Ajoie demütigt Biel – Hockey zwischen «Ballett und Mord»
Kanadas Dichterfürst Al Purdy, berühmt für seine direkte Schreibweise, hat sich wie kein anderer Poet mit Hockey befasst. Von ihm stammt die berühmte Definition von Hockey: «Eine Mischung aus Mord und Ballett». In diesen Worten im Gedicht «Hockey Players» aus dem Jahre 1965:
Mord und Ballett. So hat es Kanadas Gotthelf der rauen Prärie und der endlosen Wälder, der Elche und der Wölfe, auf den Punkt gebracht. Zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Die eine lebt von lichter Eleganz, die andere von finsterer Gewalt. Im Eishockey können sie aufeinanderprallen. Im Opernhaus nicht. Was Al Purdy meinte, lässt sich kaum besser erklären als mit Ajoies Sieg in Biel (5:2).
Ajoie hat von allen Teams am wenigsten Geld zur Verfügung. Kunst ist im Eishockey fast unerschwinglich teuer. Es ist nicht bloss erstaunlich, es ist schier unfassbar, wie die Jurassier die Bieler zwei Drittel lang austanzen. Ihr Spiel ist federleicht, fast schwerelos, der Puck wird gestreichelt, nicht geschlagen und flitzt wie von Zauberhand gesteuert in Direktkombinationen von Stock zu Stock. Ballett. Jeder Laufweg hat seinen Sinn wie eine geplante Abfolge von Bewegungen. Jeder Pass scheint Teil eines grösseren Planes. Eiskunstlauf, Eisballett mit Torabschluss. Die Bieler laufen hinterher. Catch me if you can.
Orchestriert von hinten heraus von den Gebrüdern Anttoni und Julius Honka und vorne ausgefächert von Julius Nättinen, Jerry Turkulainen, Kristian Tanus und vom alten, eingebürgerten kanadischen Fuchs Philip-Michaël Devos. Trainer Ville Peltonen, mehr Anhänger der Hockeykunst als skandinavischer Schablonist, mischt seine Künstler so geschickt mit seinen Handwerkern, dass dieses spielerische Feuerwerk konstant zündet. Zuletzt haben die Sowjets in den 1960er und 1970er Jahren so gezaubert wie Ajoie in den ersten 30 Minuten in Biel. Und niemand vermag zu sagen, ob die Jurassier je wieder solche 30 Minuten zelebrieren werden.
Die Bieler werden immer verzweifelter. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache. So wie es immer ihre Art ist. Keine Spur von Resignation. Und sie haben den Gegner auch nicht unterschätzt. Im Gegenteil. Sie wissen, dass eine Niederlage die Krise verschärfen wird. Aber sie sind hilflos. Hilflos gegen Ajoie! Hat es das je gegeben? Wahrscheinlich nicht.
Und dann verschwindet diese Herrlichkeit nach 45 Minuten und 8 Sekunden mit einem Donnerschlag. Aus Kunst, aus Ballett wird eine der heftigsten Schlägereien die unser Hockey je gesehen hat. Da sich mehrere Paare bilden, sind die guten Schiedsrichter nicht mehr dazu in der Lage, alle Rangeleien rechtzeitig zu unterbrechen. Der üble Höhepunkt ist der fürchterliche Faustschlag von Daniel Carr gegen den Kopf des bereits wehrlos auf dem Eis knienden Gaëtan Haas. Selbst im rauen Männersport Hockey ist eine solche extreme Form der Brutalität äusserst selten.
Der Kanadier kassiert mit dieser Aktion 50 Strafminuten: einmal fünf Minuten für den Faustkampf inkl. Restausschluss plus noch einmal fünf Minuten und Restausschluss für diesen Faustschlag. Gaëtan Haas hat wegen einer Gehirnerschütterung fast eine ganze Saison (2024/25) verloren und nun diese Schläge gegen den Kopf. Trainer Christian Dubé sagte nach dem Spiel, es sei fraglich, ob sein Captain sofort wieder spielen könne.
Kurz und bündig: Ajoies Daniel Carr, Jesse Zgraggen und Valentin Pilet sowie Biels Gaëtan Haas und Lias Andersson werden in der 46. Minute unter die Dusche geschickt. Die Prügeleien werden mit 140 Strafminuten sanktioniert. Daniel Carr ist vorläufig für ein Spiel gesperrt und ein Verfahren wird eröffnet. Fünf weitere Spielsperren müssten eigentlich die Folge sein. Mindestens.
Was diese heftige Schlägerei so erstaunlich macht: Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es nur drei Zweiminutenausschlüsse gegeben. Es ist keine dieser gehässigen, durch Provokationen in allen möglichen Situationen aufgeladenen Partien, die eine gröbere Prügelei unvermeidlich machen.
Diese Eskalation kommt wie ein Dieb in der Nacht. Scheinbar lautlos, unerwartet und mit verheerender Wirkung. Aber die Ruhe war eine trügerische gewesen. Bis unters Dach hinauf ist zu spüren, dass sich da, obwohl es kaum Strafen gibt, etwas zusammenbraut. Die Bieler sind im ersten Drittel schwindlig gespielt worden und bei 6:11 Torschüssen 1:3 in Rückstand geraten. Ab der ersten Pause versuchen sie es mit der Brechstange: 20:5 Torschüsse im zweiten und 20:8 im dritten Drittel. Aber Torhüter Antoine Keller, ein robuster, wehrhafter Titan (191 cm) stoppt die Pucks mit stoischer Ruhe (Fangquote 95,65 Prozent). Obwohl er immer heftiger angegangen wird.
Im Eishockey ist es zwar eine Tugend, den gegnerischen Torhüter zu bedrängen. Aber der Schutz des eigenen Goalies eben auch oberstes Gebot. Er ist der wichtigste Einzelspieler. Kein Team der Welt nimmt wiederholte Angriffe gegen seinen letzten Mann hin. Es sind diese im Hockey nicht unüblichen «Nadelstiche» der Bieler gegen Antoine Keller, die mehr und mehr die Stimmung aufladen. Die Schlägerei bricht denn auch nach einer weiteren Rempelei gegen Antoine Keller aus.
Und Al Purdy, im Jahre 2000 verstorben, hätte, wäre er am Freitagabend in Biel gewesen, festgestellt, dass er mit seinem Gedicht den Nerv dieses Spiels getroffen hat.
P.S. Einige Präsidenten sollten ihre Sportchefs während der Nationalmannschafts-Pause Anfang November mal fragen, wie es eigentlich sein kann, dass ausgerechnet Ajoie mit so wenig Geld die besseren Ausländer und auch noch den besten der jungen Torhüter der Liga unter Vertrag hat.
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