Sport
Eismeister Zaugg

Der Fall Fischer – eine Sperre im Niemandsland zwischen Justiz und Moral

Patrick Fischer, der ehemalige Trainer der Schweizer Eishockey Nationalmannschaft, aufgenommen bei seinem Referat am Liechtensteiner Unternehmertag, am Dienstag, 30. Juni 2026, in Vaduz. (KEYSTONE/Gia ...
Patrick Fischer wurde vom IIHF vier Jahre gesperrt.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Der «Fall Fischer» – eine Sperre im Niemandsland zwischen Justiz und Moral

Fünf Jahre bis und mit 2030 für alle IIHF-Wettbewerbe (WM, Olympia) gesperrt: Das ist das Urteil des internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) im Fall Fischer. Alles klar? Nein.
10.09.2026, 21:0111.09.2026, 07:18

Was den Fall grundsätzlich so heikel macht: Die Basis für die Sperre für alle IIHF-Wettbewerbe wie WM- und Olympiaturniere (im Originalton: «all IIHF Competitions») ist eine nach schweizerischem Strafrecht erfolgte Verurteilung wegen Urkundenfälschung (gefälschtes Impfzertifikat im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2022). Die Busse hat Patrick Fischer bezahlt. Der Fall ist damit juristisch in der Schweiz abgeschlossen. Aber das Problem dabei: Mit dem gefälschten Zertifikat hat er Gesetze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verletzt: Das Impfzertifikat war die Voraussetzung für die Zulassung zu den Olympischen Spielen in Peking.

Ist in diesem Falle eine vierjährige Sperre – also ein vierjähriges internationales Arbeitsverbot als Trainer - verhältnismässig? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Aber Olympische Winterspiele finden nur alle vier Jahre statt. Eine Sanktion gegen eine Missachtung von Olympischen Gesetzen hat nur dann einen Sinn, wenn sie vier Jahre umfasst. Deshalb eine Sperre von vier Jahren. So jedenfalls sagt es ein IIHF-Insider.

Dass Patrick Fischer bis 2030 nicht mehr als Nationaltrainer für die Schweiz oder ein anderes Land arbeiten kann, hat für ihn keine existenzielle Bedeutung. Viel interessanter sind die Auswirkungen auf eine Tätigkeit im nationalen Hockey. Denis Vaucher sagt als Manager der National League klipp und klar: «Einer Tätigkeit von Patrick Fischer in einem Klub steht aufgrund des IIHF-Urteils meines Erachtens nichts im Wege.» Schränkt aber ein: «Wir wissen allerdings noch nicht, wie Swiss Sports Integrity den Fall beurteilt.» Das ist der entscheidende Punkt.

Swiss Sport Integrity (SSI) ist die unabhängige nationale Organisation für die Bekämpfung von Doping und sonstigen Missständen im Schweizer Sport. Sie kann Dopingkontrollen, Ermittlungen und Untersuchungen durchführen und Sanktionen bzw. Sperren aussprechen. SSI bestätigt den «Fall Fischer»: «Swiss Sport Integrity hat den Entscheid der IIHF ebenfalls erhalten und wird ihn nun rechtlich würdigen.» Diese Würdigung bzw. ein Urteil dürfte auf sich warten lassen. SSI gilt als chronisch überlastet. Der Verband (Swiss Ice Hockey) wäscht sich in der Sache die Hände in Unschuld und teilt mit: «Wir wurden von der IIHF über die vierjährige Sperre von Patrick Fischer informiert. Unsere interne Untersuchung ist abgeschlossen. Wir sind im Austausch mit Swiss Sport Integrity (SSI). SSI prüft unabhängig, ob und welche weiteren Abklärungen oder Massnahmen gemäss dem Ethik-Statut des Schweizer Sports notwendig sind.»

Eine SSI-Sperre von Patrick Fischer für die Tätigkeit als Coach könnten die Klubs nicht ignorieren. Alle Klubs – auch jene der juristisch sonst eigenständigen National League – sind Mitglieder des Verbandes und unterstehen daher der SSI-Rechtshoheit.

KARLSTAD, SWEDEN 20240210 Schweiz head coach Patrick Fischer during Saturday s Ice hockey, Eishockey match in the Beijer Hockey Games Euro Hockey Tour between Sweden and Switzerland in Löfbergs Arena. ...
Kurz vor der Heim-WM wurde Fischer entlassen.Bild: IMAGO/TT

Was also, wenn auch SSI Patrick Fischer sperrt? Womöglich auch gleich für vier Jahre? Ein solches Urteil hätte so unabsehbare Folgen wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die Anwälte würden auf den Tischen tanzen. Denn es würde sich um ein vierjähriges Arbeitsverbot auf der juristischen Basis einer gesühnten Straftat handeln. Und dann wäre ja noch die Frage zu klären: Was bedeutet juristisch eine Sperre als Coach? Was genau ist ein Coach? Ist er auch ein Coach, wenn er nicht als solcher auf dem Matchblatt eingetragen ist und nur mit verschränkten Armen neben der Spielerbank steht?

