3 Punkte für Ambris Mut, aber zu viel Ambri in den ZSC Lions
Spitzenkampf! Allein dieses Wort erklärt alles. Der Klub, der für Leiden und Leidenschaft, für knappe spielerische und finanzielle Mittel steht, den selbst viele Experten im Tessin auf dem letzten Platz erwartet haben, begegnet einer der reichsten Hockey-Organisationen Europas von der ersten bis zur letzten Sekunde und bis zum 10. Penalty auf Augenhöhe bei fast ausgeglichener Schussstatistik (33:30 für die Zürcher). Ein Spiel, das gezeigt hat, warum die National League zu den besten Ligen der Welt gehört.
Wie ist das möglich? Dank weniger Romantik, weniger Folklore, kontrollierten Emotionen und dafür mit mehr Taktik, Disziplin, Nüchternheit und Realismus. Bei gleichbleibender Leidenschaft. Vieles ist in der Leventina im Herbst 2026 anders. Die Ausländer sind besser, das Spiel ist strukturierter und mit Jussi Tapola steht ein taktischer Zuchtmeister und kein leidenschaftlicher Anheizer an der Bande. Die neue taktische Stabilität macht beide Torhüter besser. Gilles Senn (in Zürich im Kasten) und Philip Wüthrich spielen konstant ihr bestes Hockey. Wenn die Defensive funktioniert, wird auch der hinterste Mann stärker. Beide Goalies profitieren von der neuen Ordnung.
Am deutlichsten lässt sich der Stilwechsel in einer Statistik ablesen. Ambri zählt traditionell zu den eher «Bösen» und war 2022/23 sogar das meistbestrafte Team der Liga. Jetzt ist Ambri das fairste Team der Liga (Strafminuten pro Spiel). Vor den ZSC Lions. Mit insgesamt 106 Minuten erheblich weniger sanktioniert als etwa Ajoie, Lausanne oder Biel, die schon über 200 Minuten auf dem Kerbholz haben. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie dokumentiert den Stilwechsel einer Mannschaft, die ihre Energie gezielter investiert und ihre Emotionen besser kontrolliert. Wer sich gut organisiert, muss den Gegenspieler nicht hinterherlaufen. Wer seine Emotionen im Griff hat (= Disziplin) sitzt seltener auf dem Sündenbänklein.
So spielt es keine Rolle, dass Ambri das schwächste Unterzahlspiel der Liga hat. Der erstaunlichste Wandel hat den Ursprung in einer Revolution, die im vergangenen Herbst praktisch die gesamte Führung aus den Ämtern fegte: Präsident, Geschäftsführer, Sportchef und Trainer. Ausgelöst durch präsidialen Verrat. Obmann Filippo Lombardi wollte hinter dem Rücken von Sportchef Paolo Duca Trainer Luca Cereda durch Christian Dubé ersetzen und provozierte so den Rücktritt seines Trainers und Sportchefs. Ohne diesen Verrat wäre ein so tiefgreifender Stilwechsel unmöglich gewesen.
Mit Lars Weibel und Jussi Tapola haben nun zwei ausgesprochene Pragmatiker die sportliche Führung übernommen. Sie stehen Ambris Kultur und den Spielern emotional nicht so nahe wie ihre Vorgänger Paolo Duca und Luca Cereda, die als Söhne des Tales ein Teil von Ambris Geschichte und nicht «nur» Trainer und Sportchef waren. Wer so stark mit seinem Klub verbunden ist, tut sich schwerer mit harten Entscheidungen und bringt mehr Emotionen, Aufregung und Nervosität in die Kabine.
Der Schwyzer Lars Weibel, der lieber schlau zu wenig als stürmisch zu viel tut und der Finne Jussi Tapola müssen keine Rücksicht auf Ambris Seele nehmen. Ihre Aufgabe ist es, Spiele zu gewinnen. Punkt. So lange öfters gewonnen als verloren wird, murrt niemand über Tapolas Führungsstil. Und immerhin hat er es verstanden, dem sensiblen Schillerfalter Inti Pestoni wieder Flügel zu machen und ihm soeben in Zürich 12:46 Minuten Eiszeit gewährt. Ein «Uhung», ein Grobian ist er offenbar doch nicht.
Wie weit tragen Taktik, Disziplin, Nüchternheit und Realismus diese Mannschaft? Funktioniert alles auch dann, wenn sich die Gegner auf Ambri eingestellt haben? Die spielerischen Mittel sind begrenzt. Kann es über eine längere Zeit tatsächlich ein leidenschaftliches und zugleich nüchternes, pragmatisches Ambri geben? Ist es nur ein kurzer Wahn, dem eine lange Reue folgen wird? Und wird es gelingen, Spieler wie Philip Wüthrich zu halten, die bei auslaufendem Vertrag durch den neuen Ruhm teurer werden?
Noch umweht den erstaunlichen Saisonstart der Hauch des Unglaublichen. Ambri an der Spitze, Ambri als taktisch disziplinierte Mannschaft, Ambri als Musterbeispiel nüchterner Effizienz: Das klingt immer noch eher nach einem Hockeymärchen als nach einer realistischen Beschreibung.
Und doch: Ambri war soeben in Zürich in jeder Beziehung auf Augenhöhe mit dem Tabellenführer. Die ZSC Lions, die so oft mit Tempo und Technik im Schmetterlingsstil gewonnen haben, mussten mit einer Leidenschaft kämpfen, die an Ambri mahnte. Wir können es auch so sagen: In den ZSC Lions steckte zu viel Ambri. Die Zürcher, die mehr Talent haben als jedes andere Team, sind auf einer Mission. Leicht geht vergessen, wie schwierig es bei so klarer Tabellenführung (14 Punkte Vorsprung) ist, die Dämonen des Schlendrians und der Genügsamkeit zu vertreiben.
Letztlich war es logisch, dass Denis Malgin die Differenz gemacht hat. Mit dem 3:2 und dann mit dem versenkten 9. und zweitletzten Penalty. Der vielleicht talentierteste Einzelspieler der Liga mit Schweizer Pass. Einer, den sich Ambri nicht wird leisten können.
Zu keiner Zeit haben wir «Schablonen-Hockey» gesehen. Aber gut strukturiertes, intensives, aktives, leidenschaftliches Hockey. Totales, modernes Hockey. Für seinen Mut hätte Ambri drei Punkte verdient. Am Ende bleibt es bei einem Punkt. Die Hockeygötter, die sonst die Mutigen belohnen, haben den couragierten Underdog schäbig behandelt. Aber vielleicht helfen sie Ambri ja am Samstagabend im Derby.
Für alle, die den Kick suchen
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