Wie in einem Hollywood-Film: Weihnachtsessen des Personals. Der Samichlaus tritt auf. Gelächter. Glänzende Laune. Der Mann mit Bart und Zipfelmütze verschwindet und nun betritt die wohl charismatischste Persönlichkeit unseres Hockeys die Bühne. Nationaltrainer Patrick Fischer. Der doppelte WM-Silberheld. Er kennt die Befindlichkeiten im Fuchsbau des Verbandes und weiss, wie unbeliebt Stefan Schärer ist. Aber nicht einmal die Klubgeneräle der 14 NL-Klubs haben es geschafft, den intern so unpopulären Präsidenten zum Rücktritt zu bewegen. Er hängt an seinem Amt. Aber Patrick Fischer schafft es mit einem einzigen Auftritt.
Mit tosendem Applaus wird die Idee einer Streikdrohung des Verbandspersonals beim Weihnachtsessen in der Beiz umgesetzt. Der letzte Revoluzzer, der in Zürichs Beizen einen Umsturz vorbereitet hat, war vor mehr als hundert Jahren Wladimir Iljitsch Lenin im Niederdorf. Müsste die Absetzung von Stefan Schärer verfilmt werden, müsste Leonardo DiCaprio Stefan Schärer und Brad Pitt Patrick Fischer spielen und Yul Brynner aus jüngeren Jahren die Rolle von Liga-Manager Denis Vaucher übernehmen.
Die Arbeit ist am 5. und 6. Dezember in den Verbandsbüros nicht niedergelegt worden. Stefan Schärer hat kapituliert und sein Amt per sofort niedergelegt. Polemisch auf den Punkt gebracht: Der Nationaltrainer, sonst eigentlich hockeypolitisch freundlich und zurückhaltend, stürzt seinen obersten Dienstherrn. Er ist also mächtiger als der Präsident. Er ist der mächtigste Mann in unserem Hockey. Was zur Frage führt: Ist dieser Verband unregierbar? Herrscht Chaos, wenn ein charismatischer Angestellter mehr Einfluss hat als der oberste Chef?
Die Antwort ist denkbar einfach und harmlos: Kein Problem. Alles im grünen Bereich. Ja, der von Patrick Fischer so souverän «gecoachte» Machtkampf ist ein gutes Zeichen für unser Hockey. Das Erfolgsgeheimnis unseres Hockeys war nämlich schon immer der Aufstand gegen den Staat. Gegen den Zentralismus. Gegen zu viel Macht der Verbands-Bürogeneräle.
Der Eishockey-Verband (neumödisch: Swiss Ice Hockey) ist zwar als Aktiengesellschaft konstituiert, aber in Wirklichkeit eine lose Gemeinschaft mit immer wieder wechselnden Machtverhältnissen, kernigen Intrigen und teilweise kaum unter einen Hut zu bringenden Interessen, der in Deutschland soeben gestürzten Ampel-Regierung nicht ganz unähnlich.
Einerseits prägt moderner, forscher Sportkapitalismus mit einer Liga aus 14 Profiteams und mehr als 250 Millionen Umsatz im Jahr unser Hockey. Andererseits gilt es die nicht profitorientierten Interessen zu wahren: Die Ausbildung der jungen Spieler, der Trainer oder der Schiedsrichter, die sorgfältige Pflege der politischen Beziehungsplantagen zwecks Erhalt von staatlichen Fördergeldern und Bau von Infrastrukturen und schliesslich und endlich die Organisation der verschiedenen Nationalmannschaftsprogramme um im internationalen Spielbetrieb (WM-Turniere, Olympische Spiele) mitzumischen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die National League mit den 14 Profiklubs heute als Aktiengesellschaft zwar juristisch vom Verband unabhängig ist, mit dem lukrativen TV- und Marketingvertrag für die höchste Liga die wichtigste Geldquelle (gut 30 Millionen im Jahr) kontrolliert, aber trotzdem ohne die Dienstleistungen und den politischen Support des Verbandes nicht sein kann. Deshalb besteht zwischen der Liga und dem Verband ein Kooperationsvertrag. Die Aushandlung dieses Kontraktes dauerte ziemlich genau gleich lang wie einst vor etwas mehr als hundert Jahren die Verhandlungen zum Abschluss des Friedensvertrages von Versailles.
Genau diese komplizierten Strukturen machen unser Hockey stark. Die Gefahr einer einseitigen Entwicklung in eine falsche Richtung ist weitgehend gebannt: Immer wieder kommt es rechtzeitig zu Korrekturen aus dieser oder jener Abteilung. Durch das Fehlen einer starken Zentralmacht haben einzelne Abteilungen grosse Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Zusammenarbeit zwischen dem Profibereich (National League) und der übrigen Hockeyszene funktioniert in der Schweiz besser als in den meisten anderen Hockeynationen. Weil die hohe Kunst des Kompromisses in unserer guteidgenössischen Natur liegt.
Letztlich ist die politisch-administrative Basis unseres Hockeys genau so wie das Spiel: Die Fetzen fliegen schon mal, gefoult und provoziert wird nicht zu knapp. Aber am Ende reichen sich eben doch alle die Hand. Weil die Leidenschaft für dieses unberechenbare Spiel auf rutschiger Unterlage doch alle eint. Und genau so rutschig ist eben auch das politische Hockey-Parkett.
Wer wird nun neuer Präsident? Das ist eigentlich unerheblich. Je kleiner sein Ego ist (oder desto besser er seine Eitelkeit unter den Scheffel zu stellen versteht), desto einfacher wird er es haben. Das Verbandspräsidium ist ein politisch-repräsentatives Amt und wenn sich der Vorsitzende zu sehr ins Tagesgeschäft einmischt – auch wenn er es gut meint – kommt es in der Regel zum Eklat. Wie soeben geschehen.
Für das Amt eignet sich am besten ein älterer weisser Mann mit abgeschlossener Vermögensbildung, der sich idealerweise durch erfolgreiches Wirken bei einem Klub den Respekt der Klubgeneräle erarbeitet hat, sich die Zeit nimmt, den Vertreterinnen und Vertretern der Basis (Amateurhockey) zuzuhören und mit Gelassenheit durchs Fegefeuer der Eitelkeiten schreitet. Kurzum: eine Integrationsfigur. Sozusagen der König unseres Hockeys.
P.S. Ein Spassvogel – wichtig ist, dass der Humor nicht zu kurz kommt - hat schon einen Kandidaten vorgeschlagen: Bis auf weiteres führt der bisherige Vize Marc-Anthony Anner den Verband. Der Vorschlag, er solle doch einfach so lange im Amt bleiben, bis mit Franz A. Zölch der charismatische ehemalige Liga-Vorsitzende, ein Mann mit langer Hockey-Erfahrung und besten Beziehungen in Wirtschaft und Politik, für eine Wahl zur Verfügung stehe, ist wohl doch als Scherz einzustufen und kann wahrlich nicht ernstgenommen werden. Aus besonderen juristischen und praktischen Gründen ist Franz A. Zölch vorerst noch nicht wählbar.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
5,2
09.22
5,2
09.23
5,2
01.24
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
Er ist
Er kann
Erwarte