Coach ist keine geschützte und juristisch präzise Berufsbezeichnung. Und was ist mit der Funktion eines Assistenten, Managers, Verwaltungsrates, Beraters? Und wenn seine Tätigkeit unter die Sperre fällt – wie sind dann die Sanktionen? Werden er und/oder der Klub, der ihn beschäftigt, nur gebüsst? Oder gehen die Spiele forfait verloren, bei denen er an der Bande stand oder verdeckt hinter einer Säule im Stadion war?

Patrick Fischer, head coach of Switzerland national ice hockey team, talks to his players, during the men's ice hockey preliminary round game between Czech Republic and Switzerland at the Nationa ...
Fischer reiste 2022 mit einem gefälschten Impfzertifikat an die Olympischen Spiele.Bild: keystone

Im Fall Fischer handelt es sich um einen heiklen Fall im Niemandsland zwischen Moral und Justiz. Moralisch wäre eine Sperre für die Gralshüter des Sportes erwünscht, juristisch hingegen mit grösster Wahrscheinlichkeit unhaltbar. Weil es sich um ein Berufsverbot handelt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde ein solches Berufsverbot auf der Basis einer bereits gesühnten Straftat (Urkundenfälschung) einer Klage vor einem zivilen Gericht nicht standhalten.

Das einfachste Urteil, auch sportpolitisch akzeptabel, wäre für Swiss Sport Integrity wohl, einfach die IIHF-Sperre für IIHF-Turniere zu bestätigen und nicht auf das nationale Hockey auszudehnen. Unabhängig von SSI-Sperren ist für Patrick Fischer eine Tätigkeit bei Klubs in allen anderen Ländern als der Schweiz uneingeschränkt möglich. Also beispielsweise auch in der nordamerikanischen NHL. Die SSI-Macht endet in diesem speziellen Fall an unseren Landesgrenzen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister
1 / 14
HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister
HC Davos: 31 Titel, 6 seit 1986; zuletzt Meister: 2015.
quelle: keystone / ennio leanza
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Despacito mit Eishockey-Spielern
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
52 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ruudi65
10.09.2026 22:31registriert Februar 2022
Der Eismeister hat es immer noch nicht verstanden. Krass.

Fischer wird dafür gesperrt, dass er mit dem gefälschten Zertifikat an die Junioren WM reiste, an die Olympiade und an die Herren WM nach Finnland.

Dreimal hat er sich, mit dem gefälschten Zertifikat über Teilnahmebedingungen hinweggesetzt. Vermutlich musste er auch stets unterschreiben, dass er geimpft ist, um überhaupt eine Teilnahmeberechtigung zu erhalten. Deshalb wird er bestraft, und nur deshalb, dass er die Fälschung benutzte. Den Erwerb der Fälschung interressiert den IIHF nicht, den verurteilte die Schweizer Justiz.
16815
Melden
Zum Kommentar
avatar
Balabar
10.09.2026 21:59registriert September 2017
Wir haben ja tatsächlich schon lange nichts mehr gehört von der Causa Rechtfertigung Fischers. Er kann ja Seminare leiten oder so. Oder treichlen.
10415
Melden
Zum Kommentar
avatar
Scrat
10.09.2026 22:38registriert Januar 2016
Ja, es ist ein hartes, aber auch nachvollziehbares Urteil. Wenn jeder sich verhalten kann, wie er will, ohne dass das Konsequenzen zur Folge hat, dann können wir gleich wie gefühlt bei der FIFA alle Verhaltens- und Ethikregeln über Bord werfen.

Patrick Fischer hat (ganz bewusst) kapitalen Mist gebaut. Dafür muss er jetzt halt den Kopf hinhalten.

Und er ist „nur“ von den Wettbewerben ausgeschlossen, kann und darf aber im Hintergrund weiter tätig sein - und wenn‘s halt administrative Arbeiten im Backoffice sind.
878
Melden
Zum Kommentar
52
Ambri-Rückzug sorgt für Probleme: Die Women's League startet in eine schwierige Saison
Die Women’s League startet am Wochenende mit sieben Teams in die neue Saison. Der kurzfristige Rückzug von Ambri-Piotta sorgt dabei nicht nur für einen abgespeckten Spielplan, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen auf.
Neu dabei ist Lausanne. Die ambitionierten Waadtländerinnen haben den Aufstieg geschafft und sorgen mit namhaften Verstärkungen für frischen Wind. Unter anderem kamen die bisherigen Berner Leistungsträgerinnen Maija Otamo und Clara Rozier sowie vom PWHL-Champion Montréal Victoire die Kanadierin Maya Labad. Dennoch dürfte es schwierig werden, ganz vorne mitzuspielen. Auch Neuchâtel Academy wird eher um die hinteren Ränge kämpfen.
Zur Story