Der «Fall Fischer» – eine Sperre im Niemandsland zwischen Justiz und Moral
Was den Fall grundsätzlich so heikel macht: Die Basis für die Sperre für alle IIHF-Wettbewerbe wie WM- und Olympiaturniere (im Originalton: «all IIHF Competitions») ist eine nach schweizerischem Strafrecht erfolgte Verurteilung wegen Urkundenfälschung (gefälschtes Impfzertifikat im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2022). Die Busse hat Patrick Fischer bezahlt. Der Fall ist damit juristisch in der Schweiz abgeschlossen. Aber das Problem dabei: Mit dem gefälschten Zertifikat hat er Gesetze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verletzt: Das Impfzertifikat war die Voraussetzung für die Zulassung zu den Olympischen Spielen in Peking.
Ist in diesem Falle eine vierjährige Sperre – also ein vierjähriges internationales Arbeitsverbot als Trainer - verhältnismässig? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Aber Olympische Winterspiele finden nur alle vier Jahre statt. Eine Sanktion gegen eine Missachtung von Olympischen Gesetzen hat nur dann einen Sinn, wenn sie vier Jahre umfasst. Deshalb eine Sperre von vier Jahren. So jedenfalls sagt es ein IIHF-Insider.
Dass Patrick Fischer bis 2030 nicht mehr als Nationaltrainer für die Schweiz oder ein anderes Land arbeiten kann, hat für ihn keine existenzielle Bedeutung. Viel interessanter sind die Auswirkungen auf eine Tätigkeit im nationalen Hockey. Denis Vaucher sagt als Manager der National League klipp und klar: «Einer Tätigkeit von Patrick Fischer in einem Klub steht aufgrund des IIHF-Urteils meines Erachtens nichts im Wege.» Schränkt aber ein: «Wir wissen allerdings noch nicht, wie Swiss Sports Integrity den Fall beurteilt.» Das ist der entscheidende Punkt.
Swiss Sport Integrity (SSI) ist die unabhängige nationale Organisation für die Bekämpfung von Doping und sonstigen Missständen im Schweizer Sport. Sie kann Dopingkontrollen, Ermittlungen und Untersuchungen durchführen und Sanktionen bzw. Sperren aussprechen. SSI bestätigt den «Fall Fischer»: «Swiss Sport Integrity hat den Entscheid der IIHF ebenfalls erhalten und wird ihn nun rechtlich würdigen.» Diese Würdigung bzw. ein Urteil dürfte auf sich warten lassen. SSI gilt als chronisch überlastet. Der Verband (Swiss Ice Hockey) wäscht sich in der Sache die Hände in Unschuld und teilt mit: «Wir wurden von der IIHF über die vierjährige Sperre von Patrick Fischer informiert. Unsere interne Untersuchung ist abgeschlossen. Wir sind im Austausch mit Swiss Sport Integrity (SSI). SSI prüft unabhängig, ob und welche weiteren Abklärungen oder Massnahmen gemäss dem Ethik-Statut des Schweizer Sports notwendig sind.»
Eine SSI-Sperre von Patrick Fischer für die Tätigkeit als Coach könnten die Klubs nicht ignorieren. Alle Klubs – auch jene der juristisch sonst eigenständigen National League – sind Mitglieder des Verbandes und unterstehen daher der SSI-Rechtshoheit.
Was also, wenn auch SSI Patrick Fischer sperrt? Womöglich auch gleich für vier Jahre? Ein solches Urteil hätte so unabsehbare Folgen wie das Öffnen der Büchse der Pandora. Die Anwälte würden auf den Tischen tanzen. Denn es würde sich um ein vierjähriges Arbeitsverbot auf der juristischen Basis einer gesühnten Straftat handeln. Und dann wäre ja noch die Frage zu klären: Was bedeutet juristisch eine Sperre als Coach? Was genau ist ein Coach? Ist er auch ein Coach, wenn er nicht als solcher auf dem Matchblatt eingetragen ist und nur mit verschränkten Armen neben der Spielerbank steht?
Coach ist keine geschützte und juristisch präzise Berufsbezeichnung. Und was ist mit der Funktion eines Assistenten, Managers, Verwaltungsrates, Beraters? Und wenn seine Tätigkeit unter die Sperre fällt – wie sind dann die Sanktionen? Werden er und/oder der Klub, der ihn beschäftigt, nur gebüsst? Oder gehen die Spiele forfait verloren, bei denen er an der Bande stand oder verdeckt hinter einer Säule im Stadion war?
Im Fall Fischer handelt es sich um einen heiklen Fall im Niemandsland zwischen Moral und Justiz. Moralisch wäre eine Sperre für die Gralshüter des Sportes erwünscht, juristisch hingegen mit grösster Wahrscheinlichkeit unhaltbar. Weil es sich um ein Berufsverbot handelt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde ein solches Berufsverbot auf der Basis einer bereits gesühnten Straftat (Urkundenfälschung) einer Klage vor einem zivilen Gericht nicht standhalten.
Das einfachste Urteil, auch sportpolitisch akzeptabel, wäre für Swiss Sport Integrity wohl, einfach die IIHF-Sperre für IIHF-Turniere zu bestätigen und nicht auf das nationale Hockey auszudehnen. Unabhängig von SSI-Sperren ist für Patrick Fischer eine Tätigkeit bei Klubs in allen anderen Ländern als der Schweiz uneingeschränkt möglich. Also beispielsweise auch in der nordamerikanischen NHL. Die SSI-Macht endet in diesem speziellen Fall an unseren Landesgrenzen.
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