Nach zwei deutlichen Siegen: Die bisherigen Gewinner und Verlierer der Nati-Kampagne
Es ist bemerkenswert, mit welcher Souveränität die Schweizer Nationalmannschaft nahtlos an die WM anschloss und erfolgreich in die Nations League startete. Weder die verletzungsbedingten Ausfälle von Ruben Vargas und Denis Zakaria noch der Wirbel um die gefälschten Impfzertifikate von Captain Granit Xhaka und Breel Embolo konnten dem Team von Trainer Murat Yakin auf dem Platz etwas anhaben.
Nach dem überzeugenden 3:0 gegen ein zugegeben schwaches Nordmazedonien lösten die Schweizer auch die vermeintlich schwierige Aufgabe im Hampden Park in Glasgow mit einem 3:0 ebenfalls äusserst souverän. Neben den üblichen «Verdächtigen» wie Nico Elvedi, Remo Freuler, Johan Manzambi oder Dan Ndoye überzeugten in den beiden Spielen auch andere.
Die Gewinner
Zeki Amdouni
Zu den grossen Gewinnern zählt Zeki Amdouni. In Abwesenheit von Stammstürmer Embolo nutzte der 25-jährige Genfer die Chance, die ihm Yakin bot. Zwei Toren und einer Vorlage gegen Nordmazedonien liess er einen weiteren Treffer in Glasgow folgen. In 35 Länderspielen hat Amdouni nunmehr 14 Mal getroffen.
Nach einer schwierigen Zeit mit einem Kreuzbandriss im vergangenen Jahr nimmt er einen neuen Anlauf – im Nationalteam, aber auch im Klub. Den Abstieg von Burnley konnte er aufgrund seiner Verletzung nicht verhindern. Auch eine Liga tiefer in der Championship läuft es für die Nordengländer bislang nicht nach Wunsch. Nach acht Runden steht für das Tabellenschlusslicht noch kein Sieg zu Buche. Die Hoffnungen ruhen auf Amdouni. In den letzten drei Spielen vor dem Zusammenzug hat der Romand zweimal getroffen. Er dürfte auch in den Spielen gegen Slowenien und Nordmazedonien zum Zug kommen.
Ardon Jashari
Genau umgekehrt läuft es im Klub für Ardon Jashari. Während die AC Milan mit zwei Punkten Rückstand auf Leader AS Roma im 5. Rang klassiert ist, kumuliert der zentrale Mittelfeldspieler gerade mal 80 Meisterschaftsminuten. Zuletzt schmorte er zweimal 90 Minuten auf der Bank. Bei seinem Startelfeinsatz in der Champions League setzte es eine 0:2-Heimniederlage gegen Benfica Lissabon ab. Nach dem schnellen Aufstieg der letzten Jahre von Luzern über Brügge nach Mailand muss der Spielmacher zum ersten Mal mit Gegenwind klarkommen.
Umso bemerkenswerter waren seine Auftritte im Nationaltrikot. Von fehlender Spielpraxis oder dem Druck, seinen guten Freund Granit Xhaka zu ersetzen, war nichts zu sehen. Jashari strahlte im Zentrum Ruhe aus, gestaltete zusammen mit Remo Freuler das Spiel und liess sich auch vom Hexenkessel Hampden Park nicht aus dem Konzept bringen. Jashari hat nun zwei weitere Partien Zeit, um sich zu präsentieren und im Rennen um die begehrten Plätze im zentralen Mittelfeld Argumente für weitere Einsätze zu sammeln.
Zachary Athekame
Die rechte Abwehrseite ist seit dem Rücktritt von Stephan Lichtsteiner eine Problemstelle im Schweizer Nationalteam. Murat Yakin probierte verschiedene Varianten aus, zuletzt beorderte er immer wieder den gelernten zentralen Mittelfeldspieler Denis Zakaria auf die Position. An der WM spielten auch Silvan Widmer und Luca Jaquez als Rechtsverteidiger. Der 33-jährige Widmer gab nach der WM seinen Rücktritt aus dem Nationalteam bekannt. Jaquez und Zakaria fehlen im ersten Zusammenzug.
