Jetzt sieht Fischer seinen Fehler ein: «Würde ich so sicher nicht mehr machen»
Kontroverser wurde eine Trainerentlassung im Schweizer Sport wahrscheinlich noch nie diskutiert. Kurz vor der Heim-WM im Mai musste Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer gehen, nachdem er einem Journalisten verraten hatte, dass er während der Corona-Pandemie mit einem gefälschten Impfzertifikat an die Olympischen Spiele 2022 nach Peking gereist war.
In einem Statement im Juni stellte sich Fischer als Opfer dar – obwohl er es war, der gegen das Gesetz verstossen hatte, später erwischt und verurteilt wurde. Nun hat der 50-Jährige entweder seine Strategie geändert oder er zeigt wirklich Einsicht. In Interviews mit den Zeitungen von CH Media und mit dem Blick sagte Fischer, er habe Schuldgefühle: «Ich habe einen Fehler gemacht, und ich habe ihn unzählige Male durchdacht. Es tut mir leid für alle, die wegen mir leiden mussten.»
«Das alles ist auf meinem Mist gewachsen»
Es sei gleichzeitig schön gewesen, zu merken, «wie wir als Familie zusammengehalten haben». Mit seiner persönlichen Situation habe er umgehen können; zu sehen, wie das Umfeld litt, sei schwieriger gewesen. «Meine Eltern, meine Frau, mein Sohn, meine Freunde. Sie alle waren auch betroffen. Und ich weiss: Das alles ist auf meinem Mist gewachsen. Das ist kein schönes Gefühl. Wir alle haben die Dynamik dieses Sturms völlig unterschätzt.»
Angesprochen auf eine Aussage des neuen SRF-Direktors Roger Elsener, er würde mit Fischer gerne einen Kaffee trinken, meinte dieser: «Unbedingt.» Er erinnerte daran, was den Fall überhaupt ins Rollen gebracht hatte: «Schauen Sie, noch einmal: Der Ursprungsfehler lag bei mir. Was SRF mit dieser Information machte – das war ihre Entscheidung. Und diese gilt es zu akzeptieren. (…) Wenn wir alle die Zeit zurückdrehen könnten, würden wir wohl alle einige Dinge ändern.»
Nach dem Mittagessen mit dem SRF-Reporter, an dem Fischer von der Zertifikatsfälschung erzählte, hätten er und der Verband das Gespräch mit dem Fernsehen suchen sollen. «Ich denke, das hätten wir glätten können. Dieser Fehler ist sicher auf unserer Seite entstanden.»
Anfangs dachte Fischer, es könne noch einen Weg zurück geben
Rückblickend würde er sich anders verhalten, meinte Fischer in Bezug auf die Pandemie. Er habe damals auf sein Inneres gehört und selbst entscheiden wollen, was in seinen Körper gelangt und was nicht, dazu stehe er bis heute. «Aber 100 Prozent meinen Weg zu gehen, hätte bedeutet zu sagen: Ich gehe nicht nach China an die Olympischen Spiele. Ich habe diesen Spagat probiert – und das würde ich so sicher nicht mehr machen.»
Nach der Entlassung habe er etwa zwei Wochen gebraucht, um sie zu akzeptieren, erzählt Fischer weiter. Anfangs sei er noch überzeugt gewesen, dass es einen Weg zurück gibt. «Das dachte ich tatsächlich. Auch weil die Empörung unter den Spielern und Trainern und eines grossen Teils der Fans so gross war. Aber irgendwann realisierte ich: Nein, das geht nicht. Dann sagte ich auch den Spielern: «Lasst es laufen. Wir akzeptieren es, wie es ist.»
Neues Projekt als Privat-Coach
Unter anderem ein Brief von Captain Roman Josi, der intern bleiben sollte und umgehend öffentlich wurde, habe ihm gutgetan. «Ich habe gespürt, Spieler und Staff wären wirklich gerne mit mir an diese Heim-WM.» Mittlerweile habe er mit dem Thema abgeschlossen und seinen inneren Frieden gefunden. «Ich empfinde die gemeinsame, zehnjährige Geschichte als grösser als das Ende», betonte Patrick Fischer. Mit dem Staff habe er bei sich zuhause im Garten einen Abschluss gehabt und von den Spielern habe er ein Geschenk erhalten, das ihn sehr gefreut habe.
Ob er ins Eishockey zurückkehrt, liess Fischer offen. «Ich mache bewusst eine Pause. Wie lange, sehen wir dann. Es kann sein, dass ich irgendwann wieder in einer Eishalle stehe, es kann auch sein, dass es nie mehr passiert.»
Das nächste Kapitel in seinem Leben lautet ab dem Herbst: Privat-Coach. Zusammen mit einem «Powerteam» begleite er Menschen auf ihrem persönlichen Weg: «Im Zentrum stehen Körper und Mentalität: Wie lösen wir versteckte Blockaden, die uns immer wieder bremsen? Wie gehen wir mit Überforderung und Druck um? Und wie schaffen wir es, auch dann präsent und in unserer Ruhe zu bleiben, wenn es rundherum schnell und anspruchsvoll wird? Denn für mich sind Klarheit, Präsenz und Energie die entscheidenden Superpowers.»
Fischer spricht mit seinem Angebot bewusst nicht nur Spitzensportler an. Jede und jeder habe unglaublich viel zu tragen: «Die entscheidende Frage ist: Wie kann ich all das meistern und trotzdem noch Energie haben für die Freizeit?»
Ob sein Ruf gelitten habe, sei schwierig zu beantworten. Er sei sich bewusst, dass viele Leute von ihm enttäuscht seien, und stolz sei er nicht auf die Urkundenfälschung. «Ich bin überzeugt: Wenn man die «Marke» Fischer wegnimmt von der Geschichte mit Corona und sich fragt: Wofür steht er? Ist er einer, der Menschen weiterbringt? Dann sage ich zu hundert Prozent: ja!» (ram)
