Marc Lüthi – ein Mann allein gegen den Verbands-Apparat
Und nun also Marc Lüthi (65). Ausgerechnet beim Eintritt ins AHV-Alter mutet er sich eine noch grössere Herausforderung zu als damals im Sommer 1998 die Rettung des SC Bern. Er übernimmt per sofort das Verbandspräsidium.
Lüthis Wahl erfolgte am Donnerstagnachmittag mit überwältigenden drei Viertel der Stimmen. Sämtliche Klubs der National League und der Swiss League haben ihm die Stimme gegeben. Lediglich sieben Amateurvertreter votierten nicht für ihn.
Die zwei letzten Obmänner scheiterten früh: Stefan Schärer ist nach gut einem Jahr im Rahmen einer Palastrevolution der Verbandsadministration abgesetzt worden und Urs Kessler hat nach weniger als einem Jahr desillusioniert das Handtuch geworfen. Weil der Verband durch viel zu viel Geld unregierbar geworden ist.
Ein Verband sollte nur so viel Geld einnehmen, wie für die Begleichung der laufenden Kosten erforderlich ist. Bei der letzten Sanierung ist festgelegt worden, dass das Verbandsvermögen höchstens zwei Millionen Franken betragen sollte. Durch einen in der Geschichte einmaligen Geldregen durch zwei WM-Turniere liegen in den Geldspeichern des Verbandes inzwischen mehr als zehn Millionen Franken. Die Versicherung bezahlte den Gewinn der abgesagten WM 2020 und die WM 2026 in Zürich und Freiburg war ein durchschlagender Erfolg.
Bürokraten offensichtlich mit dem Verwaltungsrat verbündet
Viel Geld ist gefährlich: Kritiker monieren, um die Verbandshonigtöpfe habe sich inzwischen in der Geschäftsstelle eine Clique gebildet, die in Lohnexzessen schwelge. Präsident Urs Kessler wollte jedenfalls einen Personalstopp und die Folge war eine Aufstockung der Personalkosten um weitere gut 700'000 Franken.
Unser Verband leistet sich inzwischen die teuerste Verbandsadministration in Europa. Das Problem: Der Präsident kann sich gegen den Apparat der Administration nicht mehr durchsetzen. Weil sich die Bürokraten offensichtlich mit dem Verwaltungsrat verbündet haben, der zuletzt als oberstes Gremium offenbar alle unliebsamen Reformvorschläge, die in Arbeit ausarten könnten, und alle Sparmassnahmen blockierte.
Keine Schonfrist
Marc Lüthi hat nur eine Chance, wenn er im siebenköpfigen Verwaltungsrat – anders als seine Vorgänger – eine Mehrheit mit vier Stimmen schmieden kann. Die einem neuen Amtsinhaber zustehende Schonfrist von 100 Tagen hat er nicht. Wenn es ihm bis Ende Oktober nicht gelingt, eine Verwaltungsratsmehrheit für die Absetzung von Verbands-Geschäftsführer Martin Baumann zu finden, hat er schon verloren und wird ein Operetten-Präsident wie seine Vorgänger.
Der streitbare ehemalige SCB-Manager ist so etwas wie die letzte Hoffnung: Wenn er sich nicht durchsetzen und die längst fälligen Reformen – unter anderem eine Neuausrichtung der Swiss League – anstossen kann: Wer dann? Die Einwände, er habe doch bisher nur den SCB und die höchste Liga im Auge gehabt, sind billig: Dafür wurde er ja bezahlt.
Nun kann sich Lüthi ums Gesamtwohl unseres Hockeys kümmern. Die Strukturprobleme des Hockeys ausserhalb der boomenden National League kennt er sehr wohl und die Lösungen in vielen Bereichen auch. Aber eben: Er kann zum ersten Mal in seiner Macher-Karriere nicht als «Alleinherrscher», sondern nur im Kollektiv mit einer Mehrheit im Verwaltungsrat durchregieren. Allein ist er gegen den Verbands–Apparat machtlos.
Üben, mit Engelszungen zu reden
Diese Mehrheit zu finden ist seine erste ganz grosse Herausforderung. In Bern war er in einer so starken Position, dass alle etwas von ihm wollten oder sich mit ihm gut stellen mussten, um den Job zu behalten. Beim Verband aber ist keiner auf ihn angewiesen, keinem kann er etwas bieten, nicht einmal ein SCB-VIP-Abonnement. Das letzte Wort hat er zum ersten Mal nicht mehr, sondern das Verwaltungsrats-Kollektiv.
Es bleibt Marc Lüthi nichts anderes, als noch einmal seinen Macchiavelli zu lesen und zu üben, mit Engelszungen zu reden. Oder noch einfacher: Als eine Art «Friedrich Merz des Hockeys» hin und wieder zu reden und ganz anders zu handeln. So wie es in der Politik üblich ist.