So erhielt Zachary Athekame seine Chance und bestritt seine ersten beiden Länderspiele. Und der 21-Jährige, der im Sommer von Milan zu Olympique Lyon gewechselt ist, wusste bei seinem Debüt gegen Nordmazedonien mit zwei Torvorlagen so zu gefallen, dass ihn Murat Yakin auch gegen Schottland in die Startelf beorderte. Athekame überzeugte nicht nur mit seinem Defensivverhalten, sondern setzte auch offensiv immer wieder Akzente und entpuppte sich als wahre Verstärkung und Alternative auf der Problemposition.
Die Verlierer
Granit Xhaka und Breel Embolo
Die selbstredend grössten Verlierer des ersten Zusammenzugs nach der WM sind die grossen Abwesenden Granit Xhaka und Breel Embolo. Um den Fokus und damit den Erfolg der Mannschaft nicht zu gefährden, entschied der Verband, die beiden verdienten Spieler nach ihren juristischen Problemen im Zusammenhang mit gefälschten Impfzertifikaten für die ersten vier Spiele der Nations League nicht aufzubieten.
Murat Yakin und Mediensprecher Adrian Arnold betonten zwar, dass die Tür weiter offen stehe und man die Lage im Hinblick auf den Zusammenzug im November neu beurteile. Doch auch wenn der Captain und der Stürmer eine Zukunft im Nationalteam haben sollten, bleiben gewisse Fragen offen. Die Frage, ob die Mannschaft auch ohne die beiden langjährigen Leistungsträger funktioniert, beantworteten Jashari, Amdouni und Co. eindrucksvoll.
Fabian Rieder
Zu den Verlierern gehört auch einer, den man auf den ersten Blick gar nicht dieser Kategorie zuordnen würde: Fabian Rieder. Der Mittelfeldspieler startete gegen Nordmazedonien auf dem linken Flügel und bekleidete gegen Schottland in der letzten halben Stunde die zentrale Position im offensiven Mittelfeld. Auf Rieders Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld setzte Yakin in Abwesenheit von Xhaka in beiden Spielen auf Jashari.
Bei seinem Klub Augsburg zeigt Rieder in dieser Saison, welchen Einfluss auf das Spiel er als Sechser nehmen kann. Im Nationalteam aber stehen ihm auf seiner Wunschposition andere vor der Nase. Solange Xhaka, Freuler und Jashari fit sind, dürfte sich daran wenig ändern. Womöglich steht bei Yakin selbst Vincent Sierro als zentraler Mittelfeldspieler höher in der Gunst als Rieder, dessen Flexibilität Fluch und Segen zugleich ist.
Winsley Boteli
Er kam mit der Empfehlung von 13 Toren und fünf Vorlagen in 15 Pflichtspielen und als Shootingstar der Super League zum Nationalteam. Gross waren die Vorschusslorbeeren für Winsley Boteli. Sein Können konnte der Stürmer des FC Sion jedoch noch nicht wirklich zeigen. Zwar kam der Genfer gegen Nordmazedonien zu seinem Debüt. Nach der Hälfte des Zusammenzugs stehen für den 20-Jährigen jedoch gerade mal vier Minuten zu Buche.
Der ambitionierte Stürmer, der vor kurzem im «Blick» verlauten liess, dereinst Alex Frei (42 Tore) als Schweizer Rekordtorschütze ablösen zu wollen, dürfte sich in Anbetracht seiner bestechenden Form und in Abwesenheit von Embolo mehr ausgerechnet haben. Noch stehen dem jungen Genfer aber andere vor der Sonne. Dennoch dürfte ihm die Zukunft in der Nationalmannschaft gehören. (riz/sda)
