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Younes Ebnoutalib – wie ihn dubiose Scouts und die Mafia ausnutzten

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Younes Ebnoutalib ist einer von vielen Neuen bei Deutschlands Nationalteam – sein Weg dorthin ist aber einmalig.Bild: www.imago-images.de

Wie dubiose Berater die Hoffnung und Naivität des deutschen Shootingstars ausnutzten

Mit 18 Jahren stand Younes Ebnoutalib noch bei einem Sechstligisten unter Vertrag, dann ging er einem dubiosen Scout auf den Leim. Es folgte ein Albtraum, aus dem der deutsche Nationalspieler nur mit Glück herauskam – doch dann konnte er endlich durchstarten.
24.09.2026, 16:2924.09.2026, 16:46

Als Younes Ebnoutalib von Jürgen Klopp erfuhr, dass er erstmals Teil des deutschen Nationalteams sein werde, befand sich der junge Stürmer gerade auf dem Sportplatz. «Weil ich trainingsfrei hatte», erklärt er. Nach dem Telefonat mit dem Bundestrainer seien ihm dann die Tränen gekommen. «Ich habe darüber nachgedacht, wo ich noch vor ein paar Jahren war», sagt Ebnoutalib, der am heutigen Donnerstag gegen die Niederlande (20.45 Uhr) sein Länderspieldebüt geben könnte. «Das zeigt mir, dass sich die ganze harte Arbeit und das Durchziehen gelohnt haben.»

Mit seiner grossen Leidenschaft für den Fussball und der ehrlichen Freude über die Nomination ist Ebnoutalib ein erfrischender Charakter im modernen Fussballzirkus. Das liegt auch daran, dass er einen ungewöhnlichen Weg hinter sich hat – und die dunklen Seiten des Profifussballs früh kennengelernt hat.

Ebnoutalib ist 23 Jahre alt, für ein U-Nationalteam spielte er nie. Weder für Marokko, die Heimat seines Vaters, noch für Deutschland, wo er geboren und aufgewachsen ist. Für heutige Verhältnisse ist er ein Spätstarter. Das Fussballspielen lernte er nicht in einem der grossen Nachwuchsleistungszentren, die in Deutschland aufgrund der jüngeren Misserfolge des Nationalteams in Verruf geraten sind, sondern in der Frankfurter Nordweststadt, einem Brennpunktviertel mit viel Drogen und Kriminalität. Einige seiner Freunde gerieten auf die schiefe Bahn, Ebnoutalib hielten sie aber aus allem heraus. Er hatte ja den Fussball und damit eine Perspektive.

«Mit elf Jahren habe ich einen Tunnelblick entwickelt.»

Schon früh ist Younes Ebnoutalib enorm diszipliniert. «Mit elf Jahren habe ich einen Tunnelblick entwickelt», erzählt er in einem sehr lesenswerten Porträt von 11Freunde, «ab da war ich im Modus.» Sein Bruder fügt an: «Das war krank, wirklich.» Manchmal schwänzt er vormittags die Schule, um auf den Fussballplatz zu gehen. In seiner Jugend trainiert er zeitweise so viel, dass er Herzprobleme bekommt und zum Kardiologen muss. Und trifft sich sein Team nach den Spielen in einem Restaurant zum Essen, bringt er eine eigene gesündere Mahlzeit mit.

Seine Hoffnungen wurden skrupellos ausgenutzt

Dennoch steht er mit 18 Jahren noch bei einem Sechstligisten unter Vertrag. Dann wird er von einem «freien Scout» entdeckt. Mittlerweile weiss er, dass es so etwas gar nicht gibt. Doch der Mann wirkt seriös, gewinnt auch das Vertrauen seines Jugendtrainers und seines Vaters, der bei Olympia 2000 die Silbermedaille im Taekwondo gewonnen hat. Was folgt, ist die Geschichte davon, wie skrupellose Leute die Hoffnungen und Unwissenheit – und auch die Naivität – eines jungen Fussballers ausnutzen.

