Warum Russland frühestens 2028 an die WM zurückkehren wird
Seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Russland durch den Internationalen Eishockey-Verband (IIHF) von allen Titelturnieren ausgeschlossen worden und hat die letzten fünf Weltmeisterschaften ab 2022 verpasst. Dagegen hat Russland beim obersten Sportgericht (CAS) geklagt und nun gewonnen. Das Urteil, das nun die ganze Hockeywelt ausserhalb der NHL in Aufruhr versetzt, ist bloss zwei A4-Seiten lang. Der IIHF wird zur Übernahme der Kosten und einem «Schmerzensgeld» in der Höhe von 10'000 Franken verdonnert (vgl. Urteil im Original).
Theoretisch müssten die Russen bereits zur WM 2027 in Deutschland (13. bis 30. Mai) zugelassen werden. Aber sie werden 2027 nicht dabei sein. Aus mehreren Gründen.
Erstens hat die Politik und nicht der Sport das letzte Wort. Die lettische Regierung untersagt beispielsweise sportliche Wettkämpfe gegen Russland. Es ist davon auszugehen, dass es auch in anderen Ländern zu politischem Widerstand gegen die Rückkehr der Russen kommen wird. Kommt dazu: Eine WM-Teilnahme ist nur möglich, wenn das Gastgeberland – in diesem Falle Deutschland – für die Spieler und Betreuer ein Einreisevisum ausstellt. Russische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger benötigen ein Visum. Der politische Widerstand gegen die Ausgabe dieser Visa wird in Deutschland erheblich sein. Kein anderes europäisches Land engagiert sich so stark für die Ukraine wie Deutschland.
Zweitens ist der Aufwand für die Organisatoren zu gross: Der Ticketverkauf hat bereits begonnen. Sollen die bereits gekauften Tickets für die Spiele der Ukraine nun für die Spiele der Russen gelten? Absurd.
Drittens ist damit zu rechnen, dass sich nicht nur die Letten (aufgrund des bindenden Regierungsbeschlusses) sondern die Spieler weiterer Länder weigern könnten, gegen Russland anzutreten. Der Widerstand gegen eine Teilnahme der Russen ist in Finnland, Schweden oder Tschechien kompromisslos.
Viertens hat der CAS letztlich keine wirksamen Möglichkeiten, die IIHF zu sanktionieren, wenn das Urteil nicht schon für 2027 umgesetzt wird.
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Alles in allem ist klar: Eine Rückkehr bereits für die WM 2027 ist völlig unrealistisch.
Die Lösung zeichnet sich bereits ab. Erst einmal Zeit gewinnen und dann einen Kompromiss finden. Der könnte so aussehen: eine teilweise Umsetzung des CAS-Urteils durch die Rückkehr Russlands zu den Titelturnieren der Junioren und der Frauen für das Jahr 2027.
In der Zwischenzeit geht es darum, mit der französischen Regierung die Teilnahme der Russen für das Olympische Turnier 2030 und die WM 2028 in Frankreich auszuhandeln. In erster Linie geht es dabei um die Visum-Frage.
Der Schweizerische Eishockeyverband (SIHF) ist in der komfortablen Lage des neutralen Zuschauers. Die Stellungnahme zur Sache ist diplomatisch gehalten und trägt die Handschrift des neuen Verbandspräsidenten Marc Lüthi.
Ganz ohne Folgen für die Schweiz wäre eine WM-Rückkehr der Russen allerdings nicht: Russland würde in der Gruppe der Schweizer mit Finnland, Schweden, Deutschland, Lettland, Österreich, Slowakei und Ukraine ausgerechnet die Ukraine (Nummer 19 der Weltrangliste) ersetzen. Die Russen sind inoffiziell die Nummer 1, werden aber zurzeit nicht in der Weltrangliste geführt und so ist die Schweiz die Nummer 1. Eine Neueinteilung der Gruppen, die aufgrund sportlicher Kriterien vorgenommen wird, wäre also bei einer Rückkehr der Russen unumgänglich.
Nun ist es unerlässlich, mit den russischen Vertretern, den Siegern in diesem Rechtsstreit, an einen Tisch zu sitzen und gemeinsam Lösungen zu finden. Im Unterschied zur Politik, die Gespräche mit den Russen in fast allen Fällen ausschliesst.
Der ganze Fall entlarvt einmal mehr eine unsägliche Heuchelei. Dort, wo Hockey Big Business ist – in der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) mit einem Gesamtumsatz von knapp sieben Milliarden Dollar pro Saison – sind die Russen hochwillkommen. 54 Russen verdienen diese Saison ihr Geld in 27 der 32 NHL-Organisationen. Ihre Gesamtlohnsumme beträgt knapp 250 Millionen Dollar – und niemanden stört die Präsenz der Russen in der wichtigsten und mächtigsten Liga der Welt. Die russischen Stars werden in den USA und Kanada gefeiert oder kritisiert wie die Spieler jeder anderen Nation. So ist das halt: Money talks.
So ziemlich alle Hockey-Landesverbände haben in ihren Satzungen die politische Neutralität festgeschrieben. Es ist Zeit, diesen Passus ersatzlos zu streichen. Weil er völlig weltfremd ist und nicht eingehalten werden kann. Sport ist immer in dieser oder jener Form politisch.
