Der Trainer hat die Geduld verloren – Biels grösstes Talent muss gehen
Stell dir vor, einer punktet fast (aber nur fast) wie Roman Josi und ist das grösste Talent des Teams. Aber sein Klub will ihn nicht mehr. Der NHL-Draft Rodwin Dionicio hat bereits dreieinhalb Jahre Nordamerika-Erfahrung und letzte Saison in 49 Partien schier unglaubliche 27 Punkte produziert. Er gehört zu den wenigen Spielern mit Schweizer Pass, die ein Spiel entscheiden können. Das Problem: Er entscheidet fast jedes Spiel. Aber manchmal auch gegen das eigene Team. Aber er ist ja erst 22. Da wird es doch wohl möglich sein, ihm taktische Flötentöne beizubringen.
In Biel ist der Entscheid gefallen. Definitiv. Offiziell gibt es natürlich keine Bestätigung. Aber hundert Prozent verlässliche Gewährsleute melden aus dem Seeland: Cheftrainer Christian Dubé wird Rodwin Dionicio nicht mehr einsetzen. Entweder verbringt das Jahrzehnttalent die Saison auf der Tribüne oder ein anderes Team übernimmt seinen noch bis Ende der nächsten Saison laufenden Vertrag.
Sein umtriebiger Agent Sven Helfenstein sucht also einen neuen Arbeitgeber. Was nun, da Biel entschieden hat, sich von seinem schillernden Schillerfalter zu trennen, nicht mehr so schwierig sein dürfte. Er versucht, für seinen Klienten bei einem neuen Klub gleich einen Mehrjahresvertrag herauszuschlagen.
Martin Steinegger wird nicht mehr auf einem Tauschgeschäft bestehen. Alle Klubs der höchsten Liga können nun Rodwin Dionicio ohne Gegengeschäft (ohne Spielertausch) verpflichten. Biels Sportchef kann es sich leisten, seinen begabtesten jungen Verteidiger ziehen zu lassen: Er hat mit Finn Bichsel (19) bereits das nächste ganz grosse Talent am Start. Der Bruder des NHL-Titanen Lian Bichsel (22) hat zwar erst 13 NL-Partien bestritten. Aber er wird im Laufe der kommenden Saison nicht «nur» bei den Junioren und beim Partnerteam Olten rocken.
Ist Rodwin Dionicio ein guter Transfer? Ja. Erstens gilt: Es sind nie die schlechtesten Früchte, woran die Wespen der Kritik nagen. Zweitens: Im Alter von 22 Jahren war der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger in seiner ersten ganzen NL-Saison hinter Lukas Frick (51 Spiele/36 Punkte), Yannick Rathgeb (51/30) und Michael Fora (32/28) der viertproduktivste Verteidiger mit Schweizer Lizenz. Er hat sein Potenzial noch bei Weitem nicht ausgeschöpft.
Viel wichtiger als seine Punkte ist sein Einfluss auf das Spieltempo. Sobald er den Puck übernimmt, verändert sich der Rhythmus einer Partie. Gegner müssen reagieren, Mitspieler beginnen zu laufen. Er ist ein Spieler für alle, die beim Eishockey die Möglichkeit des Unerwarteten lieben. Seine Bewunderer sagen, er gehöre zu den seltenen Verteidigern, die den Puck nicht bloss nach vorne transportieren, sondern Geschichten mit ihm erzählen. Ein Haken, ein Richtungswechsel, ein Pass durch eine Lücke, die andere gar nicht sehen – plötzlich kippt das Spiel. Wo andere absichern, greift er an. Wo andere den einfachen Weg wählen, sucht er den schwierigeren. Manchmal wird daraus ein Kunstwerk. Manchmal ein Gegenangriff.
Gut betreut, richtig gecoacht und eingesetzt, kann er in den nächsten drei Jahren zum besten Offensivverteidiger der Liga reifen. Mit seinen Spektakelvorstössen sorgt er für beste Unterhaltung und damit hat er ideale Voraussetzungen, um zum Publikumsliebling zu werden. Das Publikum will ja unterhalten werden.
Kritiker monieren, der «Betreuungs-Aufwand» sei einfach zu gross. Rodwin Dionicio sei ein spielerischer Freigeist, halte sich an keine taktischen Anweisungen und es sei für einen Coach halt schon sehr schwierig, den übrigen Spielern zu erklären, warum sich einer alle Freiheiten nehmen darf.
Der in Newark geborene und in der Schweiz aufgewachsene Appenzeller besitzt eine ungewöhnliche Biografie. Seine hockeytechnische Ausbildung führte ihn früh aus der Komfortzone. Über Rapperswil-Jona und den SC Bern ging der Weg nach Kanada, wo er in der OHL auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe reifte, physischer wurde und lernte, dass Talent allein keinen Platz in der NHL garantiert.
Die Anaheim Ducks erkannten das Potenzial und wählten ihn 2023 im Draft in der fünften Runde. Aber die raue Welt im Farmteam (AHL) behagte dem Schillerfalter nicht und so ist er im Laufe der Saison 2024/25 vorzeitig in die Schweiz zurückgekehrt. Damit hat er die Brücken zur NHL abgebrochen. Obwohl er mit 189 Zentimetern und 94 Kilo kräftig genug für jede Liga der Welt ist.
Aber sogar ein Cheftrainer wie Christian Dubé, der wie kein anderer in der Liga den Künstlern taktische Freiheiten gewährt, hat die Geduld mit Rodwin Dionicio verloren. Das ist bemerkens- und bedenkenswert. Aber: No Risk, no Fun.
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