Ein Puma zwischen Millionen und Träumen: Das ist Nati-Neuling Winsley Boteli
Die Suche kann Stunden dauern. Tage. Wochen. Oder auch ewig. Wer in Patagonien versucht, einen Puma zu erhaschen, braucht Glück. Zu selten sind die Tiere mittlerweile geworden. Ihre Rarität hat sie zu etwas Besonderem gemacht. Etwas Nicht-Alltäglichem.
So, wie die Suche im Schweizer Fussball nach einem Stürmer dauern kann, der eine Quote von 13 Toren und fünf Assists in den ersten 15 Ligaspielen aufweist. Einem Stürmer, der Treffsicherheit mit Agilität und Speed vereint. Einem Stürmer, der möglicherweise das Potenzial zum Weltformat hat. Einem Stürmer wie Winsley Boteli.
Als er in einem seiner noch wenigen, grossen Interviews vom Walliser Boten gefragt wird, mit welchem Tier er sich vergleichen würde, sagt der 20-Jährige: «Ich denke, ich wäre ein Puma. Etwas Raubkatzenhaftes, Intelligentes und Offensives.»
Als solcher bewegt er sich seit Juli 2025 durch den Schweizer Fussball, seit er von der Nachwuchsabteilung von Borussia Mönchengladbach zurück in die Schweiz zum FC Sion wechselte – erst noch auf Leihbasis.
Doch es benötigte ein Jahr in der Super League, bis wirklich alle den Puma Boteli zu sehen bekamen und seine Qualitäten erkannten. Seit dieser Spielzeit ist der im Genfer Quartier Plan-les-Ouates geborene Angreifer in aller Munde. Aufgrund seiner starken nationalen Quote und seiner drei Treffer in Amsterdam gegen Ajax, die trotz Sions Ausscheiden aus dem europäischen Geschäft beste Eigenwerbung für Boteli waren.
Und zu guter Letzt aufgrund der Summen, die in den letzten Wochen des Transfersommers für Boteli aufgerufen und von Sion-Präsident Christian Constantin öffentlich kommentiert wurden. 30 Millionen soll Galatasaray Istanbul geboten haben. Ganz Constantin-like hat man diese abgelehnt. Weil die finanziellen Verhältnisse der Familie Constantin das zulassen – aber auch, weil sowohl Papa Christian als auch Sportchef und Sohn Barth Constantin sich sicher sind: 30 Millionen sind noch nicht das Ende. Sie selbst hatten diesen Sommer 3,5 Millionen Euro nach Gladbach überwiesen, um Boteli fix zu verpflichten.
Tore und Traumsummen begleiten Boteli nun. «Ich hätte nie gedacht, dass diese Zahl öffentlich werden würde», sagt er in einem Interview mit «Le Nouvelliste» und zeigt damit, wie jung und vielleicht noch unbewandert Boteli im Umgang mit der Öffentlichkeit ist. Doch seine für sein Alter beeindruckende Reife und Erdung, die ihm alle nachsagen, die mit ihm zu tun haben, sorgt eben auch dafür, dass Boteli abgebrüht sagt: «Ob ich für 10, 40 oder 50 Millionen wechsle, das Geld landet eh nicht in meiner Tasche. Deshalb geht es mir mehr um den Traum dahinter.»
Eine gewöhnliche Familie mit zehn Geschwistern
Diesen Traum hat Boteli schon lange. Er könne nicht genau sagen, wann und wie die Liebe zum Fussball aufkam. «Mir scheint es, als wäre ich aus meiner Mutter herausgekommen und hätte diesen Sport direkt geliebt. Es hat etwas Unglaubliches. Es ist einfach so, dass der Fussball schon immer ein Teil von mir war.»
In der Jugend spielte er für Servette Genf, hatte ansonsten, wie er es sagt, eine gewöhnliche Kindheit. «Eine typisch afrikanische Familie mit vielen Menschen», so sagt er es. Der Vater stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, lebt getrennt von der Mutter. Mit beiden Elternteilen hat Boteli ein gutes Verhältnis, ebenso mit seinen zehn Geschwistern und den Stiefmüttern.
