Sport
Eismeister Zaugg

Ajoies Daniel Carr schlägt Gaëtan Haas nieder – lange Sperre droht

Jeff Skinner (EHCB). unten, kaempft um den Puck mit Yonas Berthoud (HCA) im Spiel der Eishockey National League zwischen EHC Biel-Bienne, EHCB, und HC Ajoie, HCA, vom Freitag, 16. Oktober 2026 in Tiss ...
Yonas Berthoud von Ajoie und Jeff Skinner vom EHCB im Duell.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Ajoie demütigt Biel – Hockey zwischen «Ballett und Mord»

So verstörend haben wir allerhöchste Kunst und rohste Gewaltanwendung in einem einzigen Spiel noch nie erlebt. Zumindest nicht in diesem Jahrhundert. Erst wird Biel von Ajoie ausgetanzt und später vaterländisch verprügelt. Mit 140 Strafminuten in einer einzigen Szene.
17.10.2026, 15:0217.10.2026, 17:08

Kanadas Dichterfürst Al Purdy, berühmt für seine direkte Schreibweise, hat sich wie kein anderer Poet mit Hockey befasst. Von ihm stammt die berühmte Definition von Hockey: «Eine Mischung aus Mord und Ballett». In diesen Worten im Gedicht «Hockey Players» aus dem Jahre 1965:

«And how do the players feel about it this combination of ballet and murder?»
Al Purdy

Mord und Ballett. So hat es Kanadas Gotthelf der rauen Prärie und der endlosen Wälder, der Elche und der Wölfe, auf den Punkt gebracht. Zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Die eine lebt von lichter Eleganz, die andere von finsterer Gewalt. Im Eishockey können sie aufeinanderprallen. Im Opernhaus nicht. Was Al Purdy meinte, lässt sich kaum besser erklären als mit Ajoies Sieg in Biel (5:2).

Mark Sever (EHCB), rechts, kaempft um den Puck mit Kevin Fey (HCA) im Spiel der Eishockey National League zwischen EHC Biel-Bienne, EHCB, und HC Ajoie, HCA, vom Freitag, 16. Oktober 2026 in Tissot Are ...
Ajoie hatte die Nase klar vorn.Bild: keystone

Ajoie hat von allen Teams am wenigsten Geld zur Verfügung. Kunst ist im Eishockey fast unerschwinglich teuer. Es ist nicht bloss erstaunlich, es ist schier unfassbar, wie die Jurassier die Bieler zwei Drittel lang austanzen. Ihr Spiel ist federleicht, fast schwerelos, der Puck wird gestreichelt, nicht geschlagen und flitzt wie von Zauberhand gesteuert in Direktkombinationen von Stock zu Stock. Ballett. Jeder Laufweg hat seinen Sinn wie eine geplante Abfolge von Bewegungen. Jeder Pass scheint Teil eines grösseren Planes. Eiskunstlauf, Eisballett mit Torabschluss. Die Bieler laufen hinterher. Catch me if you can.

Orchestriert von hinten heraus von den Gebrüdern Anttoni und Julius Honka und vorne ausgefächert von Julius Nättinen, Jerry Turkulainen, Kristian Tanus und vom alten, eingebürgerten kanadischen Fuchs Philip-Michaël Devos. Trainer Ville Peltonen, mehr Anhänger der Hockeykunst als skandinavischer Schablonist, mischt seine Künstler so geschickt mit seinen Handwerkern, dass dieses spielerische Feuerwerk konstant zündet. Zuletzt haben die Sowjets in den 1960er und 1970er Jahren so gezaubert wie Ajoie in den ersten 30 Minuten in Biel. Und niemand vermag zu sagen, ob die Jurassier je wieder solche 30 Minuten zelebrieren werden.

Torhueter Harri Saeteri (EHCB), rechts, kaempft um den Puck mit Anttoni Honka (HCA) im Spiel der Eishockey National League zwischen EHC Biel-Bienne, EHCB, und HC Ajoie, HCA, vom Freitag, 16. Oktober 2 ...
Anttoni Honka gegen Biels Torhüter Harri Säteri.Bild: keystone

Die Bieler werden immer verzweifelter. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache. So wie es immer ihre Art ist. Keine Spur von Resignation. Und sie haben den Gegner auch nicht unterschätzt. Im Gegenteil. Sie wissen, dass eine Niederlage die Krise verschärfen wird. Aber sie sind hilflos. Hilflos gegen Ajoie! Hat es das je gegeben? Wahrscheinlich nicht.

Und dann verschwindet diese Herrlichkeit nach 45 Minuten und 8 Sekunden mit einem Donnerschlag. Aus Kunst, aus Ballett wird eine der heftigsten Schlägereien die unser Hockey je gesehen hat. Da sich mehrere Paare bilden, sind die guten Schiedsrichter nicht mehr dazu in der Lage, alle Rangeleien rechtzeitig zu unterbrechen. Der üble Höhepunkt ist der fürchterliche Faustschlag von Daniel Carr gegen den Kopf des bereits wehrlos auf dem Eis knienden Gaëtan Haas. Selbst im rauen Männersport Hockey ist eine solche extreme Form der Brutalität äusserst selten.

