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Bild: Schweiz am Wochenende / Illustration Micha Wernli

50 Jahre Schweizer Hitparade: So flog die Kultsendung selber aus den Charts

Vom Bestseller zum Restseller: Vor 50 Jahren sendete das Schweizer Radio die erste Hitparade. Ein halbes Jahrhundert später ist die Sendung in der Bedeutungslosigkeit verschwunden

stefan künzli / schweiz am wochenende



Ein Artikel von

One! Two! Three! Four! Am 2. Januar 1968 ertönte aus dem Äther des Schweizer Radios zum ersten Mal die Reprise des Beatles-Songs «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band». Sie wurde zur Erkennungsmelodie für die Schweizer Hitparade, der «Bestseller auf dem Plattenteller». Ein radiohistorisch epochales Ereignis, denn was damals unter den Begriffen «Pop» und «Rock» die Welt in Aufruhr versetzte, fand im damaligen Schweizer Landessender Beromünster zuvor kaum statt.

Man muss sich das vorstellen: Die Rock-’n’-Roll-Revolution von Elvis, Chuck Berry & Co. wurde vom öffentlich-rechtlichen Schweizer Radio ebenso verschlafen wie die ersten Lebenszeichen der Beatles und der Rolling Stones. Unerhört blieben freilich auch Bob Dylans Friedenshymne «Blowin In The Wind» von 1963 wie sein prophetischer Weckruf «The Times They Are a-Changin’» und Sam Cookes Bürgerrechtssong «A Change Is Gonna Come» aus dem Jahr 1964. Das Schweizer Radio hat die ersten Jugendrevolten und damit einen wichtigen Teil der jüngeren Musikgeschichte verpasst.

Popmusikalische Einöde

Stattdessen wurden die Schweizer Radiohörer mit Ländlern und leichter Klassik vom Radioorchester Beromünster berieselt. Die harmlose Schlagersendung «Bill und Jo» mit den Sängern Bill Ramsey und Jo Roland wurde nach drei Monaten wieder gestrichen. Immerhin konnte «Salut les copains» (später «Sali Mitenand») das wachsende Bedürfnis nach Pop und Rock zumindest teilweise stillen. Doch die erste Schweizer Popsendung wurde stiefmütterlich am wenig attraktiven Montagabend platziert. In der Schweiz herrschte weiter popmusikalische Einöde. Das Schweizer Radio machte keine Hits, es spielte sie nicht einmal.

Doch die Schweiz war nicht allein. Auch die öffentlich-rechtlichen Radiosender der ARD waren musikalisch konservativ ausgerichtet. Dafür erreichte Radio Luxemburg bei den jüngeren Zuhörern Kultstatus. Es war neben den britischen und amerikanischen Soldatensendern BFBS und AFN lange die einzige Plattform für neue Pop- und Rockmusik.

Einblick in die Gesellschaft

Umso bedeutender war die Ausstrahlung der «offiziellen Schweizer Radiohitparade». Erstmals wurde der Sound seiner Zeit, der Soundtrack einer Gesellschaft im Umbruch, gespielt. Tatsächlich waren in diesen ersten Top 10 gleich zwei Songs der prägenden Beatles («Hello, Good Bye» und «Magical Mystery Tour») vertreten. Dazu die Hippie-Hymnen «San Francisco» von Scott McKenzie und «Massachusetts» der Bee Gees. Überflieger des Revolutionsjahres 1968 aber war der harmlose Schlager «Monja» des deutschen Sängers Roland W., ein klassisches One-Hit-Wonder. Überhaupt ist die grosse Präsenz von deutschen Schlagern auffällig. Neben Roland W. waren das Peggy March, Graham Bonnie und Mireille Mathieu.

Die Hitparade von damals erlaubt einen faszinierenden Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse 1968. In eine Gesellschaft zwischen Aktion und Reaktion, zwischen musikalischem Aufbruch und bewahrender Schlagerseligkeit.

Pop und Rock blieben beim Schweizer Radio in den 70er-Jahren weiter die Ausnahme. Die Schweizer Hitparade blieb die wichtigste Sendung in Sachen Pop. Das änderte sich erst am 1. November 1983, als unter dem Druck von Piratensendern wie Radio 24 sowie der Zulassung von privaten Lokalradios DRS 3 auf Sendung ging, der «amtlich bewilligte Störsender».

One-Hit-Wonder – was machen sie heute?

Seither haben sich die Musiklandschaft und die Musikindustrie radikal verändert. Popmusik in all ihren Varianten und Schattierungen hat die Gesellschaft durchdrungen und ist allgegenwärtig. Die Entwicklung hat auch die Schweizer Hitparade verändert. Mit dem Aufstieg des Albums, dem Niedergang der Single, dem Aufkommen des Download und den Streaming-Plattformen musste das Erhebungssystem abermals angepasst werden. Vor allem die jüngsten Entwicklungen haben weitreichende Folgen. Es stellt sich die Frage: Welche Bedeutung hat die Hitparade heute überhaupt noch?

