Zug oder Leonardo Genoni als «Beruhigungspille»
Wir müssen einmal die Namen aufzählen, um zu verstehen, wie reich Zug von den Hockey-Göttern an helvetischen Verteidigern gesegnet ist: Livio Stadler, Raphael Diaz, Mischa und Tobias Geisser, Samuel Guerra, Elia Riva, Eric Schneller und Nic Balestra. Sie hätten alle auch bei anderen NL-Teams einen Platz. In Zugs Abwehr steckt die unbezahlbare Erfahrung aus mehr als 500 Junioren-Länderspielen, 200 Länderspielen, 22 Junioren-Weltmeisterschaften und 11 Weltmeisterschaften – für die Schweiz.
Die Zuger könnten es sich im Sinne des Spektakels und der Weiterentwicklung der eigenen Talente sogar leisten, auf einen ausländischen Verteidiger zu verzichten. Okay, das wäre schon etwas riskant. Aber ein ausländischer Abwehrspieler würde bei Weitem reichen.
Nun ist mit Jacob Moverare ein dritter (!) ausländischer Verteidiger, statt eines zusätzlichen ausländischen Mittelstürmers verpflichtet worden. Obwohl die offensive Feuerkraft letzte Saison um 47 Tore zurückgegangen ist und mit 127 Treffern so gering war wie nie seit über 20 Jahren (seit der Saison 2003/04). Vorletzte Saison hatte Zug die beste Offensive der Liga. Letzte Saison waren zehn Teams offensiv besser. Noch Fragen? Ja schon: Wäre es unter Umständen besser, einen zusätzlichen ausländischen Stürmer, statt eines defensiven Defensivverteidigers zu verpflichten? Aber wir wollen nicht grübeln.
Zug baut in schwierigen Zeiten eine defensive Maginot-Linie. Lieber den defensiven Spatzen in der Hand als eine offensive Taube auf dem Dach. Lieber solides, langweiliges Handwerk als offensives Spektakel. Meisterschaften werden ja in der Defensive entschieden. Na also! Aber das reicht noch nicht zur Beruhigung.
Die «Beruhigungspille», die in Zugs aufgewühltem Umfeld tatsächlich wenigstens vorübergehend Wirkung zeigen wird, folgt hingegen bald. Stellen wir uns vor, ein Torhüter ist zu haben, der die Schweiz schon vier Mal in den WM-Final gehext hat, der in drei WM-Finals in 60 Minuten nur einen einzigen Treffer zugelassen hat, der bei der WM MVP, bester Torhüter und im All-Star-Team war, der schon sieben Mal nationale Titel gefeiert hat und als erfolgreichster Goalie unserer Geschichte gilt. Selbst sein Alter – er wird beim Saisonstart 39 sein – ist kein Grund zur Sorge. Wenn sich also Zug die Dienste eines solchen Goalie-Titanen weiterhin sichern kann, dann beruhigen sich die Gemüter («… komme was wolle, wir haben noch den Genoni»).
Tatsächlich ist Leonardo Genoni transfertechnisch bald zu haben. Sein Vertrag läuft im nächsten Frühjahr aus. Er pflegt seine Zukunft frühzeitig zu regeln, damit er nicht ständig Fragen nach seinen Zukunftsplänen beantworten muss und sich auf sein Spiel konzentrieren kann.
Die Zuger werden also zeitnah den Vertrag mit Leonardo Genoni mindestens um ein Jahr bis 2028 verlängern. Oder andersherum gesagt: Leonardo Genoni wird in Zug verlängern. Hinter der nun mit drei ausländischen Verteidigern hochgerüsteten Abwehr kann er auf mehr Hilfe von seinen Vordermännern zählen als letzte Saison und mit etwas ruhigeren Abenden rechnen. Mindestens zwei bis drei Jahre kann er so oder so weiterhin sein bestes Hockey spielen. Dominik Hasek gewann im Alter von 43 Jahren seinen zweiten Stanley Cup und pflegte einen wesentlich aufwändigeren Stil als Leonardo Genoni.
Mit Leonardo Genoni nicht rechtzeitig zu verlängern, würde für Zug bedeuten, in der schwierigsten Phase seit dem Wiederaufstieg auf die Seele und eine dringend erforderliche «Beruhigungspille» zu verzichten. Und wenn er nicht verlängern sollte, dann kann Präsident Hans-Peter Strebel aufflammende Polemik um «sein» OYM («der Genoni hat halt die Nase voll vom OYM …») nur eindämmen, wenn er Leonardo Genoni als Anlagewart beim OYM anstellt.
