifornien.

Die Schweiz hat bereits am 7. Mai alle ihre natürlichen Ressourcen eines Jahres aufgebraucht. Werden wir wirklich immer verschwenderischer?
Wir stellen in der Tendenz eine leichte Abnahme fest.
Aber es ist so: Wir fliegen auf einen Berg zu. Wenn der Pilot einen leichten Bogen macht und immer noch in den Hügel kracht, macht dies keinen Unterschied. Genau so ist unsere Klimapolitik: Es kommt ein schwerer Sturm auf uns zu. Aber wir wollen unser Boot kaum flicken, solange die anderen Länder ihre Boote nicht flicken. Das passiert gerade in der Welt und macht völlig keinen Sinn.

Die Klimastreik-Bewegung hat in den letzten Monaten aber viele Menschen wachgerüttelt.
Ich bin begeistert, wie sich die Kinder und Jugendlichen einsetzen. Sie lernen in der Schule, dass sie wegen des Klimawandels keine Zukunft haben. Mit ihrem Streik treffen sie darum genau den wunden Punkt. Die Teenager haben es geschafft, dass die Leute an der Urne bereits grüner abstimmen. Das ist grossartig und macht mir Mut. Dass nun Moralisten gegen die Schüler schiessen, gibt mir zu denken. Es zeigt, dass sie das Problem nicht verstanden haben. Vielleicht sollten wir denen mal vom Zähneputzen erzählen.

#movethedate

Neue Plattform will Nachhaltigkeit in der Schweiz fördern

Die Schweiz hat bereits am 7. Mai alle Ressourcen aufgebraucht, die uns eigentlich für ein ganzes Jahr zur Verfügung stehen. Das soll sich ändern: Die Zürcher Unternehmer Simone Alabor und Valentin Fisler sowie Katharina Schenk haben darum die Plattform www.movethedate.ch gestartet. Die Idee ist, Menschen und ihre Projekte in der Schweiz vorzustellen, die sich für mehr Nachhaltigkeit engagieren. Ein Beispiel ist die App «Too good to go», die für weniger Foodwaste sorgt. Zudem sollen sich interessierte Bürger selber einbringen und erzählen, was sie im Kleinenfür den Planeten tun. Langfristiges Ziel ist, den Overshoot Day in der Schweiz auf den 31. Dezember zu verschieben.


Inwiefern?
Es geht nicht darum, ob wir Umwelt-Engel sind. Nachhaltigkeit ist keine Religion. Es geht darum, ob wir eine Zukunft haben. Auch Klimastreiker dürfen ein Handy haben.

Gehen bei Ihnen in San Francisco eigentlich die Schüler auch auf die Strasse?
Die Bewegung hat noch nicht dieselbe Schlagkraft wie in Europa. Schüler-Vereinigungen, die aus Amokläufen an Highschools hervorgegangen sind, solidarisieren sich nun mit Greta Thunberg. Greta hat unglaubliches geleistet. Es überrascht mich, welches Ausmass die Klimastreik-Bewegung weltweit angenommen hat. Die Frage ist , wie lange Greta und die Klimastreiker diese Energie aufrecht erhalten können. Da will ich gerne helfen.

Die besten Bilder des Klimastreiks

Was machen Sie persönlich für den Umweltschutz?
Das Wichtigste ist: Ich schlafe genug. Denn ohne guten Schlaf fälle ich schlechte Entscheidungen. Wir haben uns ein Haus an einem Ort gekauft, wo alles per Velo oder zu Fuss erreichbar ist. Wir haben zudem nur ein einziges biologisches Kind. Zudem haben wir eine Solaranlage auf dem Dach, die unsere Elektriztiät bis ans Lebensende absichert. Und zum Leidwesen meiner Frau trage ich meine Kleider, bis sie völlig zerfetzt sind.

Das ist ein Witz?
Nein, das ist in der Tat so. Und zeigt auf: Wir stehen in einem Krieg gegen uns selbst, gegen unsere eigenen Bedürfnisse. Der Mensch funktioniert so, dass er gerne das macht, was eigentlich eine Sünde ist.