Die Szene im Video.Video: extern/National League/MySports

Der Kanadier kassiert mit dieser Aktion 50 Strafminuten: einmal fünf Minuten für den Faustkampf inkl. Restausschluss plus noch einmal fünf Minuten und Restausschluss für diesen Faustschlag. Gaëtan Haas hat wegen einer Gehirnerschütterung fast eine ganze Saison (2024/25) verloren und nun diese Schläge gegen den Kopf. Trainer Christian Dubé sagte nach dem Spiel, es sei fraglich, ob sein Captain sofort wieder spielen könne.

Kurz und bündig: Ajoies Daniel Carr, Jesse Zgraggen und Valentin Pilet sowie Biels Gaëtan Haas und Lias Andersson werden in der 46. Minute unter die Dusche geschickt. Die Prügeleien werden mit 140 Strafminuten sanktioniert. Daniel Carr ist vorläufig für ein Spiel gesperrt und ein Verfahren wird eröffnet. Fünf weitere Spielsperren müssten eigentlich die Folge sein. Mindestens.

Die Highlights des Spiels.Video: YouTube/HC Ajoie

Was diese heftige Schlägerei so erstaunlich macht: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es nur drei Zweiminutenausschlüsse gegeben. Es ist keine dieser gehässigen, durch Provokationen in allen möglichen Situationen aufgeladenen Partien, die eine gröbere Prügelei unvermeidlich machen.

Diese Eskalation kommt wie ein Dieb in der Nacht. Scheinbar lautlos, unerwartet und mit verheerender Wirkung. Aber die Ruhe war eine trügerische gewesen. Bis unters Dach hinauf ist zu spüren, dass sich da, obwohl es kaum Strafen gibt, etwas zusammenbraut. Die Bieler sind im ersten Drittel schwindlig gespielt worden und bei 6:11 Torschüssen 1:3 in Rückstand geraten. Ab der ersten Pause versuchen sie es mit der Brechstange: 20:5 Torschüsse im zweiten und 20:8 im dritten Drittel. Aber Torhüter Antoine Keller, ein robuster, wehrhafter Titan (191 cm) stoppt die Pucks mit stoischer Ruhe (Fangquote 95,65 Prozent). Obwohl er immer heftiger angegangen wird.

Im Eishockey ist es zwar eine Tugend, den gegnerischen Torhüter zu bedrängen. Aber der Schutz des eigenen Goalies eben auch oberstes Gebot. Er ist der wichtigste Einzelspieler. Kein Team der Welt nimmt wiederholte Angriffe gegen seinen letzten Mann hin. Es sind diese im Hockey nicht unüblichen «Nadelstiche» der Bieler gegen Antoine Keller, die mehr und mehr die Stimmung aufladen. Die Schlägerei bricht denn auch nach einer weiteren Rempelei gegen Antoine Keller aus.

Und Al Purdy, im Jahre 2000 verstorben, hätte, wäre er am Freitagabend in Biel gewesen, festgestellt, dass er mit seinem Gedicht den Nerv dieses Spiels getroffen hat.

P.S. Einige Präsidenten sollten ihre Sportchefs während der Nationalmannschafts-Pause Anfang November mal fragen, wie es eigentlich sein kann, dass ausgerechnet Ajoie mit so wenig Geld die besseren Ausländer und auch noch den besten der jungen Torhüter der Liga unter Vertrag hat.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister
1 / 14
HCD, SCB, ZSC und? Diese Klubs wurden schon Schweizer Hockey-Meister
HC Davos: 31 Titel, 6 seit 1986; zuletzt Meister: 2015.
quelle: keystone / ennio leanza
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Despacito mit Eishockey-Spielern
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
HCD fügt ZSC die 1. Niederlage zu + SCB verliert Derby + Kloten nicht mehr Letzter
Der HC Davos stoppt die Rekordserie der ZSC Lions, Kloten beendet seine Heimflaute und Inti Pestoni führt Ambri-Piotta zum nächsten Sieg. Das sind die Fakten der National-League-Runde vom Dienstagabend.
Für einmal erwachen die Löwen zu spät. Im 13. Saisonspiel verlieren die ZSC Lions zum ersten Mal – 2:3 gegen den HC Davos. Erst im letzten Drittel drücken die Zürcher richtig, doch ausser dem 2:3 durch Mikko Lehtonen schaut nichts Zählbares heraus. Kimo Gruber vergibt alleine vor HCD-Goalie Sandro Aeschlimann, Captain Patrick Geering trifft nur den Pfosten.
Zur Story