Tristan Scherwey und die Frage: Illusionen oder Zeitwende beim SCB?
Der SCB stürmt endlich, endlich, endlich befreit von taktischen Schablonen zu einem 5:2 gegen Davos. Eine schöne Polemik wird verdorben. Und Kultstürmer Tristan Scherwey ist im Niemandsland zwischen Romantik und Realität angekommen. Einfaches, geradliniges Hockey.
Das ist alles, was es für das «Wunder von Bern» braucht.
Und dieses 5:2 gegen den Playoff-Finalisten ist gefühlt ein Wunder. Die Berner halten sich länger in der gegnerischen Zone auf als in den vorangegangen «skandinavischen» Jahren in 20 Partien. Das Publikum ist von dem gebotenen Spektakel begeistert. Am Ende wird die Mannschaft (fast) gefeiert wie nach einer gewonnenen Meisterschaft. Im September.
Und eine aufgelegte Polemik ist verdorben.
Der neue SCB-Trainer Serge Aubin schickt Kultstürmer Tristan Scherwey (35) auf die Tribüne. Niemand kann sich erinnern, dass es seit seinem SCB-Debüt im Herbst 2009 je zu einer solchen Degradierung gekommen ist. Wenn ein neuer Trainer ein Zeichen setzen will, dass nun eine andere Zeitrechnung begonnen hat, dann lässt er einen Helden der Vergangenheit zuschauen. Als Machtdemonstration. Dann weiss jeder, wo der Hammer hängt. «Nein», entgegnet Aubin auf eine entsprechende Frage. «Wir haben zum Glück keine verletzungsbedingten Absenzen und deshalb können nicht alle spielen. Dann muss ich als Coach einen harten Entscheid fällen.» Es sei ein gesunder Konkurrenzkampf. Ob Scherwey beim nächsten Spiel am Dienstag in Kloten ins Team zurückkehrt, könne er noch nicht sagen.
Natürlich erklärt jeder Trainer, der bei Sinnen ist, diese Situation so. Und auch jeder Spieler, der dieses Geschäft kennt, akzeptiert einen solchen Entscheid und hütet sich vor einer öffentlichen Kritik. Selbst dann, wenn er zutiefst im Stolz verletzt sein sollte. Das weiss auch Scherwey nach mehr als 900 Partien für den SCB.
Aber Aubin gelingt es offensichtlich, das Team mit einem internen Konkurrenzkampf zu stimulieren ohne einen Star wie Scherwey zu verärgern. Auf der Tribüne sitzt nämlich auch Scherweys Agent Gaëtan Voisard. Wird einem seiner Klienten Unrecht getan, dann spricht er Klartext. Aber er ist nicht beunruhigt: «Serge Aubin hat seinen Entscheid sehr gut, direkt, offen und ehrlich kommuniziert. Es gibt keinerlei Verstimmung.»
Ach, es wäre eine schöne Polemik gewesen, wenn nun ausgerechnet einer mit Scherweys Kragenweite und Schuhgrösse bereits mit dem Trainer übers Kreuz liegen würde. Der Vertrag des wohl populärsten SCB-Spielers seit Renato Tosio läuft Ende Saison aus. Er wird im Mai 36.
Was wird aus Tristan Scherwey?
Sein Agent ist Realist: «Natürlich würde er gerne eine weitere Saison in Bern spielen und dazu ist er auch in der Lage. Aber wir können nicht einfach mit einer Vertragsverlängerung rechnen. Er wird sich nun Gedanken darüber machen müssen, was er will. Ob er allenfalls seine Karriere bei einem anderen Klub fortsetzen will. Aber das ist ein heikler Entscheid…»
Wohl wahr. In Bern ist er eine Legende und diesen Status würde er mit einem Karriereherbst bei einem anderen Klub zwar nicht ganz, aber halt schon zu einem Teil verlieren. Scherwey ist nun im Niemandsland zwischen Romantik (irgendwo weiterspielen) und Realität (Karriere in Bern beenden und einen neuen Lebensabschnitt beginnen) angekommen. Wenn schon keine Polemik, so gibt es nun immerhin von Zeit zu Zeit die Gelegenheit einer «Wasserstands-Meldung» zu seinen verschiedenen Karriere-Optionen.
Dazu passt, dass der SCB auch ohne seinen Vorkämpfer über die Davoser hinwegbraust. Scherseys Absenz hat keinerlei Auswirkungen. Beim SCB hat tatsächlich eine neue Zeitrechnung begonnen.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Es gibt noch eine Szene aus diesem ersten Heimspiel, die Hoffnung macht, dass der SCB in die Spitzengruppe der Lige stürmen kann: In der 6. Minute hat Rodrigo Abols auf der linken Seite auf einmal freie Bahn. Nach ein paar kraftvollen Schritten trifft er unhaltbar zum 1:0. Der erste Treffer des Letten für den SCB. In den Vorbereitungsspielen war er noch einer der langsamsten ausländischen Stürmer der Liga. Nun nimmt er offensichtlich Fahrt auf. Er sagt, es sei eben nicht einfach, nach einer so langen Verletzungspause wieder in Schwung zu kommen. Er hatte sich am 17. Januar mit Philadelphia im Spiel gegen die Rangers einen Wadenbeinbruch und eine Verletzung des Sprunggelenkes zugezogen. Und auf eine entsprechende Frage sagt er: «Ja, ich werde noch schneller.»
Sollte er auch.
Wenn das der Fall ist, dann kann der freundliche Riese (193 cm/93 kg) dem SCB mit seiner grossen Reichweite und Wasserverdrängung und als Bully-Spezialist in den nächsten drei Jahren vorne und hinten viel helfen. So lange läuft sein Vertrag.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
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Der SCB rockt beim Saisonauftakt wie nie mehr seit im Sommer 2016 skandinavische Trainer das Schablonenhockey eingeführt haben. Zweimal zinste das taktisch geprägte Hockey mit Titeln (2017 und 2019 mit Kari Jalonen). Aber dabei sind die Emotionen mehr und mehr verloren gegangen. Nun hatte die Renaissance der alten, der ewigen SCB-Tugenden auf das Publikum beim ersten Heimspiel die gleiche Wirkung wie ein stürmischer Landregen auf die Natur in diesem trockenen Sommer. 34 Torschüsse gegen den HCD. Letzte Saison hatte der SCB nur in zwei Partien noch mehr Abschlüsse: Zweimal gegen Ajoie. Beim ersten Heimspiel mit dem gleichen Mut und Selbstvertrauen gegen ein Spitzenteam wie letzte Saison nur gegen Ajoie.
Wahrlich, ein Wunder.
Oder ist es nur ein schöner Abend, der Illusionen weckt? Nein.
Wenn selbst einer mit der ruhmreichen Vergangenheit wie Scherwey ohne zu murren auf der Tribüne Platz nimmt und sich auch sein Agent darüber nicht beklagt und die Sache positiv sieht – dann ist es eine Zeitenwende.