Verfälschte Hitparade

Die Rahmenbedingungen im physischen Markt, das Sterben der Plattenläden und das Aufkommen der Online-Verkaufsportale haben das Kaufverhalten des Konsumenten geändert. Gemäss Angaben des Branchenverbandes IFPI Schweiz werden geschätzte 30 Prozent aller CDs und sogar 50 Prozent aller Vinylplatten direkt aus dem Ausland importiert und gekauft. Das heisst: Diese Importe aus dem inter nationalen Segment können für die Schweizer Hitparade gar nicht erfasst werden. Die Album-Hitparade wird verfälscht.

Die grösste Veränderung betrifft aber die Bedeutung des Hits. Früher sind die grössten Hits in der Schweizer Hitparade ins kollektive Gedächtnis von Herrn und Frau Schweizer aufgenommen worden. Ein Streifzug durch die Jahrescharts ab 1968 macht deutlich, dass pro Jahr bis zu einem Dutzend Songs zu Evergreens geworden sind. Zu generationsübergreifendem Allgemeingut, zu Gassenhauern, die alle kannten und mitträllern konnten.

Das ist heute immer weniger der Fall. Die Songs, die in den letzten Jahren zu Evergreens wurden oder noch werden, können an einer Hand abgezählt werden: «Happy» von Pharrell Williams (2014), «Hello» von Adele (2015), in diesem Jahr sicher «Despacito» von Luis Fonsi und vielleicht noch «Shape Of You» von Ed Sheeran. Und sonst? Wer weiss noch, welches der erfolgreichste Song 2016 war? Der Bedeutungsverlust ist eklatant. Es gibt heute immer weniger Welthits, internationale Gassenhauer und Evergreens, die diesen Namen verdienen.

Auch hier ist Despacito dabei: Das war der Schweizer Sommer 2017

abspielen

Video: Angelina Graf

Die Gründe liegen in den sich dramatisch verändernden Marktmechanismen und im damit zusammenhängenden, veränderten Konsumverhalten der Musikhörer. Der Bruch erfolgte vor zwei, drei Jahren. Ein Zusammenhang mit dem Aufkommen der Streaming-Portale (Spotify ist ab 2011 in der Schweiz, Apple Music seit 2015) ist offensichtlich.

In den besten Zeiten der Hitparaden waren die Radios die alleinigen Hit-Macher. Im Kampf um Hörerquoten wollen Radios aber keine Risiken mehr eingehen und spielen nur noch bewährte Songs und alte Gassenhauer. Radios machen keine neuen Hits mehr und haben diese Rolle an Spotify & Co. abgetreten. Die wichtigsten Playlists machen heute die Hits von morgen.

Die grosse Unübersichtlichkeit

Der Hörer wird mit massgeschneiderten Playlists versorgt. Songlisten für jede erdenkliche Lebenssituation und jede Tageszeit. Dabei berechnen Algorithmen den individuellen Musikgeschmack des Konsumenten und passen die Listen entsprechend an. Die Streamingdienste servieren dem Hörer rund um die Uhr seine Lieblingsmusik in personalisierten, massgeschneiderten Playlists. Damit schreitet die Segmentierung der Popmusik voran. Es gibt ihn immer weniger, den Sound der Saison, den Song der Stunde, der von einer ganzen Generation verinnerlicht wird. Und überhaupt: Gibt es ihn noch, den Mainstream? Fliessen stattdessen nicht Dutzende von mehr oder weniger grossen Nebenströmen? Oder hat nicht jeder seinen eigenen, ganz persönlichen Mainstream? Es herrscht die grosse Unübersichtlichkeit.

Der Hit wird personalisiert

Die Playlists sind nur der jüngste Schritt in der Demokratisierung und Individualisierung des Musikhörens. Der Hörer ist nicht mehr auf die herkömmlichen Kanäle der Musikvermittlung angewiesen, entzieht sich dem Diktat der Radios und stellt sich stattdessen seine eigene Hitparade zusammen. Er ist sein eigener Hitmaker. Der Welthit stirbt einen langsamen Tod und wird durch eine Vielzahl von Hits ersetzt. Jede Sparte, jede Szene kennt ihre eigenen Hits. Der Hit wird personalisiert. Die offizielle Hitparade kann die Zeit deshalb gar nicht mehr angemessen abbilden und verliert ihre Bedeutung. Sie ist irrelevant geworden.