Mit dem Vater war die Bindung immer etwas enger. Besonders, seit dieser ihn nach Gladbach begleitet hat, als Boteli 2022 den nächsten Schritt im Fohlenstall machen wollte. Papa und Sohn Boteli wohnten dort zusammen, so wie sie das auch in Sitten tun. Christian Constantin hat dem Vater einen Job im FC Sion als Logistiker und Chauffeur beschafft. Im Wallis wissen sie um den Wert Botelis.
Gleiches gilt für das Schweizer Nationalteam. Erstmals wurde er in diesem Länderspielfenster von Murat Yakin aufgeboten, am Samstag in Nordmazedonien dürfte er sein Debüt feiern. Pflichtspielminuten würden Boteli an die Schweiz binden, auch wenn dies laut seinen eigenen Aussagen gar nicht nötig wäre. Für ihn habe es immer nur die Schweiz gegeben, weil er hier die Chance bekam, Fussball zu spielen. Und weil der Schweizer Fussballverband seine Bemühungen nicht erst intensivierte, als es ihm so richtig zu laufen begann – nicht wie der Verband des Kongos. Yakin sagt vielsagend über ihn: «Winsley würde in seiner aktuellen Verfassung vom Parkplatz ausserhalb des Stadions Tore schiessen (lacht). Wenn er diese Form in der Nati bestätigen kann, haben wir eine weitere sehr gute Option auf der Stürmerposition.»
Entsprechend dürfte Boteli zu mehr als ein paar Anstandsminuten kommen – auch weil Breel Embolo erst für das zweite Spiel zum Team stossen wird. Es würde ihm viel bedeuten. «Ich bin wie ein träumendes Kind. Ich wusste schon immer, was ich sein wollte: Fussballspieler. Und ich möchte der Welt beweisen, dass ich ein grosser Spieler werden kann.»
Die enge Bindung zum anderen Nati-Shootingstar
Das Debüt in der Nationalmannschaft wäre ein weiterer, bedeutender Schritt auf diesem Weg. In seiner ersten Woche hat er sich nahtlos eingefügt. Er hat darüber gescherzt, wie er «Legende» Ricardo Rodriguez gerne die Trikotnummer 13 abgeluchst hätte, aber zu viel Respekt hatte. Er hat von Embolo geschwärmt und davon, dass er sich freuen würde, dereinst an seiner Seite zu spielen und von ihm zu lernen. Und er hat das alles sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch getan, weil er in Gladbach rasch die Landessprache gelernt hat.
Geholfen bei der Ankunft im Nationalteam hat Boteli auch Johan Manzambi. Boteli sagt über sich selbst, dass er schüchtern sei, wenn er Leute und Umfeld nicht kenne. Dass er aber auch extrovertiert und emotional sei mit Menschen, die ihn kennen. So wie Manzambi eben. Seit Boteli acht Jahre jung war, kennen sich die beiden Shootingstars der Nationalmannschaft. Einst drückten sie in einer Sportklasse gar gemeinsam die Schulbank, heute bezeichnen sie sich gegenseitig als Brüder.
Möglich, dass die beiden Brüder irgendwann die Zukunft und das Gesicht der Schweizer Fussballnationalmannschaft sein werden. Gemeinsam mit Alvyn Sanches, einem weiteren Ausnahmetalent – und einem weiteren Akteur aus dem französischsprachigen Teil des Landes. «Mit drei Westschweizern im Angriff könnte etwas sehr Starkes entstehen. Diese Einheit würde in einem mehrsprachigen Land wie der Schweiz eine natürliche Chemie entwickeln», sagt Boteli.
So weit ist es jedoch noch nicht. Boteli betont immer wieder, dass ihn Yakin erst spielen lassen müsse. Er beweist Demut – und sagt, dass er sich wiedererkennt in den Worten seines Agenten, der auf seiner Homepage das Motto festgehalten hat: «Talent öffnet die erste Tür, Charakter lässt sie offen.» Boteli wisse, dass man schnell aufsteigen, aber auch genau so schnell wieder fallen könne. Doch in seiner aktuellen Verfassung scheint es für ihn nur einen Weg zu geben: steil nach oben. (schweizheute.ch)