Ist es überhaupt noch möglich, den Klimawandel zu stoppen?
Wir wissen, wie wir die Klimaerwärmung stoppen könnten. Aber wir wollen es nicht tun und viele glauben, es lohne sich nicht. Ein Beispiel: Ohne gross nachzudenken kaufte sich ein Nachbar ein sündhaft teures Sofa. Als es hingegen um die eigene Solaranlage auf dem Dach ging, macht er eine Investitionsrechnung über 30 Jahre und dreht jeden Cent dreimal um.

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Noch gibt es kaum Windkraftwerke in der Schweiz wie hier im Entlebuch. bild: shutterstock

Und aus wissenschaftlicher Sicht?
Das Pariser Abkommen ist ein Quantensprung. Es zeigt auf: Würden wir die Treibhausgaskonzentration in der Luft auf 450 ppm Co2 äquivalent beschränken, dann stünden die Chancen bei 66 Prozent, dass wir die Erderwärmung auf unter 2 Grad begrenzen können. Das Problem: Das NOAA (amerikanisches Amt für Ozeane und Atmosphäre) hat berechnet, dass wir bereits bei 493 ppm sind - viel zuviel also. 2 Grad Erwärmung würde etwa wohl das Ende Korallenriffe bedeuten.

Fliegen ist einer der grössten Klima-Killer. Was halten Sie von der Flugticket-Steuer, die jetzt alle fordern?
Langfristig können wir diese Super-Mobilität nicht aufrechterhalten, die wir derzeit leben. Selbst Bahnreisen sind viel zu billig. Ganze Wirtschaftszweige wie der Tourismus sind in der Schweiz vom Luftverkehr abhängig. Das macht die Schweizer Wirtschaft langfristig anfällig, denn dieser Lebensstil hat keine Zukunft.

Nicht nur die Luftverkehrs-Abgabe, sondern auch das Co2-Gesetz sorgt hierzulande für hitzige Diskussionen. Bürgerliche Politiker wollen Co2 vor allem im Ausland kompensieren. Macht diese Überlegung Sinn?
Langfristig ist die einzige Möglichkeit, eine regenerative Wirtschaft zu haben, ob wir wollen oder nicht. Denn irgendwann werden wir aus der fossilen Energie aussteigen. Auch hierzulande ist technisch unglaublich viel möglich, um den Co2-Ausstoss zu senken. Nur tun wir so, als ob dies nicht realisierbar ist. Auch in der bewölkten Schweiz wäre es problemlos möglich, in jedes Dach eine Solaranlage zu integrieren und damit für einen Rappen eine kWh Strom zu produzieren.

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Innert wenigen Jahren aus dem Boden gestampft: Die Skyline von Guangzhou in China. bild: shutterstock

Der Kampf um die Ressourcen der Welt verschärft sich. Mit der neuen Seidenstrasse preschen die Chinesen vor. Was kommt da auf uns zu?
China hat zwischen 2000 und 2012 seinen ökologischen Fussabdruck verdoppelt und entsprechend viele Ressourcen verbraucht. In den letzten Jahren hat sich deren Abdruck stabilisiert – nicht nur zufällig. Eines ist klar: Die chinesische Regierung denkt im Gegensatz zum Westen weiter voraus und sichert sich nun Rohstoffe auf der ganzen Welt. In ihrem 5-Jahresplan kommen die Worte Natur, Energie, Wasser und Land auf jeder der 200 Seiten mindestens fünf mal vor. Die Chinesen sehen, dass die Welt den Kampf um Ressourcen unterschätzt und handeln entsprechend. Zum Vergleich: Die Schweiz verbraucht wie gesagt 4,5 Mal so viel Ressourcen wie sie dürfte und denkt, sie könnte sich mit 4 Monaten Pflichtlagern durchmausern. Good luck!

Wie wird der Overshoot-Day berechnet?

So erklärt es Wackernagel

Diese Rechnung kann jeder Mittelschüler machen. Wie viel Weizen, Kartoffeln, Energie, etc. konsumieren wir? Wieviel Fläche baucht es dafür? Also für alles: Essen, Fasern, CO2 von der Fossilenergie aufnehmen, Platz für unsere Strassen und Häuser? Das ist unser Footprint. Den können wir mit der Biokapazität vergleichen: die produktive Fläche,die uns zur Verfügung steht. Wenn alle auf der Welt einen Footprint hätten wie die Schweizer im Durchschnitt, dann hätte die Menschheit das jährliche Naturbudget schon vor dem 7. Mai aufgebraucht.

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