Medienaktivit�ten DFB, 22.09.2026 HERZOGENAURACH, GERMANY 22. SEPTEMBER: im Bild Younes EBNOUTALIB von Eintracht Frankfurt beim Interview bei den ersten Medienaktivit�ten der Nationalmannschaft in Her ...
Younes Ebnoutalib kennt die dunklen Seiten des Profifussballs.Bild: www.imago-images.de

Ebnoutalib berichtet dem Fussballmagazin von seiner eindrücklichen Geschichte. Wie ihm ein Profivertrag versprochen und er nach Perugia geschickt wird. Dass er kein Italienisch spricht, alleine ankommt und erst einmal mit anderen Jugendlichen in eine Wohnung gesteckt wird. «Ein richtiges Drecks-Appartement. Zu zehnt», verrät er. Er schläft auf einer dreckigen Matratze in einem Stockbett, im Bad schimmelt es, die Toiletten sind eklig, es gibt kein WLAN, dafür Kakerlaken. Trainieren darf er nur bei der U19. Der Scout verspricht, sich um alles zu kümmern, am nächsten Tag dürfe Ebnoutalib ins Training der Profis.

«Die haben mich wie einen Hund behandelt.»

Deren Trainer brüllt ihn dann nur an, scheucht ihn vom Platz – er weiss nicht einmal, wer der junge Spieler ist. «Die haben mich wie einen Hund behandelt», sagt Ebnoutalib rückblickend. Als er kurz darauf nach Frankfurt zurück will, melden sich drei Männer bei ihm, wollen ihn überreden zu bleiben. Der Stürmer geht trotzdem, kehrt nach einem Telefonat mit dem Scout jedoch zurück. Dieses Mal soll alles besser werden. Der Serie-B-Klub will ihn verpflichten, langsam an die Profis heranführen. Wieder zeigt sich die Gutgläubigkeit Ebnoutalibs.

Plötzlich machen drei unbekannte Männer auf Berater

Bei der Vertragsunterzeichnung tauchen dann die drei Männer auf, ein Serbe und zwei Italiener, und spielen sich als seine Berater auf. Ebnoutalib versteht vom italienischen Vertrag zwar kein Wort, doch: «Die Typen haben mich unter Druck gesetzt. Ich sass da allein mit erwachsenen Männern.» Es sei ein Einjahresvertrag, der ihm 1000 Euro pro Monat einbringe. «Alles sauber, vertrau uns», sagen sie ihm.

Später erfährt Ebnoutalib, dass er für sechs Jahre unterschrieben hat. Der Scout spricht von einem Missverständnis, er werde das klären. Die ersten Monate bekommt Ebnoutalib kein Geld, er darf weiterhin nur bei der U19 spielen und bei den Profis kaum einmal trainieren. Er ist nicht der einzige Spieler, der in dieser Situation steckt. Am Saisonende will Ebnoutalib gehen, nun erklärt der Scout plötzlich: «Du kannst nicht gehen. Du hast Vertrag bis 2028.»

«Ich gehe nie wieder zurück. Egal, wie lange die mich sperren.»

Ebnoutalib haut trotzdem ab. «Ich gehe nie wieder zurück. Egal, wie lange die mich sperren», denkt er sich. Über seinen Vater lernt er einen seriösen Berater kennen: Mourad Amami, der auch schon Bundesligaprofis betreut hat. Er will den Vertrag in Perugia auflösen lassen, doch der Klub weigert sich. Dann ruft der Serbe an: «Gib mir 100'000 Euro, oder ich bringe dich um! Ich bin Balkan-Mafia!» Amami lässt sich nicht einschüchtern, wie sein Klient sagt. Auch nicht, als ihm der Mann in Perugia beim Hotel auflauert und ihm Gewalt androht. Doch Amamis Mut bringt nichts. Perugias Sportdirektor will den Stürmer nicht ziehen lassen. Am Ende ist Ebnoutalibs Rettung – so komisch es klingt – eine schwere Verletzung.