So schlägt sich Apple Music gegen Spotify und Co.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Petitsuisse 30.12.2017 12:37
    Highlight Highlight (Deutsch)-Schweizer können einfach kein Radio machen. Wenn ich gute Musik hören will, muss ich aufs Ausland ausweichen. Ja ich mag auch Schweizer Musik, aber wenn ich SRF höre muss ich in kürzester Zeit den Sendersuchlauf betätigen, noch schlimmer wenn ich private Sender höre. Was da einem um die Ohren gehauen wird, ist ja beinahe unerträglich und erst noch in Dauerrotation so dass einem die paar Perlen auch noch verleiden. Hm, ich merke grade wie ich vom Billaghasser zum Befürworter werde, wenn auch mit Abstrichen.
  • MikeT 30.12.2017 11:01
    Highlight Highlight Durch das Gestreame und Gezappe lässt sich das heutige Hörverhalten nicht mehr mit früheren Jahrzehnten vergleichen. Das mag schade sein. Aber bezüglich Musik vermisst wohl kaum jemand aus den früheren Hitparaden-Generationen heutige Chartsendungen.
    Allerdings: anstatt theoretisch Millionen von Titeln streamen zu können, sollte man sich wieder mal relaxed aufs Sofa setzen und konzentriert die 8 Titel eines stimmigen Albums reinziehen. Tut echt gut.
  • 2r music 30.12.2017 11:00
    Highlight Highlight Musik aus London mit FM Mürner auf DRS2 abends um 18 Uhr, später Sounds und Blackmusicspecial waren die wichtigsten Sendungen. DRS3 Uff dr Gass mit den Liveübertragen zB. vom ganzen Jazzfestival Montreux bis in die frühen Morgenstunden. Die Hitparade war immer Müll und hat uns nie interresiert.
  • Ovolover 30.12.2017 10:54
    Highlight Highlight Vergessen ging hier 'Sounds!', ab 1976 auf DRS 2. Hitparade hab ich immer gehasst, Sounds! höre ich noch immer jede Sendung (Podcast, yeah). Jeden Billag-Franken wert.
  • Töfflifahrer 30.12.2017 09:29
    Highlight Highlight Heute wird individualisiert? Blödsinn, in den 1970er Jahren haben wir Musik vom Plattenspieler und vom Radio aufgenommen und Cassetentapes selbst geschnitten. Heute geschieht dies wohl digital und schneller aber neu ist das nicht.
    • DerRabe 30.12.2017 10:35
      Highlight Highlight Heute spielt dir Spotify Musik, die du noch nie gehört hast, welche dir aber gefällt, auf Grund dessen was du bereits gehört hast und dir gefallen hat. Und das für jeden einzelnen Kunden individuell. Nein, sowas gab‘s in den 70ern nicht...
    • MikeT 30.12.2017 10:39
      Highlight Highlight Genau so war das, und die Musik ist seither sicher auch nicht besser geworden.
    • Töfflifahrer 30.12.2017 15:34
      Highlight Highlight @hoppala und Rabe: falsch! Die verschiedenen Radiostationen, inkl. Radio Lux. / Swr3 etc. hatten auch spezielle Sendungen. Kollegen brachten aus den Ferien neu Platten und Kassetten. Nicht so schnell wie heute, aber ebenso diversifiziert.
  • Roterriese #DefendEurope 30.12.2017 09:22
    Highlight Highlight Ein weiterer Grund für No Billag.
    • khargor 30.12.2017 10:26
      Highlight Highlight Die Suisa hat herausgefunden, dass die gebührenfinanzierten Sender, also die Regionalsender plus die der SRG, mehr Musik aus der Schweiz und abwechslungsreiche Musik spielen. Wogegen die reinen Privatsender wesentlich weniger verschiedene und vor allem ausländische Musik spielen. D.h. Dieses Geld fliesst dann ins Ausland ab. Willst du nun wirklich, dass wir jetzt einheimische Bands schwächen?
    • MikeT 30.12.2017 10:36
      Highlight Highlight Im Gegenteil. Nachdem nun jeder selber sein laues Hitparadengesülze streamen kann, könnte das Radio wieder vermehrt auf Qualität und Hintergründe setzen, gerade auch bei der Musik. Das lässt sich aber nur im öffentlich - rechtlichen Radio realisieren.
    • Ürsu 30.12.2017 10:54
      Highlight Highlight An alle Billag Ablehner, hört euch mal das Abendprogramm von SRF3 an. Jeden Abend geht's 4 Stunden um Musik, die ihr bei privaten nie zu hören bekommt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • rundumeli 30.12.2017 09:15
    Highlight Highlight hier zum reinhören ... juni 1968 ... mit yummi yummi auch :-)

    https://srf.ch/sendungen/bestseller-auf-dem-plattenteller/schweizer-hitparade-vom-18-juni-1968
  • Fredu 30.12.2017 09:10
    Highlight Highlight Sicher, die Hitparade war ein Meilenstein für die Schweiz, aber es gab damals auch Kids, die nicht warten wollten bis die Schweiz eine vernünftige Pop-Sendung machte und Radio 24 war noch in weiter Ferne. Den damaligen Radioamateuren war nicht entgangen, dass ab 1964 das 3. Programm des SWF nahe der Grenze gute Musik sendete. In Basel und bis Zürich war der Empfang kein grosses Problem, aber wir Berner standen am Weekend auf den Dächern und richteten riesige UKW Antennen aus. Richtig los ging es am 1. Januar 1970 mit dem Pop Shop und Frank Laufenberg. Ab da wussten wir was in der Szene läuft.
  • Ürsu 30.12.2017 08:18
    Highlight Highlight Kaum waren die ersten Töne von Monja zu hören, drehten wir die Lautstärke auf Null. Das war übelste Schnulze. Aber Salut les Coopains war echt ein Lichtblick

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