Nach dem Ende des Albtraums kann er endlich durchstarten

Im Winter 2023/24 bricht er sich den Mittelfuss. Plötzlich will Perugia den Vertrag doch auflösen. «Eine der besten Nachrichten meines Lebens», sagt Ebnoutalib. Nach anderthalb Jahren ist der Albtraum beendet. Zur neuen Saison kommt er bei Giessen in der viertklassigen Regionalliga unter. Jetzt kann er endlich durchstarten. «Ich habe sofort rasiert», sagt er. Schon nach drei Spielen meldet sich Drittligist Dresden. Ebnoutalib lehnt ab – «Ich gehe oft Risiko und dachte: Wenn jetzt schon so grosse Vereine kommen, was ist dann im Winter möglich?» – und dieses Mal zahlt sich sein Gamble aus.

Im Januar 2025 unterschreibt er bei Zweitligist Elversberg. Dort lernt er dann eine andere Seite des Profisports kennen: «Ich dachte bis dahin, Profifussball sei nur ekelhaft. Aber Elversberg war total familiär.» Hier kann er sich voll auf den Fussball fokussieren. Das ist auch in den sozialen Medien zu sehen, wo er sich nur in Arbeitskleidung zeigt. Nach einem halben Jahr Eingewöhnungszeit dreht er auf und plötzlich geht für den Stürmer alles ganz schnell. In seinen ersten drei Startelfeinsätzen erzielt er jeweils einen Doppelpack. Nach der Hinrunde sind es zwölf Tore in 17 Einsätzen. Eintracht Frankfurt will ihn. Der Klub aus seiner Heimatstadt – das Ziel seiner Träume.

«Elversberg hat mir den Arsch gerettet. Wenn die sagen, dass ich bleiben muss, ziehe ich einfach bei denen durch.»

Für ihn ist schnell klar, dass er wechseln will. Doch einen Transfer erzwingen? Das kommt für ihn nicht infrage. «Ich liebe die bei Elversberg, und die lieben mich. Die haben mir letztes Jahr den Arsch gerettet. Wenn die sagen, dass ich bleiben muss, ziehe ich einfach bei denen durch», sagt er damals. Wer Ebnoutalibs Geschichte kennt, weiss, woher diese Dankbarkeit kommt.

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Jetzt geht es schnell: In dieser Saison traf Younes Ebnoutalib bereits fünf Tore.Bild: www.imago-images.de

Frankfurt bezahlt im Januar dieses Jahres dann acht Millionen Euro für Ebnoutalib, der bei seinem Debüt im Frankfurter Waldstadion gegen Borussia Dortmund gleich trifft. Wenig später verletzt er sich aber, kommt danach nur noch selten zum Einsatz. Wohl ein Fehler vom mittlerweile entlassenen Trainer Albert Riera. Denn nun blüht Ebnoutalib unter Adi Hütter wieder auf. Fünf Tore erzielt er in den ersten fünf Spielen der Saison. Der Lohn: die Nomination für die Länderspiele gegen die Niederlande und Griechenland.

Klopp ist begeistert

Mit seiner Entscheidung für Deutschland sorgte Ebnoutalib für Ärger in Marokko. Das Heimatland seines Vaters wollte ihn auch, akzeptierte den Entscheid erst gar nicht und schickte ihm ebenfalls eine offizielle Einladung fürs Nationalteam. Für den 23-Jährigen war aber klar: «Wenn Jürgen Klopp anruft, dann musst du hin!»

Die Bewunderung ist keine Einbahnstrasse. Klopp zeigte sich vom Enthusiasmus Ebnoutalibs begeistert, freute sich darüber, wie glücklich dieser war, nominiert worden zu sein. Der junge Frankfurter könnte gemeinsam mit den zahlreichen weiteren Neulingen genau den frischen Wind bringen, den das deutsche Nationalteam nun braucht. Mit seiner Art, aber auch mit seinen Qualitäten auf dem Platz. Ebnoutalib ist der Typ Strassenfussballer: furchtlos, kreativ und dribblingfreudig. Angst vor Verteidigern kennt er nicht. Wieso auch? Schliesslich hat er schon viel grössere Widerstände überwunden.

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